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in Deinem verschwiegenen inneren und lasse Dich nicht verleiten, Knaben zu vertrauen, worüber sich nur Männer beraten sollen. Lasse Dich nicht dadurch täuschen, dass Du vielleicht denkst, ich habe ja doch auch manches Ernste mit Dir besprochen, ohne Deine Jugend als Hinderniss zu betrachten. Dich hat ein hartes Schicksal erzogen und Dich frühe gereift; Deine Seele ist männlich geworden, obwohl Du noch ein Jüngling bist.

Ich werde gewiss alle Ihre Lehren in treuer Brust bewahren, erwiderte der Jüngling, und gewiss nicht der letzte sein, der, wenn es gilt, dem vaterland seine Dienste anbietet. Ich habe den Krieg in der Nähe gesehen, ich habe alle Leiden erfahren, die er herbei führen kann, und ich bin eben darum meiner um so gewisser, wenn es einmal dazu kommt; denn mich kann nichts Unerwartetes erschrecken und entmutigen, und kein neuer grausenhafter Anblick kann meine Seele verwirren, und dennoch, wenn ich hier in diesen Baumgängen friedlich mit Herrn St. Julien auf und abgehe, so treibt mich oft der Gedanke auf ein Mal von ihm, dass er zu unsern Feinden gehört, und heute hat es mich recht mit Kummer erfüllt, dass er nun zu seinen Fahnen zurückkehrt.

Die Ehre gebietet es, antwortete der Graf finster, er kann nicht anders. Aber, sagte der junge Mensch ängstlich, indem er den Arm des Grafen heftig drückte, ohne es zu wissen, wenn uns nun dieser gute, freundliche St. Julien, der uns beide liebt, der mich selbst die Waffen brauchen lehrt, ein Mal feindlich gegenüber steht, ist es nicht wie ein Brudermord, wenn wir unser Schwerdt auf seine Brust richten?

Gott wird solch Zusammentreffen verhüten, sagte der Graf abgewendet. Wenn es aber doch geschähe, fragte der Jüngling dringend, was wäre in solchem schrecklichen Falle unsere Pflicht?

Uns abzuwenden und einen Brudermord zu vermeiden, sagte der Graf, wenn es irgend möglich ist, ohne unsere Sache zu verraten.

Und wenn wir aus der Ferne mit unserm Geschütz ihn niederschmettern und das Unglück erfahren, wenn wir als Sieger das Schlachtfeld behaupten? fragte der junge Mensch mit bewegter stimme.

Dann beweinen wir einen gefallenen Freund, sagte der Graf mit hervorbrechendem Schmerz. Was quälst Du mich mit diesen Vorstellungen? Das ist es ja eben, was meine Seele ängstigt; ich habe diesen Menschen wie einen Bruder lieben gelernt. Ich sehe es ja, welche Bande ihn an diess Haus fesseln werden, und dennoch kann er uns nicht wahrhaft angehören und das Schicksal fügt vielleicht einmal das Grässlichste. Doch, fuhr er nach einigem Besinnen fort, diese Schreckbilder drohen noch aus so weiter Ferne, dass es töricht ist, sich diesen Sorgen jetzt schon hinzugeben.

Als die Reise des Grafen und St. Juliens den Abend vorher beschlossen wurde, hatte die Gräfin den Obristen gebeten, mit seiner Tochter auf Schloss Hohental bis zur Rückkehr der Herren zu verweilen, und dieser hatte gern ihren Wunsch erfüllt, und Terese verliess am andern Morgen Emiliens Zimmer, wo sie die Nacht zugebracht, indem ihre Freundin sich zur Gräfin begab, und wollte ungestört im Garten sich ihren Träumen und Hoffnungen überlassen, denn der alte Obrist liebte sein einziges Kind zu sehr, als dass er ihr seine Unterredung mit dem Grafen hätte verschweigen können. Sie wandelte sinnend, ein milder Ernst ruhte auf der schönen gesenkten Stirn und ein halb wehmütiges Lächeln umschwebte die wie Purpurrosen glühenden Lippen. Vertieft in Gedanken, hatte sie nicht auf ihren Weg geachtet und keinen Gegenstand bemerkt, so dass plötzlich der Graf Robert und sein junger Freund vor ihr standen. Eine glühende Röte bedeckte beim Anblick des Grafen das edle, ausdrucksvolle Gesicht, und der Zauber der Schönheit, die ihm nie so reizend erschienen war, fesselte die Zunge des liebenden Mannes. Der Jüngling Gustav zog sich nach den ersten Begrüssungen zurück, und Terese war allein mit dem Freunde unter dem blauen Himmel, der herbstlich mild sich über ihnen wölbte. Der Graf fand endlich Worte, die lang gehegte innige Zärtlichkeit seines Herzens zu entüllen, und Teresens Seele war zu einfach, das Gefühl in ihrem Busen zu rein und edel, als dass sie es dem Freunde hätte verbergen mögen; aber dennoch versagten ihr die Lippen, als sie nach Worten suchte. Die schönen braunen Augen füllten sich mit Tränen und blickten mit so tiefer, rührender Zärtlichkeit in die flehenden des geliebten Mannes, dass er die holde Antwort verstand und das liebliche geschöpf, von seliger Freude trunken, in seine arme schloss. Er drückte einen Kuss auf den rosigen, lebenswarmen, unentweihten Mund, und indem ihn die Schauer des Entzückens durchbebten, erschrak die unschuldige Jungfrau vor dem neuen, unbekannten Gefühl und entwand sich sanft den umschlingenden Armen.

Der Graf hatte die schweigende Antwort verstanden, und führte die Geliebte zum greisen Vater und bat hier um die Bestätigung seines Glücks. Der Obrist erhob die hände dankend zum Himmel und flehte mit lautem, freudigem Gebet um Segen für seine geliebten Kinder.

Es waren die Minuten des reinsten Entzückens entschwunden, in denen der Mensch, in höheren Empfindungen lebend, sich selbst und die Gegenwart vergisst. Die Erde trat wieder in ihre Rechte ein, und indem die irdischen Verhältnisse wieder mit klarheit hervortraten, wurden die Freunde an die Pflichten gegen diejenigen gemahnt, deren Grossmut ihr Glück erst möglich machte. Der Obrist führte seine Kinder selbst zur Gräfin, die er mit Emilien im saal antraf, und machte ihr die beschlossene Verbindung bekannt. Er hatte diess mit Ruhe und Würde