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alten Diener, der in stummen Tränen ihr zur Seite stand. Lassen Sie uns ruhig sein, guter Dübois, sagte sie mit kranker stimme, ich wollte Ihnen auftragen, wo möglich den Namen des jungen Mannes zu erforschen, vielleicht hat er Papiere bei sich, die Auskunft geben, vielleichtes ist Wahnsinn, Dübois, was ich hoffe, ich weiss es, und dennoch, ich bitte, tun Sie, wie ich Ihnen sage. Der Alte versprach, was die Gräfin von ihm forderte, und warf, ehe er sich entfernte, einen flüchtigen blick in den Spiegel, um zu sehen, ob sein Gesicht und seine Haltung keine Spur des Schmerzes zeigte, den er so eben mit seiner Gebieterin geteilt hatte, und den er den Grafen nicht wollte bemerken lassen. Bitten Sie fräulein Emilie zu mir, rief ihm die Gräfin mit matter stimme nach.

Emilie eilte zur Gräfin. Der Haushofmeister hatte ihr gesagt, sie befände sich nicht wohl, aber Emilie bebte zurück, als sie die Gräfin erblickte, die völlig ermattet noch im Lehnstuhl sass, und deren bleiches Gesicht noch feucht von Tränen war, die ihren Augen unwillkührlich immer wieder von Neuem entströmten. Komm zu mir, liebe Emilie, sagte die Gräfin, Du musst Geduld mit mir haben, Du sanftes Kind, ich plage Dich mehr, als ich mir selbst verzeihe.

Was ist Ihnen begegnet, fragte Emilie mit ängstlicher stimme, das Sie so erschüttert haben kann? Soll ich den Onkel rufen? Soll man den Arzt kommen lassen?

Nein, mein Kind, sagte die Gräfin matt aber bestimmt, ich will den Grafen nicht durch meinen Zustand beunruhigen, und der Arzt kann mir nicht helfen.

O! wüsste ich ein Mittel, sagte Emilie, indem sie die Hand der Gräfin weinend küsste, wodurch Ihre Gesundheit und Ihre Ruhe hergestellt werden könnten.

Befremdet sah die Gräfin ihre junge Freundin an, die errötend die Augen niedersenkte und durch ihre Verlegenheit verriet, dass sie aus Liebe und Mitleid sich übereilt, und mehr gesagt hatte, als sie sich erlauben wollte. Wesshalb glaubst Du, dass mir Ruhe des Herzens mangelt? fragte die Gräfin nach kurzem Stillschweigen.

Emilie war zu wahr, als dass sie sich nun durch halbe Antworten hätte aus der Verlegenheit ziehen können; auch war die Gräfin zu klug, als dass sie sich anders als scheinbar durch solche Antworten würde haben befriedigen lassen, und Emilie wäre in Gefahr geraten, achtung und Vertrauen ihrer Tante völlig zu verlieren, und als eine Auskundschafterin der Handlungen und der Gedanken derselben betrachtet zu werden; sie entschloss sich also offenherzig zu antworten, wenn sie auch die Gräfin dadurch kränken sollte. Warum antwortest Du mir nicht, fragte diese ein wenig ungeduldig ihre junge Freundin, die noch von Röte überzogen, verlegen, mit niedergeschlagenen Augen vor ihr stand.

Weil ich Sie kränken müsste, wollte ich diese Frage beantworten, die meine Unbesonnenheit veranlasst hat, sagte Emilie, indem sie die schönen blauen Augen freimütig auf die Gräfin richtete.

Sprich aufrichtig mit mir, sagte diese in mildem Tone und doch halb misstrauisch erwartend, welche Erklärung nun folgen würde.

Sie sind so weit erhaben, sagte Emilie, über Eitelkeiten und ähnliche kleinliche Leidenschaften, die manchen Frauen eine ungleiche Laune geben, Ihr Geist ist zu gebildet, als dass Sie aus Eigensinn eine solche haben könnten, und dennochEmilie schwieg zögernd, – Und dennoch? fragte die Gräfin, ich bitte Dich fahre freimütig fort.

Ich muss es, sagte Emilie, nachdem unser Gespräch diese Wendung genommen hat; Sie haben mir so viele Güte bewiesen, dass Sie mich zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet haben, und ich bin in Gefahr, dass sie mich nun als undankbar verabscheuen werden.

Nein, nein, sagte die Gräfin, sprich ohne Zögerung und weitere Einleitung.

Bei der Güte Ihres edlen Herzens, bei der Grossmut Ihrer Seele, sagte Emilie, können Sie dennoch in der Laune, die Sie eben beherrscht, mich oft so schmerzlich verwunden, mit so kränkend wegwerfender Bitterkeit in manchen Stimmungen meine Fehler rügen.

Glaubst Du, fragte die Gräfin mit erzwungenem Lächeln, dass Du niemals Tadel verdienst?

Ich bin so töricht nicht, erwiderte Emilie sanft, aber tue ich meiner mütterlichen Freundin Unrecht, wenn ich glaube, es würde Güte und Liebe mir die Bahn zeigen, die ich zu wandeln habe, und nicht Bitterkeit und kränkender Spott, wenn Ihr Herz die schöne Ruhe empfände, die Sie so sehr verdienen? Würden Sie bei der Grossmut Ihrer Seele mit solcher Verachtung von der Armut sprechen, wie Ihre Laune es Ihnen oft gebietet, gegen das hülflose geschöpf, das einzig von Ihrer Freigebigkeit lebt, und das Sie dadurch oft zwingen, die Nahrung, die es Ihrer Güte verdankt, mit seinen Tränen zu benetzen? Kann diese Bitterkeit, diese Heftigkeit, der Stolz und die Verachtung wohl eine andere Ursache haben, als dass Ihr Herz an verborgenen Qualen leidet, Ihrer Seele der Frieden fehlt, den ich für Sie so oft mit Tränen vom Himmel erbeten habe?

Emilie schwieg erschrocken und erstaunt über ihre Dreistigkeit, die sie sich selbst nicht zugetraut hatte. Die Gräfin hatte die Augen ernst auf ihre junge Freundin geheftet, indess sie sprach, doch löste sich dieser Ernst bald in Liebe und Güte auf. Du hast Recht, Emilie, sagte sie, ich habe Dir Unrecht getan, schuldlos bist Du oft von mir geplagt und gekränkt worden, und Deine Sanftmut hat mir immer mit Liebe erwiedert