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weil der junge Mann seine Kräfte mehr angestrengt hatte, als die menschliche natur erlaubt, denn er hatte, ohne zu ruhen, seine Reise zwei Tage und zwei Nächte zu Pferde fortgesetzt. Dadurch war die Wunde gereizt und das heftige Wundfieber erregt worden, auch mochte der schlechte Verband das Uebel vermehrt haben. Sie können aufstehen, sagte der Arzt gleichgültig, nachdem er den neuen Verband aufgelegt hatte. Es ist gar keine Gefahr, dass Sie den Arm verlieren könnten, wie es mir gestern schien, und man kann auch heute ein vernünftiges Wort, wie ein Mann zum mann, mit Ihnen reden, ohne dass ein einsichtsvoller Arzt die Erschütterung Ihrer Nerven zu sehr befürchten muss.

Die Augen aller Anwesenden waren mit dem Ausdrucke des höchsten Erstaunens auf den Arzt gerichtet, denn Niemand begriff, was auf diesen Eingang folgen sollte.

Ja, ja, meine Herren, sagte dieser, indem er mit Selbstgefühl umherblickte, Sie sehen mich an und Ihre Mienen drücken Verwunderung über meine Rede aus, aber Sie, mein junger verwundeter Herr, dessen Name ich nicht die Ehre gehabt habe zu erfahren, obgleich wir nun zum zweiten Male bei einer merkwürdigen gelegenheit zusammentreffen, was wäre denn nun aus Ihnen geworden, Wer hätte hier Ihre Wunden verbinden sollen, wenn Sie mich, wie Sie vor einigen Monaten beabsichtigten, zum Fenster hinaus geworfen hätten? Nach einem solchen Sturze hätte ich wahrscheinlich Niemandem mehr meine hülfe angedeihen lassen können, und Falls ich mich auch vollkommen erholt hätte, so weiss ich doch nicht, ob meine Philosophie mich so stark gemacht haben würde, dem hülfreiche Hand bieten zu können, der seine hände feindlich und gewalttätig an mich gelegt hätte. Dass dieses Unglück vermieden ist, haben Sie nur dem Herrn Grafen zu verdanken.

Der Arzt hätte seine Rede noch viel länger fortsetzen können, denn alle Zuhörer waren so erstaunt, dass Niemand daran dachte, ihn zu unterbrechen. Als er endlich schwieg, trat der Graf Robert zu ihm und sagte, indem er ihm sanft die Hand auf die Schulter legte: Bester Doktor, reden Sie im Fieber?

Keineswegs, erwiderte der Arzt, indem er sich der Berührung entzog. Der Kranke weiss auch recht gut, dass dem nicht so ist, denn seinem Gedächtnisse wird es nicht entschwunden sein, dass er hier mit seinen Heerschaaren anrückte und statt höflich, wie es dem Freunde ziemte, seinen Bedarf für Rosse und Männer zu fordern, das Schloss gewissermassen mit Sturm zu nehmen dachte, und friedliche, wissenschaftlich gebildete Einwohner, die sich nicht Landesverräter wollten schelten lassen, zum Fenster hinaus zu werfen drohte.

Wie, rief der Kranke, indem er sich erhob; so bin ich hier unter dem dach des Franzosenfreundes?

Sie sind unter dem dach des edelsten Mannes, meines Oheims, erwiderte Graf Robert mit Ernst.

Wie ist es denn? sagte der verwundete Herr von Werteim, dieser Arzt spricht ja doch, als ob ich im haus des Mannes wäre, von dem damals angezeigt wurde, dass er während des ganzen Krieges einen französischen Offizier bei sich habe, mit dem er in der grössten Vertraulichkeit lebe.

Den habe ich hier, den französischen Offizier, rief der Arzt mit glühenden Wangen und funkelnden Augen, und Sie können ihn sehen. Vollkommen habe ich ihn hergestellt, gesund und blühend kann ich ihn zeigen, und so gut kann es Ihnen auch werden, wenn Sie sich vernünftig betragen.

Der Graf eilte den Arzt zu unterbrechen, dessen steigende Hitze unangenehme Auftritte zu veranlassen drohte, wie er auch in seinem Eifer gänzlich vergass, dass er den Kranken zu schonen habe. Diesem teilte nun der besonnenere Freund St. Juliens Verhältnisse in diesem haus mit, und mässigte die aufbrausende Hitze des Arztes am Besten dadurch, dass er, nachdem er den traurigen Zustand beschrieben, in welchem der junge Franzose im haus seines Oheims aufgenommen wurde, es rühmend anerkannte, dass er nur durch die Geschicklichkeit des Arztes lebe und seiner Familie zurückgegeben werden könne.

Wenn dem so ist, erwiderte Herr von Werteim, und wie könnte ich daran zweifeln, da ich von Ihnen, teurer Freund, die Aufklärung erhalte, so habe ich in törichter Hitze Ihren Oheim sehr beleidigt; ja, ich gestehe, ich habe mich so vergessen, dass nur allein die Verzweiflung, die in meinem Herzen tobte, mich einigermassen entschuldigen kann. Sie wissen es selbst, wo wir uns zeigten, gewahrten wir den Untergang unseres Vaterlandes. Feigheit und Verrat zerrissen das Herz unseres Königs und seiner Getreuen, und es ist begreiflich, dass die Verläumdung Eingang fand. Aus diesen Gründen, hoffe ich, wird mir Ihr Oheim vergeben, und Sie werden auch Ihren Freund, den Herrn Doktor, bewegen, mir seine Verzeihung zu bewilligen.

Als Christ, rief der leichtversöhnliche Arzt mit feierlicher stimme, als Christ habe ich Ihnen längst vergeben; als Mensch verzeihe ich Ihnen jetzt und als Arzt, fügte er hinzu, indem er die Augen halb zudrückte und schalkhaft blinzelte, denke ich feurige Kohlen auf Ihr Haupt zu sammeln, und das wird mir nicht schwer werden, denn Ihre Verwundung wird mir nicht so viel Not machen, wie die des armen St. Julien. Sie haben nur durch die Vernachlässigung so viel gelitten, aber er war in einem traurigen Zustande, und stolz schlägt das Herz in meiner Brust, so oft ich ihn ansehe, denn ohne mich würde er längst im grab ruhen und könnte alle die Possen nicht treiben, mit denen er uns belustigt, aber auch