1836_Bernardi_007_139.txt

unser aller Bestes mit grosser eigener Gefahr.

Ich hatte lange genug unter den Heiden in Paris gelebt, ich konnte also wohl einsehen, dass wir behutsam sein müssten, und fügte mich in mein Schicksal. Als ich mit der guten Frau allein war, hatte ich Zeit genug, über unser Unglück nachzudenken, und ich brachte die ganze Nacht weinend und jammernd zu, denn nun, da die grösste Angst vorbei war, dachte ich auch an unsern kleinen Herrn. Endlich am Abende des andern Tages kam der Herr wieder, der mich hieher geführt hatte, und sagte mir, er würde mich des andern Abends um dieselbe Zeit abholen und zu einer deutschen herrschaft bringen, die mich als Kammerjungfer mitnehmen und in Frankfurt am Main zurücklassen wolle, von wo ich meine Heimat leicht erreichen könne. Ich fragte nach Ihrem Schicksale. Er trocknete sich die Tränen und sagte, man müsse auf Gottes Beistand hoffen, er könne mir nichts darüber sagen. Als ich nach fräulein Adele fragte, antwortete er etwas ungeduldig, er könne mir weiter keine Nachricht geben, als nur die Versicherung, dass sie ausser Gefahr sei, und ich sollte froh sein, dass er auch mich in Sicherheit bringen wollte. Ich fragte ihn, ob ich nicht noch ein Mal nach unserer wohnung zurück gehen könne, um meine Sachen abzuholen, die dort alle zurück geblieben waren. Er wurde hierauf recht grob und sagte, es sei ein Zeichen grosser Dummheit, dass ich um der Lumpen Willen dahin zurück zu gehen dächte. Er besänftigte sich aber bald und befahl mir, ich sollte bis zum nächsten Abende zusammenrechnen, wie viel der ganze zurückgelassene Kram wert sei, er wolle ihn mir baar bezahlen, ich solle aber weder mich, noch ihn desshalb unglücklich machen. Ich war damit zufrieden und fragte ihn nicht weiter nach unserm kleinen Herrn, denn ich dachte mir schon, dass er doch nicht aufrichtig antworten würde. Kaum aber hatte er das Haus verlassen, so fing ich an die alte Frau, die es bewohnte, mit Bitten und Tränen so lange zu bestürmen, bis sie selbst zu weinen anfing und mir zu helfen versprach; denn da sie mich nicht recht verstand, so glaubte sie, der kleine Herr sei mein eigenes Kind, und ich liess es geschehen, dass sie es glaubte, und gab gern zu, dass sie mich für eine leichtsinnige Dirne hielt, damit sie mir nur helfen möchte. In aller Frühe des nächsten Morgens drückte sie mir einen Hut tief in's Gesicht hinein, hing einen Schleier darüber, gab mir einen Mantel, und nachdem sie sich eben so angetan hatte, verliessen wir das Haus, nahmen auf dem nächsten platz einen Wagen und so ging es fort nach dem dorf. Gott, wie schlug mein Herz auf diesem Wege, teils aus Angst, dass man uns verhaften möchte, teils aus Verlangen nach dem lieben kind. Wir erreichten glücklich das Dorf, wir fanden das Haus, aber nur zu neuem Jammer. Die Pflegerin unsers kleinen Herrn lag im hitzigen Fieber, von dem kind war nichts zu sehen. Die Weiber, die die Kranke warteten, sagten mir, ein alter Herr habe am vorigen Tage das Kind abgeholt und es zu einer Dame in einen Wagen gehoben, die nach des alten Mannes Aussage die Mutter des Kindes gewesen sei. Ich dachte einen Augenblick, Sie selbst hätten Ihr Kind abgeholt, aber ich besann mich bald, dass es nicht so sein könnte, denn Sie würden auch mich wieder zu sich genommen haben, wenn Sie frei gewesen wären. Es war nun nichts weiter zu tun, als den Rückweg mit Tränen anzutreten und den Abend zu erwarten. Als es dunkel geworden, kam der alte Herr richtig, wie er es versprochen. Ich hatte indess meine Rechnung für Lohn und Kleider gemacht, wie er es verlangt hatte. Er bezahlte mir Alles und schenkte mir noch hundert Franken zur Reise. Da ich ihn in so gütiger Stimmung sah, so wagte ich es, ihm mein Leid mit unserem kind zu vertrauen. Er wurde sehr böse und schalt auch die alte Frau, dass wir gegen seinen Befehl das Haus verlassen hatten; als ihm diese aber, um sich zu entschuldigen, sagte, dass sie meinen Jammer und meine Tränen nicht mehr hätte mit ansehen können, weil ein Stein hätte durch meine Klagen bewegt werden müssen, da wurde er wieder sanftmütig und sagte, da ich so grosse Treue für meine herrschaft zeigte, so wolle er die Unbesonnenheit vergeben, und übrigens müsse ich zu meinem Troste glauben, dass Gott ein unschuldiges Kind nicht würde untergehen lassen, wenn ich es auch nicht mehr bei seiner Pflegerin gefunden habe. Das war alles, was ich mit Bitten und Flehen über den kleinen Herrn erfuhr, und ich musste nun mit dem unbekannten Herrn fort, der mich zu meiner neuen herrschaft brachte, die beinah kein Wort mit mir sprach. Mit dem frühesten Morgen ging es aus Paris hinweg. Wir reisten Tag und Nacht, bis wir Giessen erreichten. Hier liessen sie mich zurück, und ich hatte nicht einmal erfahren, mit Wem ich die Reise gemacht hatte. Weil ich mir den Fuss beschädigt hatte, musste ich in Giessen einige Zeit bleiben, und da fügte es Gott, dass ich an meinen alten Professor geriet. Wie ich mit dem verheiratet war, vertraute ich ihm unser ganzes Schicksal an, denn er war eine treue Seele und ich dachte, er würde vielleicht etwas auskundschaften können über Ihr Schicksal