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das für ein Unterschied! Wie Sie hier sangen, war mir zu Mute, als ob der Himmel geöffnet wäre und die Engel von oben herunter sängen. Ja gewiss, ich habe es schon heute bemerkt, hier sind alle Herrlichkeiten vereinigt in diesem schloss und Garten, und die Menschen darin leben, wie die Seligen im Paradiese; durch diese Mauern dringt keine Not, und was Jammer und Schmerzen bedeuten, wissen Sie nicht.

Emilie lächelte still. Sie dachte an die jammernden Gebete, die hier zum Himmel aufgestiegen waren, an die in diesen Sälen verhallten Seufzer, an die zahllosen Tränen, die beinah alle Bewohner schon vergossen hatten, und entfernte sich von Marie, um nicht durch deren kindliches Gerede sich selbst zur Wehmut stimmen zu lassen.

Die Stimmung der Gesellschaft veränderte sich, als ein Bote, den der Graf nach der nächsten Stadt geschickt hatte, zurückkehrte und unter mehreren Briefen auch ein Schreiben an den Grafen mitbrachte, worin ihm aufgetragen wurde, den französischen Kapitain St. Julien ungesäumt vor den Kommandanten der Festung *** zu stellen, die Bescheinigung, dass solches geschehen sei, der Behörde einzuliefern und zugleich anzugeben, wesshalb er den besagten St. Julien bei sich behalten und auf welche Autorität, statt ihn den Behörden einzuliefern.

Dieses Schreiben verscheuchte die Heiterkeit, die noch eben die Gesellschaft belebt hatte, denn es mahnte ernstaft an die nahe Trennung, und rief ausserdem manches Ernste und Kummervolle lebendig hervor, was sich Jeder gern zu verhüllen bestrebt hatte. Die Männer vereinigten sich, um zu beraten, was nun geschehen müsse, und indem Alles überlegt wurde, erkannte der Graf von Neuem, wie vielen Dank er dem Prediger schuldig sei, der damals schon, als St. Julien leblos in das Haus des Grafen gebracht wurde, mit Besonnenheit und Genauigkeit dafür gesorgt hatte, dass man gehörig antworten und sein Betragen rechtfertigen konnte. Es wurde nach ernstafter Beratung beschlossen, dass gleich des anderen Tages St. Julien nach der Festung *** abreisen solle, begleitet von dem Grafen und dem arzt, von dem ersten, damit die für die preussische Behörde erforderliche Bescheinigung nicht verweigert würde, und von dem Zweiten, damit erforderlichen Falls ein zeugnis abgelegt werden könne, durch welches der junge Mann gerechtfertigt würde, so dass sein Ausbleiben von seinem Regimente nicht zu seinem Nachteil für eine willkührliche Handlung ausgegeben werden könnte. Sobald Sie die Bescheinigung vom Kommandanten erhalten haben, sagte der Prediger, dann senden wir mit dieser die Eingabe zugleich ein, die wir machten, um anzuzeigen, wie ein französischer Offizier verwundet im wald gefunden worden sei, nebst dem Zeugnisse der ärzte über seinen gefährlichen Zustand und dem Bescheide der Behörde, dass besagter Offizier so lange unter Ihrer Obhut bleiben könne, bis weiter über ihn verfügt würde, und so sind alle Unannehmlichkeiten vermieden. Der Graf sah diess wohl ein, und sein blick trübte sich, nicht aus Besorgniss vor Unannehmlichkeiten, wie der Prediger zu glauben schien, sondern er verdüsterte sich bei dem Gedanken an die baldige unvermeidliche Trennung. Er reichte St. Julien die Hand, die dieser zärtlich drückte, indem er schweigend die grossen dunkeln Augen abwendete, die überzuströmen drohten.

Gustav näherte sich dem jungen Grafen, der sich still und sinnend an eine Fenstervertiefung lehnte, und dessen umwölkte Stirn zeigte, dass noch andere Gedanken sein Gemüt bewegten, und nicht allein die nahe Trennung. Emilie war blass geworden und hatte mit der Gräfin den Saal verlassen. Der Arzt war, nachdem er vernommen hatte, dass sein zeugnis bei dem französischen Generale vielleicht nötig sein würde, im Gefühle seiner Wichtigkeit einige Mal mit hastigen Schritten im saal auf und abgegangen, und zog sich nun in sein Zimmer zurück, einen weitläuftigen Krankenbericht aufzusetzen, den er dem Kommandanten der Festung *** vorzulegen gedachte, um ihn zu belehren, wie gründlich und vollkommen nach den Regeln der Kunst St. Juliens Wunden geheilt worden wären.

So war die Heiterkeit und Freude aus dem Kreise der Freunde entflohen und kehrte auch nicht für diesen Abend zurück, als man sich von Neuem vereinigte. Jeder fühlte das Bedürfniss, sich ungestört seinen Gedanken zu überlassen, und man trennte sich desshalb früher als gewöhnlich.

Der Graf und St. Julien waren am andern Morgen in Begleitung des Arztes nach der Festung *** abgereist, und der junge Graf, der sie zu Pferde eine Strekke begleitet hatte, war zurückgekehrt, und wandelte einsam und traurig in den dunkeln Baumgängen des Gartens. Sein Schützling und Freund, der junge Gustav, hatte sich zu ihm gesellt, und suchte ängstlich und schweigend aus den trüben Blicken seines Beschützers dessen Kummer zu erraten. Endlich brach der Graf Robert das Schweigen, indem er sagte: Bald wird nun hier alles auseinander gehen, was sich so schön zusammen gefunden hat, und auch von Dir, mein guter Junge, muss ich mich nun bald trennen.

Sie haben es selbst gewollt, erwiderte der Jüngling schüchtern, ich wäre gern bei Ihnen geblieben.

Das wäre eine Torheit gewesen, versetzte der junge Graf. Dein eigenes Bestes fordert die Trennung, Du musst Deine Studien vollenden. Aber vergiss nur über Deinen Studien nicht, dass Du ein Vaterland hast, denke daran, dass Dein König Deiner vielleicht in der Zukunft bedarf, und dass es die erste und edelste Pflicht aller Männer jedes Standes ist, ihrem vaterland ihren Arm zu leihen, wenn ihn dasselbe zu seinem Schutze bedürfen sollte; kurz, gedenke aller unserer gespräche, die wir führten, wenn wir unser Vaterland beweinten, aber gedenke ihrer