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Kranken zu besuchen, ob die heute angekommenen Gäste auf dem schloss geblieben sind. Auf den Fall würde ich doch morgen wieder herkommen, um sie mir anzusehen. Der Arzt gab das verlangte Versprechen, und der Pfarrer trennte sich von ihm in wohlwollender Stimmung.

XIII

Es waren kaum einige Minuten verflossen, nachdem der Prediger den Arzt verlassen hatte, und dieser fing eben an sich auszukleiden, wobei er aus tiefster Brust in abwechselnden Tönen gähnte, als seine tür geöffnet wurde und Graf Robert zu seinem Erstaunen bei ihm eintrat. Bester Herr Doktor, redete ihn dieser mit verstörter Miene an, mit Angst und Sorgen habe ich gewartet, bis der Prediger Sie verlassen hat, um Ihre hülfe in Anspruch zu nehmen. Ich weiss, Sie sind ein verschwiegener Mann und treuer Freund.

So weit die Welt mich kennt, sagte der Arzt, sich in die Brust werfend, wird mir Niemand diese Eigenschaften absprechen.

Eben darum, erwiderte der junge Graf, nehmen wir unsere Zuflucht zu Ihnen. Einer meiner jungen Freunde ist in eine Ehrensache verwickelt, ein Duell war die Folge, in dem er verwundet worden ist. Er scheint sehr zu leiden und weigerte sich doch standhaft, Sie früher um Ihren Beistand zu bitten, als bis Sie allein sein würden, denn Verschwiegenheit ist in seiner Lage durchaus notwendig.

Sie können darauf rechnen, sagte der Arzt, der seinen Rock schon wieder angezogen hatte, meine Lippen schweigen wie das Grab. Das ist die Pflicht des Arztes, und Sie wissen, dass ich alle meine Pflichten erfülle. Nach diesen mit grossem Nachdruck gesprochenen Worten, nahm er alle chirurgischen Instrumente zusammen, so wie alles zum Verband Erforderliche. Diese Sachen werden wir vermutlich brauchen, sagte er mit einem schlauen Lächeln, da Sie des Wundarztes mehr, als des Doktors zu bedürfen scheinen.

Er folgte nun dem jungen Grafen nach dessen Zimmer, wo sie seine beiden Freunde und den jungen Gustav antrafen. Sie haben den jungen Menschen in Ihre Geheimnisse eingeweiht, sagte der Arzt, indem er verwundert einen Schritt zurücksprang; verlassen Sie sich auf seine unbedachtsame Jugend?

Sein Sie ruhig, erwiderte der Graf, ihn hat ein hartes Schicksal früh gereift; seiner Vorsicht dürfen wir uns unbedingt vertrauen.

Wenn das ist, sagte der Arzt, so verdient er die höchste achtung. Aber, fuhr er mit bedenklicher Miene fort, wenn Ihr geheimnis nicht verschwiegen bleibt, so denken Sie daran, dass Sie es mir nicht allein vertraut haben. Nach diesen Worten näherte er sich dem Kranken, der in einem Lehnstuhle sass und sehr zu leiden schien. Sein Gesicht war bleich wie das eines toten, und die blauen, zuckenden Lippen deuteten auf heftige Kälte, die den ganzen ermatteten Körper zu beben zwang. Der hat ein tüchtiges Wundfieber, sagte der Arzt, zum Grafen gewandt; sein Zustand muss sogleich untersucht werden. Er näherte sich hierauf dem Kranken und sagte mit etwas heftiger stimme: Und warum liegen Sie denn bei Ihrer Ermattung nicht ordentlich ausgekleidet im Bette?

Sein Arm ist so aufgeschwollen, sagte der junge Graf, dass wir ihn nicht von seinem Rocke zu befreien vermochten.

Der Arzt sah, dass selbst über Hand und Finger sich eine starke Geschwulst verbreitet hatte. Er antwortete nichts, sondern nahm aus seinem Besteck eine Scheere und schnitt den Aermel des Rocks der Länge nach auf. So klug hätten Sie lange sein können, sagte er, sich an den jungen Gustav wendend, der ihm zu seiner Beschäftigung leuchtete, weil er diese verweisenden Worte nicht an die andern Gegenwärtigen geradezu richten und ihnen doch eine Lehre für die Zukunft geben wollte. Als der Verwundete von seinem beschwerlichen Kleidungsstücke befreit war, zeigte es sich, dass seine Wunden unter dem Verbande stark geblutet hatten, und es war nicht möglich, den alten Verband ohne Schmerzen abzunehmen. Während nun der Arzt hiemit beschäftigt war, rief er mehrere Mal: In welchen Händen sind Sie gewesen? Wie haben Sie sich einem Menschen anvertrauen können, der nicht einmal einen Verband aufzulegen versteht? Das ist ja ärger, als ob Sie unter die Wilden geraten wären, denn die werden es doch noch besser verstehen, eine Wunde zu verbinden. Der junge Graf suchte ihn zu beruhigen, indem er ihm sagte, dass sein Freund nicht hätte daran denken können, für seine Gesundheit zu sorgen, indem er nur auf seine Sicherheit habe Rücksicht nehmen können, und desshalb wären schon zwei Tage verflossen seit dem ersten Verbande. Wenn Sie meinen Verband nach sechs Wochen abnehmen wollten, erwiderte der Arzt mit Verachtung, so würden Sie ihn immer noch in ganz anderm Zustande antreffen.

Während dieser Rede war es endlich gelungen, die Wunde zu befreien, und der Arzt heftete einen langen, bedeutenden blick auf den jungen Grafen, indem er einen Ausruf, der seinen Lippen entschlüpfen wollte, gewaltsam zurück drängte und dabei so wunderliche Gesichter machte, dass nur der Ernst des Augenblicks so mächtig auf seine Umgebung wirken konnte, dass sich keine Spur von Lachlust zeigte. Der Graf mochte nicht fragen, aber ihn selbst hatte der Anblick der Wunde und der ganz blau aufgelaufene Arm belehrt, dass das Uebel seines Freundes zu den ernstaften gehörte. Mit schonender, leichter Hand hatte der Arzt die schlimme Wunde gereinigt und den kunstgemässen Verband aufgelegt, und der Kranke fühlte sich sehr erleichtert. Der Graf gab ihm von seiner Wäsche, und der Arzt half ihn in eine bequeme Lage auf sein Lager bringen. Auch diess schien in ihm eine wohltätige Empfindung zu erregen. Als