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Mein lieber Sohn hat mir einige Kisten Wein gesendet. Lieber Gott, er ist in einer Lage, wo er das alles mit Leichtigkeit erwirbt, und er will nicht, dass das schwache Licht meines Lebens erlöschen soll, und sucht desshalb die Flamme zu nähren; nun, der Herr wird es ihm vergelten. Er sagte mir hierauf, dass in der nächsten Woche seine beiden Kinder ihn auf einige Tage besuchen würden, um seinen siebzigsten Geburtstag festlich zu begehen, und er lud mich so dringend dazu ein, dass ich zusagen musste. Als er mein Versprechen hatte, fing er an, wie er sagte, aus Freude darüber, unmässig zu trinken, und ich verliess ihn im Zustande tierischer Betrunkenheit und schämte mich, dass ich ein solches Mahl mit einem solchen Menschen hatte teilen können. Auch war ich natürlich entschlossen, sein Haus nicht wieder zu betreten, obgleich ich gern sehen möchte, wie sich die saubere Familie an diesem Feste gebehrden wird. Auch möchte ich wissen, wo sich seine Tochter aufhält, nachdem sie den französischen General verlassen hat, der Alte gab darüber nur ausweichende Antworten. Ist es denn nun, schloss der Prediger, nach allem diesem nicht unerträglich, dass dieser übermütige Mensch noch Wohltaten empfangen soll, deren Wert er so wenig erkennt?

Sie haben Recht, erwiderte der Graf, und nur ein gegebenes Wort bestimmt mich, eine Unterstützung fortzusetzen, die allerdings, wie ich selbst einsehe, besser angewendet werden könnte.

Der Geistliche konnte hierauf nichts weiter erwiedern, und wurde von der Unterredung mit dem Grafen durch einen lebhaften Streit zwischen dem arzt und St. Julien abgezogen, an dem nach und nach die ganze Gesellschaft teil nahm. Der Arzt behauptete nämlich mit grösstem Eifer, da die Franzosen in Deutschland wären, so wäre es ihre Schuldigkeit, deutsch zu lernen, und sie müssten es wie eine höfliche gefälligkeit betrachten, wenn man sich dazu verstände, französisch mit ihnen zu reden, und hätten gar kein Recht, weder über schlechte Aussprache noch sonstige Mängel dabei zu lachen. St. Julien scherzte über den Gedanken und fand die Vorstellung ungemein belustigend, dass also, wenn ein Feldzug eröffnet werden sollte, die erste Vorbereitung dazu durch die Sprachmeister in verschiedenen Zungen gemacht werden müsste.

Der Graf, der sich in das Gespräch mischte, sagte: Sie würden Recht haben, lieber Doktor, wenn die Franzosen zu uns als Bittende, Hülfesuchende kämen; da sie aber leider als Sieger hier sind, so können sie wohl erwarten, dass wir unsere Gesuche in ihrer Sprache vortragen, denn es möchte zu unserm eigenen Nachteil gereichen, wenn wir diess nicht verständen, und so schafft eine Gewohnheit selbst, die mir immer so ausserordentlich albern erschienen ist, doch auch ihren Nutzen, freilich bei einer unerfreulichen gelegenheit.

Welche Gewohnheit? fragte der Prediger neugierig.

Der seltsame Gebrauch, erwiderte der Graf, der seit Jahrhunderten immer weiter um sich gegriffen hat, in den gebildeten Familien statt der Landessprache die französische zu reden, und nicht etwa gegen Franzosen oder überhaupt gegen Fremde, nein, unter sich, so dass recht in ihrem Herzen eine jede Familie ihrer Nationalität entäussert und fremd, französisch, zu werden sucht.

Tadeln Sie die Kenntniss und den Gebrauch fremder Sprachen, fragte St. Julien verwundert, da Sie selbst mehrere gründlich kennen und lieben?

Der Graf antwortete lächelnd: Kaiser Karl der Fünfte sagte, ein kluger Mann, der vier Sprachen redet, ist so viel wert, als vier kluge Männer, und der Meinung bin ich auch. Aber würden Sie sich nicht wundern, wenn in den französischen Salons auf ein Mal deutsch oder englisch von allen Menschen geredet würde, die darauf Anspruch machen, zu den Leuten von gutem Tone zu gehören, und Jeder diess für vornehmer hielte, als wenn er an seinem eigenen Heerde sich der Sprache seines Landes bediente? Würden nicht alle wahren Franzosen ein solches antinationales Beginnen auf das Heftigste und zwar mit Recht tadeln? Und liegt nicht der Gedanke ganz nahe, wenn ich mich immer eines fremden Idioms bediene, um meine besten Gefühle, sinnreichsten Gedanken und witzigsten Einfälle darin auszudrücken, dass die Sprache des Landes vernachlässigt werden, roh und ungebildet bleiben muss? In Deutschland hat ein gebildeter Mittelstand die Sprache lebendig ausgebildet, und gewiss dadurch viel zu dem Glanze und der Anmut beigetragen, die wir neben der Tiefe und Innigkeit bei den vorzüglichsten Schriftstellern unserer Nation bewundern. Die Vornehmen haben seit lange besser verstanden, sich französisch als deutsch auszudrücken.

Es ist wahr, sagte St. Julien, auch die Italiener erwarten, dass man in ihrem land ihre Sprache mit ihnen redet, aber ich habe diess immer für Unwissenheit gehalten.

Zum teil, sagte der Graf, mag es so sein. Aber noch weiter gehen in dieser Forderung die Engländer, und gewiss nicht aus Unwissenheit, sondern aus sehr zu lobendem Nationalstolze; denn ich wenigstens begreife nicht, worauf sich die Vaterlandsliebe am Ende stützen kann, wenn eine Nation alles Eigentümliche, bis auf ihre Sprache selbst, bei sich zu vertilgen strebt. Ein Bequemlichkeit ist indess, wie nicht zu läugnen ist, aus dieser lächerlichen Gewohnheit entstanden, dass nämlich die französische Sprache die geistige Scheidemünze des Lebens geworden ist und man nur diese eine zu erlernen braucht, um sich vom Tajo bis zur Newa und noch weiter hinaus verständlich zu machen.

Und das ist doch ein grosser Vorteil, rief St. Julien.

Für die Franzosen, erwiderte der Graf; sie gewinnen dabei am Meisten, selbst an