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Sie beim Marsche Ihres Regiments einen Abend in heiterer Gesellschaft mit den Lambertis zugebracht, darauf des andern Morgens etwas spät mit ihnen ausgeritten wären, und um an dem gegebenen Sammelplatze wieder mit Ihrem Regiment zur rechten Zeit zusammentreffen zu können, hätten Sie einen Führer angenommen, der Sie auf kürzeren Wegen durch das Gebirge zu führen versprochen habe. Dieser aber sei ein Verräter gewesen, denn er habe Sie gänzlich vom Wege abgeleitet, und endlich wären Sie in der Einöde eines sich weit ausdehnenden Waldes auf ein kleines Detachement preussischer Truppen gestossen, bei deren Anblick Ihr Wegweiser sogleich entflohen sei. Von den Preussen angegriffen, hätten Sie, teurer St. Julien, nach der tapfersten Gegenwehr Ihrem Schicksale erliegen müssen, und auch Ihre Freunde, die Lambertis, wären nahe daran gewesen, Ihr los zu teilen, weil sie sich, aus mehreren Wunden blutend, schon ermattet gefühlt hätten, als Hörnertöne aus der Ferne das feindliche Detachement vermutlich zu seinem Regimente riefen, denn ohne sich um den toten zu bekümmern und ohne die Lebenden weiter zu bekämpfen, wären die Feinde so eilig als möglich davon gesprengt, und den Lambertis blieb nichts übrig, als ihren gefallenen Freund zu beweinen. Der jüngste Lamberti hatte Ihre Uhr, Ihren Ring und Ihr Taschentuch zu sich genommen, um bei seiner Rückkehr nach Frankreich Ihrer Mutter diese traurigen Zeichen von dem unglücklichen Ende eines geliebten Sohnes zu überreichen.

Es ist ein Glück, sagte St. Julien mit sehr bewegter stimme, dass meine Muter anders unterrichtet ist und also, wenn der teilnehmende Bote die Zeichen meines Todes überreicht, nicht so heftig erschüttert werden kann, wie er vermutlich erwartet.

Und verhält es sich so mit der geschichte Ihres Unglücks, wie eben erzählt wurde? fragte der General.

Alles verhält sich so, erwiderte St. Julien, der mit grosser Anstrengung seine Fassung zu behaupten strebte. Der Graf hatte während dieses Gesprächs St. Julien aufmerksam beobachtet, und ihm entging es nicht, wie gewaltsam dieser sein Gefühl niederkämpfte. Bei der letzten Antwort begegneten die Blicke des junges Mannes denen des Grafen, und eine dunkle Röte bedeckte augenblicklich sein Gesicht, wodurch der Letztere überzeugt wurde, die Sache verhalte sich anders.

Sie lebten in grosser Vertraulichkeit mit den Lambertis, begann der Adjudant von Neuem. Ich glaube, Sie sind sogar verwandt.

Weitläuftig, sehr entfernt, erwiderte St. Julien kurz, um das Gespräch zu endigen.

Die Lambertis sind aber Italiener, sagte der Adjudant.

Die Mutter meines Vaters war eine Italienerin, erwiderte der junge Mann, und ich hoffe diesen Freunden und Verwandten noch als wieder erstandener Todter den gebührenden Dank für ihre Teilnahme an meinem unglücklichen Ende abzustatten.

Dem Grafen entging die Zweideutigkeit dieser Antwort nicht und er fing an zu glauben, dass St. Julien über seine beinah tödtliche Verwundung darum ein hartnäckiges Stillschweigen beobachtet hatte, um nicht Gräuel und Verbrechen seiner eigenen Familie zu entüllen. Er suchte ihn also auch jetzt von der unangenehmen notwendigkeit zu erlösen, noch mehr über diesen Gegenstand zu sprechen, und gab der Unterhaltung durch einige zweckmässige fragen eine andere Richtung.

Endlich wurde die Tafel aufgehoben und die Gesellschaft trennte sich. Es war leicht zu bemerken, dass St. Juliens natürliche Heiterkeit ihn verlassen und einem trüben, ernsten Nachdenken Platz gemacht hatte. Der Graf fühlte sich erleichtert, als er, im Gastofe angekommen, die nötigen Befehle geben konnte, um die Rückreise nach Schloss Hohental anzutreten, denn der Aufentalt unter französischen Kriegern, umringt von ihren Fahnen und Feldzeichen, beklemmte seine Brust, und ihn verwundete tief, was St. Julien in Entzücken versetzt hatte. Beide gaben sich also aus verschiedenen Gründen einem schwermütigen Sinnen hin. Nur der Arzt war vollkommen heiter; er hatte den vollständigsten Sieg über seinen Feind Lorenz davon getragen, der an der Tafel des Kommandanten wenig war beachtet worden, während er selbst, nach seiner Meinung, die grössten Auszeichnungen genossen hatte. Er war auch der erste, der Neigung zeigte, ein Gespräch anzufangen, als sie die Festung hinter sich hatten. Ich hätte nicht gedacht, begann der Arzt seine Rede, dass die Franzosen so höflich und liebenswürdig sein könnten, wie ich sie heute gefunden habe, und wenn sie den Uebermut aufgeben wollten, alle anderen Völker zu beherrschen, so würde ich mich nicht weigern, sie als Kinder der civilisirten Welt, als Brüder in der grossen europäischen Familie zu betrachten.

Der Graf musste bemerken, dass die letzte Unterhaltung an der Tafel des Kommandanten der Festung *** einen tiefen Schatten in St. Juliens Seele gesenkt hatte, da selbst diese Aeusserung des Arztes seine Laune nicht erregte und er es dem Grafen überliess, eine Antwort darauf zu geben, dessen Stimmung ebenfalls nicht heiter genug war, um in alle Ansichten des Arztes einzugehen. Es wurden also ziemlich stumm die ersten Meilen zurückgelegt. Je mehr sie sich aber Schloss Hohental näherten, um so lebhafter fühlte St. Julien das Glück, noch zwei Monate in dem Kreise seiner Freunde verweilen zu dürfen, und die Lebhaftigkeit des Geistes, der Frohsinn der Jugend waren zurückgekehrt, noch ehe der Wagen durch das Tor des Schlosses rollte.

Der Graf Robert eilte den Ankommenden entgegen, und wie einen neu gewonnenen Freund schloss er mit grosser Freude St. Julien in die arme, denn er hatte innerlich gefürchtet, der Kommandant der Festung *** würde Schwierigkeiten machen, die Rückkehr zu erlauben, und vielleicht darauf bestehen, dass St. Julien sogleich zu seinem Regiment abreisen solle. Die Gräfin bewillkommnete ihn mit sichtbarer Rührung, und