ist, fragen Sie nur Ihren Vetter selbst, ob er ihn nicht herzlich liebt.
Das würde wenig beweisen, sagte die Kleine mit altkluger Miene. Meine Mutter hat es tausend Mal gesagt, je grösser die Gelehrsamkeit der Herren ist, die sie aus den Büchern haben, je einfältiger sind sie in der Welt, worin sie leben, und desshalb wird es mein Vetter auch gar nicht bemerken, wenn ihn Herr St. Julien verspottet. Das sehe ich besser ein, wie er, ob ich gleich noch ein Kind bin, wie meine Mutter sagt.
Emilie und Terese lächelten über den Eifer ihrer jungen Gefährtin, mit welchem sie den Arzt verteidigte, und waren sehr zufrieden, als die Töchter des Predigers zum Besuch kamen, deren Alter mehr dazu geeignet war, dass sich die noch sehr junge Marie ihnen anschliessen konnte. Sie verlor auch in deren Gesellschaft bald die grosse Schüchternheit, und in jugendlicher Lust überliess sie sich mit ihnen der Freude, und die jungen Mädchen liefen um die Wette, versteckten sich in den Hecken und tobten als glückliche Kinder umher, während die älteren Freundinnen viele ernstafte und hochwichtige Gegenstände mit einander besprachen. Jede hatte der Andern vertraut, wie drückend die Einsamkeit für sie sein würde, wenn nun die Freunde schieden, an deren Umgang sie sich so gewöhnt hätten, und Jede fühlte recht wohl, welcher Kummer dann das Herz der Andern erfüllen würde.
Der Graf hatte sich mit dem Obristen in sein Kabi
net zurückgezogen, um ihm auseinander zu setzen, was er für seinen Vetter zu tun gesonnen sei, um diesem dadurch den Weg zu bahnen, sein Glück von Terese und ihrem würdidigen Vater zu erbitten; denn obgleich die tiefe leidenschaft des jungen Grafen so wenig, wie die aufrichtige Neigung der schönen Terese den beobachtenden Freunden ein geheimnis sein konnte, so fand es der Graf doch schicklich, dem Obristen erst seinen Plan vorzulegen, wie das häusliche Glück seines Verwandten gesichert werden sollte, ehe dieser förmlich um die Hand der Geliebten anhielte.
Der Obrist fand neue Ursache, die Grossmut seines
Freundes zu bewundern, und willigte im Voraus in das Glück seines Kindes.
Der junge Graf und St. Julien waren zu Dübois hinunter gegangen, um ihren Kapellmeister aufzusuchen, wie St. Julien den jungen Gustav nannte. Sie fanden die witwe des Professors bei dem Haushofmeister; Beide sassen am Kaffeetische, aber man sah, dass die Unterhaltung nicht heiter gewesen war, denn Beide hatten viel geweint. So wie aber St. Julien eintrat, entfuhr ein Ausruf der Verwunderund der ihre Tränen trocknenden Frau, und sie betrachtete mit auffallender Aufmerksamkeit den jungen Mann, der denn auch seinerseits seine Verwunderung hierüber nicht bergen konnte.
Beide eingetretenen Freunde hatten seit einiger Zeit eine so innige Verbindung geschlossen, dass ihnen jede Förmlichkeit lästig wurde, und sie nannten sich daher gewöhnlich bei ihrem Taufnamen; desshalb sagte auch jetzt der junge Graf, nachdem Dübois seinen Pflegesohn gerufen hatte, wie er den jungen Gustav nannte: Lass uns nun gehen, Adolph, um unsere Musik gehörig einzuüben.
Heissen Sie Adolph? rief die witwe des Professors, indem sie mit Heftigkeit aufsprang. Ja, erwiderte St. Julien, und ich denke, diess ist ein gewöhnlicher Name, den ich führen darf, wie jeder Andere, ich begreife nicht, was darin seltsam oder befremdend sein könnte. Die witwe des Professors hatte ihn während dieser Rede starr angesehen, und schlug nun mit sichtlichem Erstaunen ihre hände zusammen und ihre Augen flossen in Tränen über. St. Julien kam auf den Verdacht, dass sie an Geistesverwirrung litte, und sah Dübois befremdet an. Dieser sammelte sich selbst mit Anstrengung und sagte mit erzwungenem Lächeln: Meine werte Freundin und ich, wir haben so viele gute und kummervolle Stunden mit einander verlebt, und es knüpfen sich für uns Beide teure Erinnerungen an den Namen Adolph, die auch mich zuweilen in Ihrer Gegenwart bewältigt haben, desshalb werden Sie die Bewegung der Frau Professorin verzeihen.
Ich will nicht in Ihre Geheimnisse eindringen, sagte St. Julien, den Dübois sichtliche Bewegung ernstaft machte. Sie haben mich nie mit fragen belästigt, und es ist nur billig, dass ich Ihre Bescheidenheit nachahme. Er reichte dem alten mann freundschaftlich die Hand, verbeugte sich gegen die witwe des Professors und entfernte sich mit seinen beiden Freunden.
Als die Andern allein waren, sagte der Haushofmeister: Meine beste Freundin, wir müssen behutsamer das geheimnis der Gräfin zu bewahren suchen. Die wehmütige Erinnerung an die Vergangenheit hat heute eine zu mächtige herrschaft über uns geübt, und wir sind in unserer Betrübniss unvorsichtig gewesen.
Das mag sein, erwiderte die Professorin, aber ich lasse es mir nicht nehmen, der Herr St. Julien sieht dem seligen Herrn Blainville ähnlich, wie ein Tropfen wasser dem andern, und Gott weiss, wie das zusammenhängt. Unsern kleinen Herrn habe ich selbst gewartet und habe tausend Mal das kleine braune Maal unter dem linken Auge betrachtet, das hat nun der Herr St. Julien auch, und das ist doch wunderbar genug.
Aber liebe Freundin, sagte Dübois, ich habe Ihnen alle Verhältnisse des Herrn St. Julien auseinander gesetzt. Seine Mutter lebt und wird in Kurzem hier sein, um den Sohn abzuholen.
Das kann sein, sagte die witwe des Professors, aber ich habe es öfter gehört, dass, wenn man ein Kind brauchte und Gott keins gewährte, man sich ein fremdes verschafft hat.
Meine teure Freundin, welchen Gedanken erregen Sie in mir, rief Dübois