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oder über unsern kleinen Herrn. Er schrieb nun nach allen Weltgegenden hin und hatte überall seine gelehrten Freunde, die ihm allerlei Lappalien meldeten, was sie ihre wissenschaftlichen Forschungen nannten, aber das, was mir am Herzen lag, forschte keiner aus. Die Schweizer schrieben ihm, der alte Herr Blainville und Ihre Frau Mutter wären tot; von Ihnen wusste man nichts, und die Franzosen konnten von dem kleinen Herrn gar nichts ausspüren, und so musste ich mich in Gottes Willen ergeben und dachte gar nicht mehr, dass ich Sie jemals wieder sehen könnte, und hier nun schenkt mir Gott die unvermutete Freude. Und das bin ich doch eigentlich dem hiesigen Prediger schuldig, denn hätte er nicht in den Zeitungen bekannt machen lassen, dass ich mich hier einer Erbschaft wegen zu melden hätte, so wäre es mir wohl niemals eingefallen, diese Reise zu unternehmen, und wenn mein alter Professor noch lebte, so würde er auch nun einsehen, dass er Unrecht hatte, darüber zu lachen, wenn ich mir aus den Zeitungen nichts vorlesen liess, als solche Bekanntmachungen und Anzeigen, wo allerlei Sachen verkauft wurden; denn, sagen Sie selbst, was geht mich Bonaparte an, und was brauche ich noch über die Franzosen zu hören? Die habe ich hinlänglich kennen gelernt und den Krieg fühlt man genug, wenn er da ist, man braucht sich nicht um den zu bekümmern, der in der Ferne geführt wird. Solche Anzeigen aber haben ihren Nutzen, und man sollte nicht darüber lachen, wenn vernünftige Menschen sie lesen. Mir wird diese einfältige Neugierde, wie mein seliger Mann meine Leserei nannte, manchen schönen Taler einbringen, denn ich erhalte nun dadurch die mir zukommende Erbschaft.

Die Gräfin hatte mit ängstlicher Aufmerksamkeit den Bericht ihrer ehemaligen Dienerin vernommen, und sie fand einen schwachen Trost darin. Sie wusste doch nun bestimmt, dass ihre Schwägerin sowohl, als das geliebte Kind in den schrecklichsten Augenblikken ihres eigenen Lebens nicht umgekommen waren. Sie konnten beide leben, und es konnte vielleicht dem Grafen gelingen, diese schwachen Spuren zu verfolgen und die Verlornen aufzufinden. Sie dankte daher der ehemaligen Dienerin für die von ihr bewiesene Treue und bat sie, während ihres hiesigen Aufentaltes auf dem schloss zu wohnen. Die witwe des Professors nahm diess Anerbieten mit Dankbarkeit an und sagte: Es ist nicht Hochmut von mir, aber erstlich bin ich froh, wieder in der Nähe meiner ehemaligen herrschaft zu sein, und dann habe ich mir das Bauernleben so abgewöhnt, dass ich es nicht lange bei den guten Leuten, meinen Verwandten, würde aushalten können.

Die Gräfin bat nun, sie möchte ihre Zimmer gleich in Besitz nehmen und alle ihre Sachen nach dem schloss bringen lassen, damit bei der Mittagstafel sie sich schon ganz als Hausgenossin fände.

Ich bemerke, rief die Professorin, Sie verlangen, ich soll an Ihrer Tafel speisen, und als die Gräfin diess bejahte, fuhr sie fort: Nimmermehr werde ich mich dazu entschliessen, und wenn ich mir auch das Bauernleben abgewöhnt habe, so habe ich doch keinen dummen Hochmut bekommen. Sie sind lange Jahre meine herrschaft gewesen, das werde ich nicht vergessen. Ja, ich habe mich nicht einmal zu der Gesellschaft der andern Professorsfrauen gehalten, wie mein seliger Mann noch lebte, denn ich sah es recht gut, dass ich ihnen zu gering war; ich war ihnen nicht fein, nicht gelehrt genug, aber mit aller ihrer Gelehrsamkeit hatten es ihre Männer nicht so gut, wie mein alter lieber Mann. Der konnte ohne Sorgen leben, brauchte sich um nichts zu kümmern und hatte doch Alles im Ueberfluss, und wenn die Herren Professoren bei uns speisten, so gestanden sie alle aufrichtig, bei uns sei der beste Tisch. So lebten wir still und ruhig; ich pflegte meinen Mann, und hielt mein Kind zur Kirche und Schule an, und sorgte dafür, dass meine Marie früh die Wirtschaft lernte und nicht tausend unnütze Torheiten. Desshalb setzten die andern Professorentöchter das arme Kind auch zurück, denn mir fiel es nicht ein, dass es nötig sei, dass sie in allen Sprachen Liebesbriefe zu schreiben verstehen müsse; eben so wenig braucht sie mit einem Schawl oder mit einer Trommel zu springen, oder auf allen Instrumenten zu klimpern. Auch ist es kein Unglück, wenn sie nicht alle Spielereien zu machen versteht, die im grund kein Mensch braucht, denn ich habe gesehen, dass die vornehm erzogenen Mamsellen nachher vor lauter Gelehrsamkeit ihr Haus nicht regieren konnten und mit allen ihren feinen arbeiten nicht verstanden, wenn es Not tat, ein Hemd für ihren Mann und ihre Kinder zuzuschneiden.

Sie mögen im Ganzen Recht haben, sagte die Gräfin, obwohl ich fürchte, Sie gehen zu weit, was Ihre Tochter anbetrifft; doch Sie sind mir ein so lieber Gast, dass ich wünsche, Sie möchten sich in meinem haus einrichten, wie es Ihnen am angenehmsten ist.

Wenn Sie mir das erlauben, sagte die Professorin, so werde ich bei meinem alten Freunde Dübois speisen, und meine kleine Marie mögen Sie an Ihren Tisch nehmen, damit sie Manieren lernt, denn da ich sie in der Zukunft mit dem Doktor zu verheiraten wünsche und der so viel auf feine Lebensart hält, so wäre es mir lieb, wenn sie darin nicht hinter ihren künftigen Mann zurückbliebe.

Die Gräfin lächelte, indem sie die Bitte ihrer ehemaligen Dienerin bewilligte, und Dübois, der herbei gerufen wurde, erhielt den Auftrag, die Zimmer im untern Stockwerk der neuen Bewohnerin anzuweisen