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. Du hast Recht, diese Ungerechtigkeit entspringt aus einer gequälten Seele, aus einem von tausend Qualen zerrissenen Herzen; aus Erinnerungen an Leiden, die ich nicht vertilgen kann und nicht mitteilen will. Vergieb mir, Emilie, dass ich Dir wehe getan habe, und statt ein Kind, das ich mir zu plagen erlaubt habe, wirst Du mir künftig eine Freundin sein, an deren Brust ich über meinen Kummer weinen kann; nur frage mich nie um diesen Kummer.

Sie breitete, indem sie diess sprach, ihre arme aus und drückte Emilie mit Liebe an die Brust, die ihre Umarmung mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit erwiderte.

Nach diesen Erklärungen bat die Gräfin ihre junge Freundin, sie einige Zeit allein zu lassen, dass sie sich zu sammeln vermöchte, und Emilie war verwundert, als nach einer Stunde die Gräfin im Gesellschaftszimmer zur Teezeit erschien, zwar noch blass und matt, aber im Aeussern vollkommen ruhig. Sie nahm an allen Gesprächen Anteil, und sprach mit Geist und Feuer über Musik und Poesie, als die Unterhaltung sich dahin lenkte, und bat zuletzt Emilie, viele ihrer Lieblingslieder zu singen, wozu der Graf bereit war zu accompagniren, so dass der Abend viel heiterer zugebracht wurde, als sich nach einem so stürmischen Tage erwarten liess.

V

Es waren einige Wochen vergangen seit diesen begebenheiten, ohne dass auf dem schloss etwas Merkwürdiges vorgefallen wäre. Der Verwundete besserte sich langsam, aber noch immer konnte ihm nicht zu sprechen erlaubt werden, um nicht die tiefen Wunden auf seiner Brust zu reizen. Die Nachforschungen des alten Dübois waren fruchtlos gewesen, denn es schien, dass man den jungen Mann nach seinem Falle beraubt habe, weil eben so wenig ein Taschenbuch, als Geld oder Uhr oder irgend eine Sache von Wert in seinen Kleidern gefunden wurde. Der Graf hatte dem Haushofmeister aufgetragen, den jungen Mann mit Wäsche, Kleidern und Allem, was er bedürfen würde, zu versorgen, und man musste nun abwarten, bis er selbst Aufschluss über sein Schicksal geben könnte. Der Pfarrer war mehreremale auf dem schloss gewesen und hatte es jedesmal unbefriedigt verlassen; der Kranke durfte nicht sprechen, der Arzt wusste nichts anders, als seine begebenheiten, seine Erfahrungen, seine Empfindungen mitzuteilen, und die Uebrigen wollten sich auf nichts einlassen. Alles, was der Pfarrer in Bezug auf das Ereigniss hatte in Erfahrung bringen können, war, dass feindliche Reiterei in der Entfernung von einigen Meilen passirt sei, was wenigstens möglicher Weise in Beziehung mit dem Verwundeten stehen konnte, aber die Nachrichten die er darüber erhalten, waren dunkel, da sie ihm ein wandernder Krämer mitgeteilt hatte, der sie wieder von Bauern erfahren haben wollte. Es blieb nach vielen vergeblichen Versuchen dem Pfarrer nichts anders übrig, als sich so gut wie alle Andern in Geduld zu fügen.

Der Baron Löbau, Erbherr auf Heimburg, wie er sich gern nennen hörte, war ebenfalls auf dem schloss gewesen, um der Gräfin, wie er sagte, seine Aufwartung zu machen und sich nach dem Unglücklichen zu erkundigen, dessen Pflege der Graf, wie er nachdrücklich bemerkte, aus Menschenliebe übernommen habe; man fülte, er wollte, indem er dem Grafen etwas Verbindliches sagte, doch zugleich an den Grenzstreit und sein bewahrtes Recht erinnern.

Der Baron Löbau war in seiner Jugend am hof gewesen und hatte sich damals die feinsten Sitten zu eigen gemacht, Neigung für das Landleben bestimmte ihn, sich früh zurückzuziehn und diesem sich zu widmen; obgleich er nun aber ein höchst tätiger Landwirt geworden war, so hatte er dessen ungeachtet nicht seine Ansprüche auf das Lob eines feinen Hofmannes aufgegeben, hatte er auch seit mehr als dreissig Jahren diese glänzende Bühne, auf der er sich in früher Jugend hatte versuchen wollen, nicht mehr betreten. Er dachte nicht daran, dass auch über das Betragen die Mode herrsche, und zweifelte keinen Augenblick daran, dass, was zu seiner Zeit als fein, galant und artig angesehen worden, auch noch jetzt so betrachtet werden müsse. Er hielt sich für einen Philosophen, weil er das Landleben liebte, für einen Hofmann, weil ihm auch Gesellschaft angenehm war, für einen Gelehrten, wenigstens für einen sehr gebildeten Mann, weil er einige Bücher gelesen hatte, für einen Kunstkenner, weil er einige schlechte Bilder und einige höchst mittelmässige Kupferstiche besass, für einen Staatsmann, weil er alle Rechte genau inne hatte, die sich auf die Provinz, in der er lebte, und auf seine besonderen Verhältnisse anwenden liessen. Er gefiel sich in seiner Würde als ein bedeutender Gutsbesitzer, von dem viele andere Personen abhängig waren. Er war bei diesen unschuldigen Torheiten gütig, dienstfertig, wohlwollend und dennoch weniger geliebt, als er es verdiente. Wenige Menschen gaben sich die Mühe, seinen Charakter genau kennen zu lernen, und beinah alle seine Nachbaren fühlten sich von ihm beleidigt und beschuldigten ihn des Mangels an Aufrichtigkeit.

Diesen Verdacht zog sich der gute Baron unwillkührlich zu, denn bei seiner leicht gereizten Phantasie machte die Gegenwart den lebhaftesten Eindruck auf ihn, und da er so viele Neigungen in sich vereinigte, so schloss er sich allemal unwillkührlich mit seiner Höflichkeit und Verehrung dem Repräsentanten eines Faches seiner verschiedenen Bestrebungen an, der in der Gesellschaft eben am Glänzendsten erschien; so huldigte er abwechselnd dem Reichsten, dem Vornehmsten, dem Gebildetsten, dem Klügsten, dem Künstler und dem Landwirt; und da er den Fehler beging, den ganzen Vorrat seiner höflichen Aufmerksamkeit immer diesem einen Begünstigten zu widmen, so geschah es ganz natürlich, dass er