das ihre letzte dunkle Hoffnung verloren zu gehen schien, bezwang dennoch ihr Gefühl und hörte mit ängstlicher Aufmerksamkeit den Bericht, um doch vielleicht noch eine schwache Spur des Verlornen darin zu finden.
Ach! hob die ehemalige Dienerin ihre Wehklage an, wie war uns zu Mute, mir und der Mamsell Adele, als wir damals in Paris unsern Einkauf gemacht hatten und nun ruhig nach haus gegangen waren. Mein Gott, mein Gott! als wir die offenen Türen erblickten, als wir ankamen, die geöffneten Schränke und die grausige Unordnung. Ihr schöner Hut lag auf dem Boden, und es hatte Jemand mit schmutzigen Füssen darauf getreten, der Wirt des Hauses stand im Wohnzimmer und schalt uns, so wie wir ankamen, schändliche Aristokraten; ich wollte ihm antworten, wie sich's gehörte, denn ich hatte französisch genug dazu in der Gottvergessenen Stadt gelernt, aber Mamsell Adele rief heftig: Wo ist Herr Blainville und seine Gemahlin? Herr Blainville, wiederholte plötzlich der Wirt, von dem weiss ich nichts, der Vaterlandsverräter, der verkappte Graf ist, wo er hingehört, im Gefängnisse. Mein Bruder, mein unglücklicher Bruder! schrie Mamsell Adele in Verzweiflung, und wurde bleich und starr wie eine Leiche. So gross mein Schmerz war, so ging mir doch ein Licht auf, und ich war recht böse, dass Sie mir die Sache nicht gehörig vertraut hatten, ich hätte nichts verraten und hätte den gehörigen Respekt vor Mamsell Adele haben können, statt, dass ich sie geärgert hatte, wo ich konnte, denn ich hielt sie für hochmütig und von Ihnen begünstigt, und ich dachte, ich wollte sie dadurch aus dem Dienst treiben, denn sie kam mir unnötig im haus vor. Jetzt sah ich das alles anders ein durch diess einzige Wort, das sie im Unglücke und im Schrecken ausgesprochen.
O mein Gott! seufzte die Gräfin und bedeckte ihre überströmenden Augen mit den Händen. Die rohe, aber gutmütige Erzählerin sah, welche Schmerzen ihre Worte erregten, und zog mit sanfter Gewalt die hände der ehemaligen Herrin von den weinenden Augen derselben zurück, um sie mit Küssen und mit warmen Tränen zu bedecken. Weiter, meine Liebe, sagte die Gräfin mit zitternder stimme, um Gottes Willen fahren Sie fort.
Ja, weiter in der unglücklichen geschichte, rief die witwe des Professors, Sie wissen nicht, wie mir das Herz blutet, wenn ich an all den Jammer und Trübsal denke. Ich wusste nicht, was ich mit Ihrer armen Schwägerin anfangen sollte, die bleich und starr da sass, ohne zu weinen, ohne zu reden, ja ohne ein Glied zu rühren. Ich war ganz allein mit ihr, der Hausherr hatte uns wieder verlassen, und ich wusste nicht, was ich anfangen sollte, denn ich hatte nicht den Mut, die arme zu verlassen und einen Arzt zu rufen. Endlich brachte ich sie doch wieder etwas zur Besinnung, sie sprang nun auf ein Mal auf, fasste heftig zitternd meinen Arm und sagte leise: Komm, wir müssen meinen Bruder aufsuchen. Ich war bereit und wir stürmten der tür zu, ohne zu wissen wohin. In der tür begegnete uns ein alter Herr, den das arme fräulein Adele zu kennen schien. Mit gerungenen Händen fiel sie vor ihm auf die Knie und rief: Helfen Sie, retten Sie! Der gute Mann weinte selber und sagte: zuerst müssen Sie fort von hier und zwar sogleich, damit Sie nicht ebenfalls verhaftet werden, denn alsdann würde es noch schwieriger werden, etwas für Ihren Bruder zu tun. Ich fürchte, der Herr des Hauses ist schon ausgegangen, die Anzeige zu machen, denn ich traf ihn nicht zu haus, desshalb lassen Sie uns eilen. Als ich diese Worte hörte, kam mir schnell von Gott der gute Gedanke, dass Ihnen nicht damit geholfen wäre, wenn uns die unmenschlichen Jakobiner einsperrten, und ich sagte also dem guten alten mann, der sich unserer annehmen wollte, dass man Mamsell Adele gar nicht fragen müsse, denn sie sei so ausser sich, dass der Hausherr mit der Wache kommen würde, ehe sie nur begriffe, wovon die Rede sei. Der verständige Mann sah das ein, und wir fassten jeder die arme Weinende unter einem Arm und brachten sie mit Gewalt die Treppe hinunter in den Wagen des alten Herrn, und der Schurke, der Wirt, behielt nichts als das leere Nachsehen, wenn er mit seinen Jakobinischen Wachen wird angekommen sein. Wie lange wir gefahren sind, weiss ich nicht, denn sowohl ich, als unser alter Begleiter, wir waren während des Weges nur bemüht, die arme Mamsell Adele ein wenig zu beruhigen, aber Gott weiss, es gelang uns schlecht. Endlich hielt der Wagen vor einem kleinen haus in der Vorstadt; der alte Herr hiess mich ausstiegen und ging mit mir in diess unscheinbare Haus, das, nachdem er drei Mal leise geklopft, geöffnet und hinter uns sogleich wieder verschlossen wurde. Eine alte Frau kam uns entgegen, und ich hörte wohl, wie mein Führer ihr auftrug, für mich auf's Beste zu sorgen, aber um Gottes Willen mich nicht ausgehen zu lassen, weil wir alle durch meine Unvorsichtigkeit unglücklich werden könnten. Als er mich verlassen wollte, fragte ich, was aus fräulein Adele werden sollte. Er antwortete mir, wir dürften nicht zusammen bleiben, es wäre für uns beide sicherer, wenn Jede einen andern Zufluchtsort fände, er sei ein Freund ihres Hauses und sorge für