auf's Beste gesorgt, und sie fand Alles bequem und sauber eingerichtet, auch ein zu ihrer Bedienung bestimmtes Mädchen. Er war ihr auch beim Auspacken und Ordnen ihrer Kleider behülflich und führte sie dann nach dem Zimmer, wo er für sich und seine Gäste die Tafel hatte bereiten lassen, und wo er ihr seinen jungen Freund Gustav vorstellte. In Eintracht setzten sich diese drei zu Tische, und heitere, ungezwungene gespräche würzten das Mahl. Dübois bediente mit ächt französischer Höflichkeit seine Freundin, für die er ein ungeheucheltes Wohlwollen empfand, der junge Gustav fand sich durch das Beispiel des Haushofmeisters zu gleicher Aufmerksamkeit bewogen, und Beider Bestrebungen wurden von der witwe des Professors dankbar anerkannt. Da aber Dübois sie immer Madame anredete, so folgte sein junger Freund auch hierin seinem Beispiele, und diess verdüsterte, nachdem es einige Male geschehen war, sichtlich die Stirn der Frau Professorin. Mit auffallendem Verdruss wendete sie sich zu dem jungen Menschen und sagte mit ziemlicher Heftigkeit: Mein lieber junger Herr, wenn mich Herr Dübois Madame nennt, so hat das nichts auf sich, wir sind alte Freunde, auch wissen die Franzosen nicht, was sich schickt; sie kennen keinen Unterschied und nennen Alles gradeweg Madame, ein Fischerweib und ihre Königin oder Kaiserin, aber ein Deutscher muss Lebensart lernen, und daher können Sie mich immer nach meinem Titel Frau Professorin nennen, denn selbst der Neid muss es meinem seligen mann lassen, dass er ein gelehrter Professor war.
Der junge Mann schwieg mit Bestürzung, und Dübois sagte lächelnd: Vergeben Sie mir meinen Fehler, werteste Freundin, wodurch unser Freund auch zum Irrtum verleitet wurde. Ich werde mir die französische Unhöflichkeit abgewöhnen und den Ihnen zukommenden Titel nicht mehr vergessen.
Gott bewahre, rief seine Freundin, zwischen uns bleibt es beim Alten, aber die Jugend muss anständig erzogen werden, meinen Sie das nicht auch? Freilich, freilich, sagte Dübois lächelnd, und nicht wahr, mein Sohn, fuhr er, zu Gustav gewendet, fort, Du wirst die erhaltene Lehre nicht wieder vergessen? Der Jüngling neigte sich beistimmend, und die Heiterkeit kehrte zu der kleinen Gesellschaft zurück, die ohne weitere verdriessliche Störung ihre Mahlzeit beendigte. –
XI
Die schüchterne Marie hatte im obern Stockwerke im Speisesaale an der Tafel Platz genommen und hielt sich ängstlich an der Seite ihrer Beschützerin Emilie. Sie konnte ihre Blödigkeit nicht überwinden, und wagte weder zu essen noch ein Wort zu sprechen, so gütig sie auch von allen Seiten aufgemuntert wurde. Die Gräfin bat am Ende, Jedermann möge sie ungestört lassen, weil diese Blödigkeit nur durch die Zeit zu überwinden sei, wo sie sich dann von selbst verlieren würde. Der Arzt fühlte sich gekränkt durch das ungeschickte Betragen seiner Verwandtin und vermutlichen künftigen Braut; doch tröstete er sich mit dem Gedanken, dass sie eigentlich noch ein Kind sei, dessen Fähigkeiten unter seiner Leitung ausgebildet werden könnten.
Der Obrist Talheim und seine Tochter, so wie der Prediger nahmen teil an dem Mittagsmahle, welches durch heitere, freundschaftliche gespräche zu Mariens Qual verlängert wurde, die erst dann wieder frei atmete, als man endlich die Tafel aufhob.
Emilie und Terese beschlossen nach der Tafel einen Spaziergang in den Garten zu machen und forderten ihre neue Freundin auf, sie zu begleiten. Herzlich froh, aus dem saal zu entkommen, schloss sie sich gern an, und Emilie fragte, als sie in den dunkeln Baumgängen auf und ab gingen, weswegen sie denn unter lauter wohlwollenden Freunden so ängstlich gewesen sei. Mein Herz war aus grosser Ehrerbietung so beklommen, antwortete das unschuldige Kind. Der Graf meint es gewiss gut mit Jedermann, aber er hat so vornehme Augen, dass mir bange wurde, so oft er mich ansah; vor der Frau Gräfin fürchte ich mich schon weniger, denn sie ist eine Frau, aber auch der junge Herr Graf sieht so vornehm ernstaft aus und dann der alte Herr Obrist so majestätisch. Wie er hat gewiss der alte König von Preussen ausgesehen, von dem er so viel spricht. Glauben Sie mir, ich kam mir recht unverschämt vor, dass ich mich unterstand, mit allen den Herren zu Tische zu sitzen, und ich weiss nicht, wesshalb sie alle den Herrn St. Julien so zu lieben scheinen, denn der hat doch gewiss ein schlechtes Herz.
Wie kommen Sie darauf? fragte Emilie überrascht.
Bemerkten Sie denn nicht, erwiderte Marie, wie er immerfort meinen Herrn Vetter, den Doktor, zum Besten hatte, und doch sagt er selbst, dass er ihm das Leben gerettet hat.
Aber können Sie denn läugnen, fragte Terese, dass der Doktor etwas sonderbar in seinem Betragen ist?
Ach! das verstehen Sie nicht, antwortete die Kleine empfindlich, das kommt von der Gelehrsamkeit. Ich habe viele gelehrte Herren gesehen, die noch viel sonderbarer sich betrugen, und mein seliger Vater selbst, der ein grosser Mann war, wie alle Andern sagten, sah doch auch seltsam genug aus.
Das müssen Sie nur Herrn St. Julien deutlich machen, sagte Emilie ein wenig spöttisch; wenn er seinen Fehler einsieht, wird er ihn gewiss verbessern.
Gott bewahre mich davor, mit dem Menschen zu sprechen, rief die Kleine erschrocken. Er würde ja noch weit mehr Ursache finden, über mich zu spotten, als über meinen armen Vetter.
Sie sind ja sehr gegen ihn eingenommen, bemerkte Emilie. Und Sie kennen ihn so wenig, fügte Terese hinzu, Sie wissen nicht, wie gut er