und sie als Verwandte und zugleich als die ehemalige Dienerin der Gräfin zu bezeichnen. Diese war sichtlich erschreckt und erfreut durch die unerwartete Nachricht, und suchte, sobald sie nur Fassung gewann, den Arzt auf eine geschickte Art über alle beim Prediger geführten gespräche auszufragen, aber ihre Unruhe wurde nicht gehoben, denn jenes Seele war besonders davon erfüllt, wie heldenmütig er sich nach seiner Meinung dem Verräter, dem jungen Lorenz, gegenüber benommen hatte.
Er hatte die Gräfin kaum verlassen, als diese Dübois rufen liess, um ihm das Unerwartete mitzuteilen und ihn zu bitten, die ehemalige Dienerin zuerst zu empfangen, um ihr die nötige Schonung zu empfehlen. Der alte Mann war bereit zu tun, wozu sein eigenes Herz ihn trieb, und er begab sich hinunter, um die Ankommende zu empfangen, ehe sie einen Diener des Hauses sprechen konnte, denn der Haushofmeister kannte aus früheren zeiten ihre grosse Redseligkeit und konnte nicht wissen, ob die Veränderung ihres Standes sie zurückhaltender gemacht haben würde. Seine Geduld wurde auf keine lange probe gestellt; denn kaum war eine Viertelstunde verflossen, so nahte sich die Erwartete im höchsten Putz mit grossen Schritten. Die Tochter folgte der Mutter, denn es gelang ihrer Anstrengung nicht, sich in gleicher Linie mit derselben zu erhalten, und kaum hatten Beide die Schwellen des Hauses überschritten, als die Mutter, ihren alten Freund erblickend, ihren Shawl heftig zurück warf, so dass er zur Erde fiel, und mit einem lauten Ausrufe der Freude ihn zu umarmen eilte. Dübois erwiderte diese Zeichen der Freundschaft Anfangs mit Herzlichkeit; da aber die oft wiederholten Umarmungen ihn beinah zu ersticken drohten, und die schallenden Küsse ein spöttisches Lächeln auf den Gesichtern einiger hinzugetretenen Bedienten hervorriefen, so entzog er sich höflich den Armen, die ihn umschlossen, und bat seine Freundin, erst bei ihm einzutreten, ehe sie ihren Besuch bei der Gräfin ablegte. Bereitwillig folgte die Base des Arztes dieser Einladung, von der Tochter begleitet, die den Shawl der Mutter vom Boden aufgehoben und ihn ihr ruhig wieder umgelegt hatte.
Der Haushofmeister bewirtete seine Gäste mit einem Frühstück, während dessen er der witwe des Professors alles abfragte, was er zu wissen begehrte, und ihr raten konnte, so gelinde als möglich ihrer ehemaligen herrschaft mitzuteilen, was diese wissen musste. Unter Strömen von Tränen war die Unterredung geführt worden, und die geduldige Marie sass während ihrer langen Dauer einsam am Fenster eines andern Zimmers, wohin sie die Mutter, nachdem sie dieselbe mit Kuchen und Chokolade versorgt, verwiesen hatte, um ungestört mit ihrem alten Freunde zu sprechen.
Endlich war das Frühstück geendigt und das Nötige verabredet; die Tränen wurden getrocknet, der Shawl in die gehörigen Falten gelegt, und der Haushofmeister bot seiner Freundin den Arm, führte sie mit höflicher Aufmerksamkeit die grosse Treppe hinauf und geleitete sie in die Zimmer ihrer ehemaligen herrschaft.
Die Gräfin trat ihnen entgegen. Meine gute Freundin, rief sie, indem sie die ehemalige Dienerin erblickte, und wollte sie umarmen; diese aber ergriff mit Heftigkeit beide hände der ehemaligen Gebieterin, die sie abwechselnd mit Küssen bedeckte und mit Tränen überströmte. Sobald die Gräfin ihre hände befreien konnte, umarmte sie die witwe des Professors und sagte: Wie freut es mich, meine Liebe, Sie wieder zu sehen und nach so vielen Jahren zu finden, dass die Zeit den Anteil, den Sie an meinem Schicksal nehmen, nicht geschwächt hat.
Mitten in ihrer Rührung wurde die Base des Arztes empfindlich und sagte: Millionen Tränen habe ich um Ihretwillen geweint und gewiss nicht verdient, dass Sie mich nun so fremd behandeln, und mich nicht mehr Du nennen und Leonore, wie in früheren zeiten so viele Jahre hindurch.
Mein Herz ist darum nicht weniger warm, sagte die Gräfin, indem sie die hände der erzürnten Frau drückte, aber diess muss um Ihretwillen so bleiben; auch würde sich Ihr Neffe, der Arzt, gekränkt fühlen, wenn es anders wäre.
Nun ja, erwiderte besänftigt dessen Base, den Toren kenne ich ja mit seinem Hochmute. Lassen Sie uns überhaupt jetzt nicht von solchen Kleinigkeiten sprechen, sagte die Gräfin mit bewegter stimme, meine gute Leonore. Sie kennen mein Unglück; haben Sie mir gar nichts Tröstliches zu sagen?
Die witwe des Professors ward durch diese Frage auf ein Mal wieder in den tiefsten Schmerz versenkt. O Gott! rief sie aus, was haben Sie alles leiden müssen, und wie hat der Kummer Sie vor der Zeit alt gemacht; wie mager sind die schönen weissen hände geworden, und wo ist die herrliche Farbe geblieben? Blühten Sie doch wie eine Rose, und es war ganz natürlich, dass der gute Herr Blainville so verliebt blieb, ob Sie gleich schon lange verheiratet waren.
Meine Liebe, sagte die Gräfin aus beklemmter Brust, schonen Sie mich mit Erinnerungen, durch die Sie mich tödten können.
Die Professorin weinte und sagte unter heftigem Schluchzen: Sie haben Recht, ach! Sie haben Recht, aber ich kann den Schmerz nicht bezwingen, wenn ich Sie ansehe.
Reden Sie nicht von mir, sagte die Gräfin mit grosser Anstrengung, sprechen Sie von dem Schicksale des unglücklichen Kindes.
Ich weiss ja nichts von dem kleinen Herrn, klagte die witwe des Professors und sammelte sich endlich so weit, um, von Tränen und Klagen unterbrochen, ihrer ehemaligen Herrin erzählen zu können, wie sich ihr Schicksal gestaltet hätte, nachdem sie die Gräfin verloren. Diese, obgleich zerschmettert von dem Worte der Dienerin, durch