in freudiger Bestürzung.
Ich werde hier bleiben, sagte die Professorin trotzig, bis die Frau Mutter kommt. Ich werde sehen, wie das zusammenhängt, denn so ähnlich sieht ein Mensch dem andern nicht durch Zufall.
Sie zeigen mir eine Hoffnung, sagte Dübois, indem er die hände seiner Freundin zitternd fasste, die mein altes Herz nicht mehr zu hegen wagte; aber um Gottes Willen, lassen Sie uns der Gräfin nichts davon sagen; ich glaube, sie würde sterben, wenn wir in ihr eine Vermutung erregten, die sich nur zu wahrscheinlich in kurzer Zeit als nichtig erweisen wird.
Glauben Sie nur sicher, erwiderte die witwe des Professors, dass ich schweigen kann, wenn ich will und wenn es mir nötig scheint. Ich rede nur, wo ich es für gut halte, und meinen Schreck habe ich nun auch überstanden. Ich werde jetzt auch mit dem Herrn St. Julien ganz ruhig reden können und werde meine Zeit abwarten, wenn ich es für gut halte, hervorzutreten. Aber sagen Sie mir doch, hat denn die grosse Aehnlichkeit die Gräfin auf gar keine Vermutung geführt?
Ich glaube wohl, erwiderte Dübois, dass sie beim ersten Anblicke des jungen Mannes eine schwache Hoffnung hatte, aber da ja seine Mutter lebt, so musste sie bald das Nichtige derselben erkennen.
So sind die vornehmen Leute, grollte seine Freundin. Dass man ein Kind stehlen kann, ist ihr gewiss noch gar nicht eingefallen. Nun ich betrachte es als eine Fügung Gottes, dass ich hieher habe kommen müssen, und ich werde mir die Frau Mutter des Herrn St. Juliens etwas genauer betrachten, ehe der hinweg geht, den ich für unsern kleinen Herrn halte.
Der Haushofmeister fing selbst an nach so bestimmten Aussprüchen seiner Freundin Hoffnungen zu nähren und ermahnte nur die lebhafte Frau zur Behutsamkeit und Vorsicht, und Beide beschlossen, weder dem Grafen noch seiner Gemahlin das Geringste von ihren Vermutungen vor der Ankunft der Mutter des jungen Mannes mitzuteilen, und dann ihr Betragen nach den Umständen einzurichten.
Während dieser verschiedenen Unterredungen war der Prediger mit dem arzt in dessen Zimmer, wo Beide, während sie eifrig Tabak rauchten, sich darin vereinigten, das Betragen des alten Lorenz und seines Sohnes zu tadeln, der Prediger aber dennoch dem arzt riet, sich klüger und mit mehr Mässigung als bisher gegen Beide zu benehmen. Der Doktor Lindbrecht wollte ausser sich geraten, dass ein Geistlicher ihn, wie er es nannte, zur Falschheit ermahnen wollte, da er mit seiner Feuerseele keinen Schurken sehen könne, ohne ihm seine Verachtung zu zeigen, und keinen Verläumder, ohne ihn mit männlicher Kühnheit zu widerlegen. Der Pfarrer bewies mehr Geduld als gewöhnlich gegen den Arzt, um ihm überzeugend zu beweisen, dass dieses törichte Angreifen des jungen Lorenz nicht allein für ihn selbst unangenehme Folgen haben würde, sondern auch leicht dem Grafen nachteilig werden könne, so lange die Franzosen noch ihre Besatzung im land hätten und noch immer gewissermassen die Herren spielten. Sie hörten ja selbst, schloss er, dass der elende Mensch, der junge Lorenz, sich wie mit einer ehrenvollen Sache damit brüstete, dass er im Dienste eines französischen Generals sei. Bedenken Sie, was daraus alles entstehen kann, wenn Sie in so offenbarer Feindschaft mit ihm leben, dass Sie ihn angreifen, wo Sie ihn treffen.
Der Arzt sah endlich die notwendigkeit ein, die Glut seiner Seele zu beherrschen, wie er sagte, und er hatte bald gelegenheit, eine probe seiner Mässigung und Klugheit abzulegen.
Als der Geistliche seinen widerstrebenden Freund endlich mit Mühe auf die Bahn der Klugheit geleitet hatte, begaben sich Beide nach dem Gesellschaftssaale, wo sie den Grafen und den Obristen schon fanden, noch in erste gespräche vertieft, die den Obristen, so schien es, lebhaft angeregt hatten, denn er betrachtete mit Rührung sein schönes Kind, als Emilie mit ihrer Freundin Terese fast zu gleicher Zeit den Saal betrat, begleitet von Marie und den Töchtern des Predigers, die sämmtlich etwas erhitzt nach ihren lebhaften Spielen eintraten.
Da die jungen Männer sich ebenfalls mit der Gesellschaft vereinigten und kurz darauf auch die Gräfin erschien, so konnte die Musik beginnen, worauf sich heute St. Julien besonders freute, da er ein zärtliches Duett mit Emilie vorzutragen hatte, welches auch glänzend gelang, weil die eigene Empfindung sich den Tönen vertraute und Beide ihr unschuldiges geheimnis, welches sie sich selbst noch nicht gestanden hatten, in fremde Worte gehüllt, schwebend auf himmlischen Tönen, öffentlich bekannten.
Es gibt wohl wenige Menschen, auf die Musik gar keinen Eindruck macht; auch war nicht Einer in der Gesellschaft, der sie nicht auf seine Weise empfand, aber doch war Niemand so davon ergriffen, als die Verwandte des Arztes. Die Wangen des jungen Mädchens glühten und die grossen blauen Augen strebten vergeblich die Tränen zurück zu halten, die zu ihrer Angst und Qual wie Tautropfen auf Rosen glänzten.
Emilie näherte sich ihr nach beendigtem Gesange mitleidig, denn alle Schüchternheit, die sie im Garten bei lebhaften Spielen verloren hatte, war zurückgekehrt in der ernstaften vornehmen Gesellschaft. Macht Musik einen so traurigen Eindruck auf Sie, fragte Emilie das junge Mädchen leise, dass Sie Ihre Tränen nicht zurückhalten können?
O! flüsterte Marie lebhaft und leise, ich habe niemals andern Gesang gehört, als in der Kirche und zuweilen von Studenten auf der Strasse, weil die Mutter mich nirgends hingehen liess. In der Kirche habe ich auch so mitgesungen, wie alle Andern, aber lieber Gott, was ist