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; zugleich teilte ihm die Gräfin scherzend mit, dass die Frau Professorin seine Gesellschaft der ihrigen vorzöge und an seiner Tafel zu speisen wünsche. Mit grossem Ernst erwiderte der Haushofmeister, dass er die Ehre, so ihm seine Freundin erweise, zu schätzen verstehe. Nun, nun, sagte die witwe des Professors, sprechen Sie nur nicht mit so grossem Respekt, wissen Sie nicht mehr, wie oft sie mich ausgescholten haben, wie wir noch Kameraden waren.

Die Gräfin wünschte die Tochter der Professorin zu sehen, und Dübois eilte, die stille, geduldige Marie herauf zu führen, die während der langen Unterredung zwischen ihrer Mutter und der Gräfin ruhig am Fenster in Dübois Zimmer gesessen hatte.

Als der Haushofmeister das Zimmer verlassen hatte, trat St. Julien ein, um ein Buch von der Gräfin abzuholen, welches sie ihm am vorigen Tage versprochen hatte. So wie die Professorin ihn erblickte, wurde sie bleich und schlug die hände zusammen. Als der junge Mann die Gräfin anredete, schien seine stimme einen ähnlichen Zauber, wie sein Anblick auf die ehemalige Dienerin zu üben, denn sie seufzte tief auf und wurde glühend rot. St. Julien, der die Bewegung der Fremden bemerkte, ohne zu ahnen, dass er sie veranlasse, glaubte, sie habe ein Gesuch bei der Gräfin, und verliess desshalb bald das Zimmer, um durch seine Gegenwart nicht zu stören.

Wer ist dieser junge Mann? rief die Professorswittwe ausser sich, die hände der Gräfin ergreifend, als sie allein waren.

So fällt Ihnen die grosse Aehnlichkeit auch auf? fragte die Gräfin mit zitternder stimme, indem Tränen über ihre Wangen flossen.

Mein Gott, mein Gott! rief die Professorin bebend, es ist ja Herr Blainville, wie er leibte und lebte, sogar das Zucken des Mundes, womit er das lachen unterdrückte, wie er mich in meiner Alteration bemerkte.

Die Gräfin hatte kaum noch Zeit, ihre ehemalige Dienerin mit den Verhältnissen des jungen Mannes bekannt zu machen und sie zu bitten, von allen Leiden, die sie mit einander erlebt hätten, nichts dem Prediger anzuvertrauen, weil es für sie kränkend sein würde, wenn diese Schmerzen ein Gegenstand allgemeiner gespräche werden sollten, und die witwe des Professors hatte kaum feierlich versprochen zu schweigen, als die Tochter derselben blöde und zitternd eintrat, und sich furchtsam der Gräfin näherte, um ihre Hand zu küssen, wie es ihr früher die Mutter befohlen hatte.

Die Gräfin fühlte Mitleid mit dem armen kind, das, offenbar durch eine übel angebrachte Strenge der Mutter unterdrückt, kaum zu atmen wagte. Sie sprach gütig mit dem eingeschüchterten jungen Mädchen, konnte aber doch nichts als einzelne Sylben von ihr als Antwort gewinnen. Sie machte hierauf der Mutter den Vorschlag, ihre Tochter ganz bei Emilie wohnen zu lassen, weil junge Mädchen besser zu einander passten, als zu bejahrten Frauen. Die Professorin fühlte sich geschmeichelt und gab ihre Einwilligung, worauf die Gräfin Emilie zu sich bitten liess, um ihr ihre neue Freundin vorzustellen. Diese betrachtete mit Teilnahme das zitternde Kind, und die witwe des Professors sagte, nachdem sie Emilie mit einem scharfen blick betrachtet hatte, zur Tochter: So kannst Du denn gleich hier bleiben; ich werde allein zu meinem Vetter, dem Schulzen, zurück gehen und unsere Sachen herschaffen lassen, damit wir noch heute in Ordnung kommen. Die Worte hatte sie mit Härte und Trockenheit an die Tochter gerichtet. Hierauf trat sie zu Emilie, fasste ihre Hand und sagte, mit einer Träne im Auge: Ich lasse gern mein Kind bei Ihnen, Sie sehen gut und milde aus, und werden eine Waise nicht verspotten, wenn sie auch die feinen Manieren nicht hat, die ich ihr nicht habe geben können und der selige Professor auch nicht. Der gute Mann verstand nichts von Kindererziehung, obgleich er dicke Bücher darüber schrieb.

Emilie drückte die Hand der rohen, aber guten Frau und sagte: wenn Ihre Tochter mir Vertrauen schenken will, so werde ich sie als meine liebe Freundin betrachten.

Lieber Gott, erwiderte die Professorin, was hat so ein Kind zu vertrauen? Das wäre ja ein Unglück, wenn die schon ihre Geheimnisse hätte.

Die Gräfin konnte das Lächeln über dieses Missverständniss nicht unterdrücken und sagte: Lassen Sie Ihre Tochter ohne alle sorge bei uns, meine liebe Freundin, und eilen Sie, sich Ihrem Wunsche gemäss einzurichten, damit ich die Freude habe, Sie bei mir recht bald einheimisch zu sehen.

Die Professorin ging und es liess sich bemerken, dass die blöde Marie nach der Entfernung der Mutter tief aufatmete und sich sichtlich erleichtert fühlte. Sie liess sich nun auch zum Sprechen bewegen, und obgleich sie in allen Kenntnissen selbst für ihr Alter zurück zu sein schien, so liess sich doch eine natürliche Munterkeit des Geistes, ja selbst eine Anlage zur Schalkhaftigkeit nicht verkennen, und man bemerkte deutlich, indem sie über ihre häuslichen Einrichtungen sprach, dass sie mit der von der Mutter erhaltenen Erziehung nicht so zufrieden war, wie diese es zu verdienen glaubte, sondern es regte sich in dem jungen Mädchen eine lebhafte sehnsucht nach allen ihr versagten Kenntnissen, und sie hüpfte fröhlig an Emiliens Hand hinweg, indem sie ihr Glück pries, sich zum ersten Male in ihrem Leben ohne die Gegenwart der Mutter einer jungen Freundin gegenüber zu befinden.

Die witwe des Professors besorgte mit gewohnter Tätigkeit ihre Geschäfte und bezog schon vor der Mittagstafel die von Dübois auf dem schloss für sie eingerichteten Zimmer. Der Haushofmeister hatte für seine Freundin