alles diess beendigt war, fragte der Arzt den Kranken: Was haben Sie gegessen zu Abend? Gar nichts heute den ganzen Tag, erwiderte dieser, der mit diesen Worten zuerst das bis jetzt beobachtete Schweigen brach. Obgleich die stimme matt und krank war, so erkannte sie der Arzt dennoch, und sprang im höchsten Erstaunen drei Schritte zurück und rief: wunderbar! höchst wunderbar! Der junge Graf geriet in den verzeihlichsten Irrtum, dass der Arzt die lange Entaltsamkeit seines Freundes so lebhaft bewunderte, und sagte daher: Die heftigen Schmerzen haben den Armen gehindert, an Nahrung zu denken. Ach was! rief der Arzt, ich dachte jetzt nicht an Lebensmittel; aber was mich erschütterte, davon ist jetzt nicht Zeit zu reden. Jetzt muss ich als Arzt, als Menschenfreund handeln. Ihr Freund muss durchaus einige leichte, stärkende Nahrung haben, desshalb wird es nötig sein, Dübois gewissermassen in unser geheimnis zu ziehen. Er ist ein braver Mann, ob er gleich ein Franzose ist, wie wir ja überhaupt einige achtungswerte Subjekte von dieser Nation kennen gelernt haben; und er ist sehr dienstfertig, obgleich er hier im haus sehr verwöhnt wird. Man muss sich an ihn wenden, damit er Ihrem kranken Freunde etwas Kraftbrühe verschafft, denn er darf nicht länger ohne Nahrung bleiben. Sie hätten mir diess nur mit wenigen Worten auftragen dürfen, sagte der junge Gustav empfindlich. Herr Dübois ist der menschenfreundlichste Mann von der Welt und wird gewiss sogleich aus dem Bett aufstehen, um herbei zu schaffen, was Sie bedürfen. Nach diesen Worten ging der junge Mensch hinweg, und der Arzt beobachtete noch eine Zeit lang den Kranken; dann sing er an, seine auf dem Tische ausgebreiteten Instrumente sorgfältig zu reinigen und einzupacken, und er hatte diess Geschäft noch nicht geendigt, als der Jüngling schon wieder eintrat und eine Schale Kraftbrühe für den Kranken selber brachte. Der Arzt eilte, um diesen im Bette aufzurichten und, während er die dargebotene Nahrung nahm, zu unterstützen. Der Kranke fühlte die wohltuende wirkung der Nahrung, die er zu sich genommen, und senkte sein Haupt unmittelbar darauf zum Schlaf auf die Kissen nieder.
Der arme! sagte Graf Robert, er hat zwei Nächte ohne Ruhe, gepeinigt von Sorgen, zu Pferde zugebracht, und diesen ganzen Tag ohne Nahrung, weil die Schmerzen der schlecht verbundenen Wunde zu heftig wurden.
Wir wollen nun sehen, sagte der Arzt, wie es morgen sein wird. Ich werde nicht eher kommen, als bis Sie mich rufen, damit ich nicht unnütz seinen Schlaf störe, denn Ruhe bedarf Ihr Freund vor allen Dingen. Sobald er aber erwacht ist, zögern Sie keinen Augenblick mich zu rufen. Nach diesen Worten ging der Arzt hinweg, um sich ebenfalls zur Ruhe zu begeben, deren Bedürfniss er auch zu fühlen begann.
Der Graf Robert schlief wenig in dieser Nacht. Der ängstliche Zustand seines verwundeten Freundes hatte keinen andern Gedanken bis jetzt Raum gegeben, als nur solchen, die dazu dienten, dessen Schmerzen zu erleichtern. Jetzt aber, in der Stille der Nacht, überliess er sich dem Nachdenken. Er wusste noch nicht, welche Mitteilungen ihm beide Freunde zu machen hätten, und er wünschte den Morgen herbei, um sowohl den Zusammenhang des Unglücks, welches den einen betroffen, zu erfahren, als auch zu der Kenntniss zu gelangen, welche Art von Beistand sie eigentlich von ihm erwarteten. Der Verwundete, sein ehemaliger Regimentskamerad, ein Herr von Werteim, war entschlummert; der Andere, welcher gleichfalls bei demselben Regimente mit dem Grafen gedient hatte und ein Baron Lehndorf war, warf sich unruhig auf dem Lager umher, und der Graf hörte seine tiefen Seufzer, und er bemerkte, dass sein bekümmerter Gast erst in einen unruhigen Schlummer fiel, als schon der Morgen zu dämmern begann. Endlich behauptete die natur ihr Recht und auch die Augen des Grafen Robert waren geschlossen. Ein sanfter Schlummer ruhte auf den Augenliedern der drei Freunde, als der Arzt mit leisen Schritten, von Gustav begleitet, in das Zimmer schlich. Er hatte sich gewundert, dass ihn noch Niemand gerufen hatte, und wunderte sich nun noch mehr, hier noch Alles in sanften Schlaf versenkt anzutreffen. Er näherte sich behutsam dem Lager des Kranken und betrachtete ihn aufmerksam. Wenn Sie nun, wendete er sich tröstend zu Gustav, dieses jugendliche, bleiche Gesicht betrachten, dem der Kummer unverkennbar seine Züge aufgedrückt hat, wenn Sie diesen wehmütigen Mund ansehen, werden Sie wohl glauben, dass diese Gliedmassen und Lineamente dem rohesten Menschen angehören? Verwundert und zweifelnd sah der Jüngling den Arzt an. Ich weiss, was ich sage, rief dieser, durch die zweifelnde Miene seines Zuhörers beleidigt, die nötige Vorsicht vergessend, und der Kranke schlug die blauen Augen auf, und zugleich ermunterten sich die andern Schläfer. Nun, wie geht es heute, fragte der Arzt den Verwundeten; es tut mir leid, dass ich Ihre Ruhe gestört habe.
wunderbar, erwiderte der Verwundete mit tiefer, wohltönender stimme, vor deren Klang aber der Arzt ein wenig zurückbebte, wunderbar hat Ihre hülfe und die Ruhe der Nacht meine Schmerzen gelindert, und ich fühle, dass ich aufstehen kann, ohne meine Kräfte anzustrengen. Erst wollen wir Ihren Arm betrachten, sagte der Arzt, dann wird es sich zeigen, ob Sie aufstehen können. Der Verband wurde abgenommen und der Arzt überzeugte sich bald, dass der schlimme Anschein am vorigen Abend ihn getäuscht habe, der wahrscheinlich daher entstanden war,