Emilie, die halb hinter derselben verborgen stand, sendete einen blick zärtlicher, seliger Freude zu ihm hinüber, der ihm das Herz in seinen Tiefen bewegte, und ihm schien es, als ob er jetzt es zum ersten Male wahrhaft und mit ungemessener Dankbarkeit empfände, wie wahr und innig er in diesem haus geliebt sei, wo ihn die zartesten Bande umschlossen.
Als die ersten freudigen Begrüssungen vorüber waren, wollte der Graf den Frauen erzählen, wie bereitwillig der Kommandant ihren Wunsch erfüllt habe, aber ehe er noch seinen Bericht begann, erschien der Prediger, der es wusste, dass die Freunde diesen Abend zurück erwartet würden, um so bald als möglich zu hören, wie es bei dem feindlichen General gelungen, und zu sehen, ob St. Julien wirklich wieder zurückgekehrt sei, woran auch er, wie der Graf Robert, gezweifelt hatte. Die Freude und die Glückwünsche wurden bei seinem Eintritte erneuert, aber er selbst kürzte sie gern ab, um zu erfahren, was der Graf über seinen kurzen Aufentalt in der Festung *** mitteilen würde. Dieser konnte natürlich nur die Höflichkeit und gefälligkeit des Kommandanten rühmen, der ihnen ohne alle Schwierigkeiten die Freude gewährt hatte, St. Julien noch zwei Monate bei sich zu sehen, und zwar ohne Nachteil für den jungen Mann. Zwei Monate schienen den jungen Leuten eine beträchtliche Zeit, und ein unbewusst schnell gewechselter blick zwischen Emilie und St. Julien sprach ohne ihren Willen diese Meinung aus, und erregte in jedem ein tröstliches Gefühl. Der Graf erzählte dem Prediger die merkwürdige Ungezogenheit des jungen Lorenz, und dieser rief höchst entrüstet: So werden Sie doch dem Vater dieses übermütigen Menschen die Pension nicht länger zahlen, die er von Ihnen zieht?
Und wie hinge das, was ich dem Vater versprochen habe, mit dem Betragen des Sohnes zusammen? fragte der Graf.
Glauben Sie denn, dass er weniger schlecht und undankbar ist, als der Sohn, erwiderte der Prediger; glauben Sie, dass er Ihre Unterstützung im Mindesten verdient oder auch jetzt nur bedarf?
Sie haben gewiss Recht, antwortete der Graf, und ich bin ganz Ihrer Meinung. Auch gestehe ich Ihnen, hätte ich diese unwürdige Familie bei meiner Ankunft gekannt, so wie ich sie jetzt kenne, dass dann meine Unterstützung wenigstens nicht so bedeutend ausgefallen sein würde, trotz der langen Dienstjahre, die der Alte geltend macht. Da ich aber aus Mangel an richtiger Kenntniss mein Wort einmal gegeben habe, so kann ich mich nicht wieder zurückziehen, obwohl ich einsehe, dass der alte Lorenz nicht sowohl so viele Jahre gedient hat, wie er sich rühmt, als vielmehr sich und seine Familie verschwenderisch hat erhalten lassen, ohne Nutzen zu stiften, und gewiss hätte er dafür keine Belohnung verdient; aber, wie gesagt, die Sache lässt sich nun nicht mehr ändern und wir müssen uns darein ergeben.
Es ist aber ärgerlich, sagte der Pfarrer, dem noch Wohltaten zuwenden zu sehen, der jetzt wieder mit Uebermut wie ein reicher Mann unter uns auftritt. Er hat das kleine Gut Schöntal gepachtet und lebt dort ganz wie ein Edelmann. Ich war neugierig, seine Einrichtung zu sehen, und brachte ihm desshalb selbst die vierteljährige Pension hin, die Sie ihm zukommen lassen. Ich erstaunte, wie ausserordentlich gut er das Haus meublirt hat, und er hatte die Unverschämteit, mir mit seinem widrigen Lächeln zu sagen: Da jetzt so viele Edelleute in der schweren Kriegszeit, die Gott über uns verhängt hat, zu grund gehen, so kommt man wohlfeil an alle diese Dinge, Herr Prediger, und ich kann nach Gottes gnädigem Willen in meinem Alter doch noch fühlen, dass ich ein Mensch bin, so gut wie alle die Herren. Das Geld, welches ich ihm brachte, warf er so gleichgültig in seinen Schreibtisch, als wäre es für ihn eine ganz geringe Summe und keineswegs eine Unterstützung, die er der Grossmut verdankt, sondern die Bezahlung einer unbedeutenden Schuld. Mein Schreiber soll die Quittung aufsetzen, sagte er vornehm, ich werde sie unterzeichnen, denn meine Augen werden schwach und erlauben mir nicht mehr viel zu schreiben. Ich ärgerte mich so sehr über sein übermütiges Betragen, dass ich ihn etwas zu demütigen beschloss und daher sagte: So würden Sie wohl jetzt keine Urkunden mehr abschreiben können, wenn sich die gelegenheit darböte? Nein, das würde mir nicht mehr möglich sein, antwortete er sehr freundlich ohne alle Verlegenheit, auch habe ich es Gottlob nicht mehr nötig, solche arbeiten zu machen, und bin durch Gottes Gnade so eingerichtet, bester Herr Prediger, dass ich in meinem haus nur über Dinge zu sprechen brauche, die mir angenehm sind. Ich wollte den alten Sünder verlassen, aber er bestand darauf, ich musste den Abend bei ihm bleiben, und ich fand seinen Tisch ausserordentlich gut besetzt. Man hat die Gottesgabe, bemerkte er, weit billiger, als die vornehmen Herren, denn die Kenntnisse, die ich mir in der Jugend erwarb, schützen mich besser vor Betrug. Das kann ich begreifen, erwiderte ich ihm, so dass er die Beziehung verstehen musste. Freilich, freilich, antwortete der Schelm ohne alle Verlegenheit, es begreift sich leicht. Wer so lange, wie ich, in herrschaftlichen Häusern lebt, macht auch seine Studien, nur anders wie die Gelehrten, Herr Pfarrer. Bei Tische wurden sehr gute Weine angeboten, und der Alte sagte mit unerträglicher Heuchelei: Gott hat mir gute Kinder geschenkt, die für ihren alten Vater sorgen.