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mich zuweilen ärgert.

Nachdem die Versöhnung erfolgt war, frühstückte der Arzt in bester Freundschaft mit den drei Herren und eilte dann seine Kranken zu besuchen, so wie sein dem Prediger gegebenes Versprechen zu erfüllen und ihm zugleich das wunderbare Zusammentreffen mit einem mann zu vertrauen, dessen feindselige Gesinnung einst seinem Leben Gefahr gedroht hatte; doch wollte er dessen Verwundung, wie er es gelobt hatte, pflichtmässig verschweigen.

Als der Arzt die Freunde verlassen hatte, wurden alle Gesichter ernster. Der Graf Robert erwartete die Mitteilung, die ihm gemacht werden sollte, und seine Gäste fühlten die notwendigkeit zu reden.

Sie sehen uns hier bei Sich, teurer Freund, begann der Baron Lehndorf, in einem traurigen, ungewissen Zustande.

Lass mich reden, unterbrach der junge Werteim den Sprechenden, die Erwähnung aller traurigen Umstände, die berührt werden müssen, würde Dich noch mehr als mich verletzen, wie ich Dein Gemüt kenne. Der Baron schien dem Freunde gern das Recht der Rede einzuräumen und lehnte sich still, mit bekümmerter Miene in den Sessel zurück.

Es ist keine Schande, arm zu sein, begann der Herr von Werteim, denn die zufälligen Gaben des Glücks bestimmen nicht den Wert des Menschen; desshalb sage ich es ohne Erröten, dass meine Jugend und Gesundheit mein einziges Vermögen waren, denn die sehr verschuldeten Güter meiner Familie sind schon mehrere Geschlechter hindurch das Erbe einer andern Linie, und meine Vorfahren hatten sich rühmlich, wenn auch nicht prächtig, durch Kriegsdienste und Staatsämter erhalten. Meinen Vater hatte ich früh verloren, und meine sehr kränkliche Mutter lebte mit meiner Schwester von einer kleinen Pension sehr beschränkt, so dass ich selbst zuweilen noch einen teil meines mässigen Gehaltes anwenden musste, um ihren kümmerlichen Haushalt zu unterstützen. Mit meinem Freunde Lehndorf verband mich früh eine brüderliche Neigung, und die zunehmenden Jahre steigerten diese bis zur innigsten Freundschaft, die sich in jeder Stunde unseres Lebens treu bewies. Der junge Mann sprach diese Worte mit bewegter stimme, indem er seinem Freunde die Hand reichte, und fuhr dann mit ruhigerem Tone fort: Lehndorf war in einer besseren Lage als ich. Er war allein, und ein kleines Erbe unterstützte ihn so lange, bis er hoffen durfte, eine Eskadron zu bekommen, er genoss also seine Jugend ohne drückende Sorgen. Es konnte bei unserer Vertraulichkeit nicht fehlen, dass er meine Schwester kennen lernte. Ihre Jugend und Liebenswürdigkeit machten Eindruck auf das Herz meines Freundes, und sie schien eine Empfindung zu teilen, von der wir hofften, dass sie unser Lebensglück erhöhen würde. Es ward bestimmt, sobald Lehndorf eine Eskadron bekäme, dass alsdann der Segen der Kirche ein glückliches Paar vereinigen und mir den zum Bruder weihen sollte, den ich längst als solchen liebte. Von heftiger Bewegung ergriffen sprang der Baron Lehndorf von seinem Sitze auf und eilte einige Mal hastig durch das Zimmer. Nachdem er sich gesammelt hatte, fuhr sein Freund also fort: So standen die Sachen, als der Krieg ausbrach. Welche unglückliche Wendung er nahm, ist bekannt. Die Pension meiner Mutter wurde nicht ausgezahlt, und ich traf meine Familie in der grössten Armut, als ich mit meinem Freunde zurückkehrte, der durch den unglücklichen Frieden so wie ich verabschiedet war. Jetzt schienen alle Hoffnungen zertrümmert und wir hätten dem grössten Elende erliegen müssen, wenn mein Freund nicht grossmütig den Rest seines kleinen Erbes mit uns geteilt hätte.

Lehndorf machte eine ungeduldige Bewegung. Warum willst Du mich zwingen zu verschweigen, rief sein Freund, was die Wahrheit zu bekennen fordert, und was ich Dir eben so einfach und treu geboten hätte, wie Du mir, wenn die Verhältnisse die umgekehrten gewesen wären? Zum Grafen gewendet fuhr er darauf fort: Das Liebesglück meines Freundes musste verschoben werden bis zu einer besseren Zeit, die wir alle nicht aufgeben konnten zu hoffen. Meine Schwester gelobte die zärtlichste Treue, und unsere Sorgen richteten sich auf die nächste Zukunft. Sie selbst nahmen teil an der innigen Verbindung deutsch gesinnter Freunde, und kennen die Verpflichtungen und den edlen Zweck unserer Vereinigung. Also können Sie denken, dass wir nicht zögerten, als mir und meinem Freunde der Auftrag wurde, einige ehemalige Kameraden, die so wie wir verabschiedet und in Untätigkeit lebten, zu prüfen und wo möglich für unseren edlen Zweck zu gewinnen. Wir eilten den Wunsch unserer Brüder zu erfüllen und lebten daher nah an zwei Monate entfernt von unseren Lieben. Ein feindliches Schicksal wollte, dass während dieser Zeit ein französisches Regiment, welches bis jetzt zur Besatzung gehört hatte, von einem anderen abgelöst wurde, und dass der Obrist des einrückenden seine wohnung in dem haus nahm, wo auch meine Mutter und Schwester in strenger Zurückgezogenheit ein Paar Zimmer im Hinterhause bewohnten. Der Obrist hatte eine deutsche Frau, oder wenigstens galt sie dafür, denn ihre gemeinen Sitten haben mir Zweifel über die Art der Verbindung erregt, in welcher sie mit dem Obristen lebte. Diese suchte, unter dem Vorwande, dass ihr als einer Deutschen der Umgang mit deutschen Frauen ein Trost sei, die Bekanntschaft meiner Mutter, und es gelang ihr durch manche kleine Dienstleistungen leicht, eine schwache, kränkliche Frau für sich zu gewinnen, so wie sie die unerfahrene Jugend meiner Schwester benutzte, um diese ganz in ihren Kreis hinüber zu ziehen. Als ich und mein Freund nach mühevollen, nur halb gelungenen Geschäften zurückkehrten, und die kleine wohnung betraten, wohin mich kindliches und brüderliches Gefühl, und meinen Freund die sehnsucht einer innigen, treuen Liebe zog, überraschte uns, da wir unvermutet