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sagte ihm nun noch einige verbindliche Worte, die sein Herz einigermassen erquickten, und entschuldigte sich gegen den Grafen, dass ihm seine Zeit für jetzt nicht erlaube, das Vergnügen seiner Gesellschaft länger zu geniessen, er hoffe aber ihn und St. Julien bei der Mittagstafel zu sehen. Der Graf und sein junger Freund nahmen die Einladung an, und Alle verliessen das Kabinet des Generals, und indem sie den Vorsaal betraten, in welchem Lorenz noch auf und ab ging, nahmen alle drei Abschied vom General, der seine Einladung wiederholte und sagte: Ich hoffe, mein Herr Doktor, dass Sie den Herrn Grafen begleiten werden. Ein Sonnenschein triumphirender Genugtuung verbreitete sich über des Arztes Gesicht, und nachdem er sich tief vor dem Generale gebückt hatte, sah er seitwärts nach Lorenz, ohne ihn zu grüssen, und ging wie ein siegender Held hinweg.

Mit sehr verschiedenen Empfindungen nahmen die drei Freunde das Mittagsmahl bei dem Kommandanten ein. Der Graf sowohl, als der General fühlten, dass eine freundschaftliche Annäherung unmöglich sei, denn obgleich der Friede geschlossen war und die Franzosen nun als Freunde in Preussen zu stehen behaupteten, so konnte es doch einem einsichtsvollen mann nicht entgehen, dass der Druck, den sie fortwährend auf das Land ausübten, sie den Preussen nicht als solche zeigen konnte. Auch das eigne ritterliche Gefühl sagte den bessern Franzosen, dass die Preussen, nach den grossen Demütigungen, die sie erlitten, sich nicht eher aufrichtig mit ihnen versöhnen könnten, bis die Schmach wieder getilgt wäre. Es war also natürlich, dass der Graf und der General nur über sehr allgemeine Gegenstände sprachen, und sich nur so weit näherten, wie es Männern von Welt die Sitte gebietet. Der Arzt war Anfangs scheu in dieser ihm durchaus fremden Gesellschaft und sein schroffes, seltsames Betragen wurde hier noch auffallender, als unter schonenden Freunden; auch tadelte er sich innerlich, dass er, ohne dass die Pflicht es gebot, an einer Gesellschaft Anteil nahm, deren Dasein schon sein patriotisches Gefühl verletzte, und er würde vielleicht den Grafen gar nicht begleitet haben, wenn er nicht seinen Feind Lorenz hätte demütigen wollen, der am Ende der Tafel sass, wohin der Arzt nun von Zeit zu Zeit übermütige Blicke richtete. Eine andere Furcht beunruhigte ihn noch. Er besorgte nämlich, St. Julien werde, wie er es sich unter Freunden erlaubte, ihn auch hier zum gegenstand des Scherzes machen, und er wusste nicht, wie er dann seine Fassung behaupten sollte; doch sah er zu seiner grossen Freude bald, wie ungegründet diese Besorgniss war. St. Julien behandelte ihn hier unter Fremden mit der ernstaftesten achtung und sprach gegen die jungen bei der Tafel gegenwärtigen Offiziere mit lebhafter Dankbarkeit darüber, wie er dem Eifer, der Geschicklichkeit und der unermüdlichen, uneigennützigen Sorgfalt seines Arztes und Freundes sein Dasein verdanke. Dies war genug, um die lebhaften Franzosen seine seltsamen Manieren vergessen zu machen, und sie überschütteten den Arzt mit lebhaften und aufrichtigen Danksagungen dafür, dass er ihnen einen braven Kameraden erhalten habe. Der überglückliche Arzt bewegte sich heftig hin und her auf seinem stuhl, um nach allen Richtungen hin, über seine erfüllte Pflicht sprechend, für das ihm bezeigte Wohlwollen zu danken. Erstaunt war er aber, dass die Franzosen sein Französisch grösstenteils nicht verstanden, und dass es ihnen St. Julien oft wie eine fremde Sprache übersetzen musste, und zum ersten Male kam er auf die Vermutung, dass es nicht Anmassung und Eigensinn sein möchte, wie er früher glaubte, wenn ihm Dübois Winke über seine Aussprache des Französischen gegeben und zuletzt, da er sie nicht beachtet, nur immer Deutsch mit ihm geredet hatte.

St. Julien schien bei dem Anblick französischer Uniformen und Feldzeichen alle andern Verhältnisse vergessen zu haben. Mit Begeisterung erfüllten ihn die Berichte von Schlachten und Siegen, an denen seine Tischgenossen teil genommen hatten, und er seufzte über die Untätigkeit, zu der er selbst indess durch seine gefährliche Verwundung war gezwungen worden. Er fragte nach manchen von seinen Bekannten und Kameraden, und wenn er auch von vielen hörte, dass sie in den Schlachten geblieben waren, in denen er nicht mitgefochten zu haben beklagte, so hatten doch auch andere militärischen Rang und Ehren erkämpft, während sein eigener Ehrgeiz unbefriedigt blieb, und er betrachtete mit einer Art von Neid ihr los.

Als das Gespräch schon eine Zeit lang mit Lebhaftigkeit über alle diese Gegenstände geführt worden war, sagte einer der Adjudanten zu St. Julien: Da Sie doch nach so vielen von Ihren Bekannten und Kameraden sich mit Teilnahme erkundigen, so wundert es mich, dass Sie gar nicht an die drei Brüder Lambertis denken, die doch beinah Ihr Geschick geteilt hätten.

Was ist aus ihnen geworden? fragte St. Julien mit grosser Bewegung. Der älteste, erwiderte der Adjudant, ist in der Schlacht bei Friedland geblieben, der zweite ist mit seinem Regimente nach Italien gegangen, und den jüngsten, der bei Friedland einen Arm verloren hat, habe ich vor einigen Monaten in Berlin gesprochen; er hatte die Absicht nach Paris zu gehen. Mit seiner Gesundheit aber stand es in Folge seiner gefährlichen Verwundung noch so schlecht, dass er bei meiner Abreise noch in Berlin bleiben musste, um sich einigermassen zu erholen, ehe er die weite Reise unternehmen konnte. Er teilte mir auch Ihr unglückliches Ende mit, denn er hielt Sie für tot.

Und was sagte er darüber, fragte St. Julien mit grosser Spannung. Er erzählte mir, sagte der Adjudant, dass