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tun wollen, aber ihn bewältigte die Rührung und die Tränen flossen über die vom Alter gefurchten Wangen. Ihnen und Ihrem edlen Gemahl, schloss er, danke ich die himmlische Ruhe meiner letzten Tage und das Glück meines Kindes. Er wollte nach diesen Worten die Hand der Gräfin küssen, sie aber entzog sie ihm, um ihn gerührt und ehrerbietig zu umarmen. Sie sind ja unser aller Vater durch Ihr Gefühl, sagte sie, und ich bin Ihnen Dank schuldig. Ich habe meinen Vater so früh verloren, dass mein verwaistes Herz die ehrerbietige Neigung einer Tochter niemals empfand, bis ich sie, indem ich Ihr Wohlwollen erkannte, fühlen lernte.

Emilie neigte sich glückwünschend gegen den jungen Grafen und drückte mit inniger Liebe ihre Freundin an die Brust, und es durchzitterte ihren Busen ein so wehmütiges Gefühl, indem sie die junge, glückliche Braut in ihren Armen hielt, dass sie den Saal verliess, sobald es, ohne auffallend zu sein, geschehen konnte, um in der Einsamkeit ein Gefühl zu überwinden, das sie um so mehr ängstigte, weil es ihr wie eine Anwandlung von Neid erschien.

Als sie allein war, schien es ihr, als ob ein Schleier von ihrem inneren Auge hinweggehoben sei. Sie erkannte nun mit klarheit, was ihre dunkle sehnsucht schon lange angedeutet hatte. Das Leben ohne St. Julien schien ihr trübe und öde, und mit unaussprechlicher Trauer musste sie sich eingestehen, dass die nächste Zukunft ihr das Gestirn entrücken würde, das, ihr unbewusst, ihr die Bahn des Lebens bezeichnet hatte. Früh gewöhnt indess, die Schmerzen der Seele zu besiegen, kehrte sie nach einiger Zeit zur Gesellschaft zurück, und ihre Stirn erschien so heiter, dass Niemand als die Gräfin den Kummer ahnte, den ihre junge Brust verschloss.

XII

Die Reisenden hatten, um nach der Festung *** zu gelangen, mehr als eine Tagereise zurückzulegen und erreichten den Ort ihrer Bestimmung erst den folgenden Morgen. Nachdem sie von der Fahrt ausgeruht und sich in schickliche Kleider geworfen hatten, begaben sie sich nach der wohnung des Kommandanten. Im Vorzimmer trafen sie verschiedene Personen, die alle vorgelassen sein wollten, wie es dem Grafen schien. Ein Kammerdiener stand an der tür, und der Graf näherte sich ihm und bat, indem er seinen Namen nannte, ihn zu melden. Der Kammerdiener neigte sich höflich, indem er nach einem jungen mann blickte, der in einer Fenstervertiefung eifrig mit Jemandem sprach. Des Grafen Augen folgten dem Blicke und er erkannte ohne Mühe den schwarz gekleideten jungen Mann, den er schreibend bei dem groben Verwalter angetroffen hatte, als er den Obristen Talheim aus unwürdigen Verhältnissen erlöste. Ohne Verlegenheit näherte sich der durch den Wink des Kammerdieners Herbeigerufene, und des Arztes blitzende Augen begegneten den kaltblickenden dunkeln Sternen des jungen Lorenz. Ein Ausruf der Verachtung wurde nur mit Mühe unterdrückt, denn zur rechten Zeit fielen dem feurigen arzt die Warnungen des Predigers ein, und er beschloss nun mit philosophischer Standhaftigkeit und männlicher Würde die Nähe eines Schurken zu ertragen. Der junge Lorenz näherte sich, ohne den Arzt weiter zu beachten, mit ruhiger, kalter Höflichkeit dem Grafen und fragte, ob ein dringendes Geschäft ihn zum Kommandanten führe, da er nur in diesem Falle gemeldet werden dürfe, weil seine Excellenz sehr beschäftigt sei.

Es lag ein so vollkommenes Vergessen aller Verhältnisse in der mit unverschämter Höflichkeit gestellten Frage, dass der Graf so gut wie der Arzt gezwungen war, sich zu beherrschen, um sich nicht durch einen Menschen verletzt zu zeigen, der dessen unwert schien. Jener antwortete also mit Kälte, dass er darum ersuchen müsse, ihn gleich zu melden, weil es allerdings dringend nötig sei, dass er seine Excellenz, den Herrn Kommandanten, spräche. Der junge Lorenz verliess ihn, wie es dem Grafen schien, mit einer spöttischen Verbeugung, die sehr kalt erwiedert wurde, und verschwand durch die tür, die zu dem Kommandanten zu führen schien.

Wenn die tür geöffnet wurde, erwartete der Graf jedes Mal eingelassen zu werden, aber so oft einer, der Gehör gefunden hatte, das Kabinet des Kommandanten verliess, wurde ein anderer der Harrenden eingeführt, und den Grafen und seine Begleiter schien Niemand zu beachten. Der junge Lorenz erschien wieder im Vorsaale und ging an dem Grafen vorüber, ohne ihn anzureden, und dieser konnte sich nicht überwinden, seine Verwendung noch ein Mal zu fordern. Er erstaunte über sich selbst, sich geduldig harrend in dem Vorsaal eines französischen Generals zu finden, und nur die Liebe, welche er für St. Julien empfand, konnte ihn bestimmen, das Ende des sonderbaren Auftrittes ruhig zu erwarten.

St. Julien hatte ungeduldig umher gesehen, um einen Offizier zu erblicken, an den man sich wenden könne, aber nur Personen, die wie Kaufleute und Handwerker aussahen, waren als Bittende im Vorsaale, und der Kammerdiener an der Tür, dessen Augen immer fragend auf den auf und ab gehenden Lorenz gerichtet waren, so oft ein neuer Bittender in das Heiligtum drang.

Endlich blieb der junge Lorenz vor dem arzt stehen und sagte mit grosser Geringschätzung: Wenn Sie bei seiner Excellenz etwas zu suchen haben, so tun Sie am Besten, mir Ihre Mitteilung zu machen, denn der Herr General wird sich schwerlich mit Ihnen einlassen, und auch gegen mich, bitte ich, sich kurz zu fassen, denn lange Auseinandersetzungen habe auch ich nicht Zeit zu hören.

Wer sind Sie denn eigentlich hier, fragte der Arzt mit unterdrücktem Grimme, dass Sie sich