dass Sie mich ein Mal in der in Krumbach vorhandenen getroffen haben, denn mein Weg hat mich mehrmals durch dieses Dorf geführt.
Und Sie hätten ganz vergessen, sagte der Arzt, indem er nahe auf ihn zutrat, was Sie damals alles sprachen, als ich durch mein Pflichtgefühl getrieben die Schenke besuchte, aus Menschlichkeit, die der Arzt niemals verläugnen darf, denn Wehe dem, der sich zu vornehm dünkt, an das Schmerzenslager zu treten, mag es stehen, wo es will. So können Sie mich in Schenken und an noch niedrigeren Orten antreffen, wenn Pflicht und Menschenliebe es mir gebieten; wenn ich aber zu meiner Erholung unter Menschen gehe, so werden Sie mich immer in der besten Gesellschaft finden, zu der ich gehöre.
Es ist gut, dass Sie mir das sagen, antwortete der junge Lorenz gleichgültig, denn Ihre unnütze, unbegreifliche Heftigkeit würde mich das zum Beispiel nicht haben erraten lassen.
Der Arzt bemühte sich nun ebenfalls gleichgültig zu sprechen und fuhr desshalb mit schlecht unterdrückter Heftigkeit fort: Es scheint also, Sie haben rein vergessen, was Sie damals über den Grafen Hohental sprachen, über seine Ergebenheit gegen die Franzosen, über den verwundeten Herrn St. Julien, dessen Leben ich mit Mühe erhalten hatte und der ein Spion sein sollte, der arme Mensch, der weder sprechen, noch sich rühren durfte damals; jetzt, Gottlob! ist er hergestellt und kann sich selbst verantworten. Haben Sie das alles ganz aus Ihrem Gedächtnisse vertilgt?
Wenn ich damals in der Tat solche Ansichten hatte, erwiderte der junge Lorenz mit unzerstörbarer Ruhe und Gleichgültigkeit, so habe ich sie gewiss mit allen, die etwas von den Verhältnissen des Grafen wussten, geteilt, und ich sehe nicht ein, was Sie darin beleidigen kann, und wenn Sie wirklich zur guten Gesellschaft gehören, wie Sie versichern, so werden Sie selbst einsehen, dass es nicht passend ist, mich in einem fremden haus über eine Ansicht, die Ihnen unrichtig scheint, mit Heftigkeit zur Rede zu stellen. Nach diesen sehr ruhig gesprochenen Worten liess er den kampflustigen Arzt stehen und nahm einen gleichgültigen Anteil an dem gespräche seines Vaters mit dem Prediger.
Der alte Lorenz hatte dem Geistlichen schon auf seine gewöhnliche heuchlerische Weise mitgeteilt, dass er ein kleines Gut für's Erste gepachtet habe, dass er aber wohl hoffen dürfe, es werde in Jahresfrist das Eigentum seines Sohnes werden, der für jetzt eine Stelle als Privatsekretair bei einem bedeutenden französischen Generale annehmen würde, der mit seinen Truppen noch so lange in Preussen verweilen würde, bis die Kontributionen alle abgetragen wären; und es ist diess eine vernünftige Einrichtung, schloss der alte Heuchler, und Gott möge seinen Segen dazu geben, denn mein Sohn kann dem Herrn General nützlich sein in tausend Fällen, weil er die Rechte studirt hat, und kann auch wiederum manchem Freunde dienen, der die hülfe eines Landsmannes bei dem Herrn General brauchen sollte.
Es entgingen die schlechten Gründe dem Pfarrer nicht, welche die Handlungen des Sohnes wie des Vaters bestimmten, und er betrachtete den jungen Mann mit misstrauischen Blicken, als er sich in das Gespräch mischte.
Die Base des Arztes redete diesen an und begann ihm mancherlei von ihrem verstorbenen Gemahl zu erzählen; dadurch lenkte sich die Unterhaltung ohne Zwang auf die Bibliotek und das Naturalienkabinet, und ging endlich auf merkwürdige Krankheitsfälle über, die dem arzt vorgekommen waren, und die sie sich umständlich erzählen liess, so dass dessen üble Laune gänzlich schwand und er nach dem Abendessen, von ihr aufgefordert, mit Vergnügen diese Verwandte, die er sich eingestand verkannt zu haben, nach haus zu begleiten versprach. Als sie nach einem formellen Abschiede von dem Prediger und dessen Familie, und einer kaum merklichen Verbeugung gegen Lorenz und dessen Sohn nun den Arm ihres Neffen gefasst hatte und im hellen Mondenscheine der friedlichen wohnung des Schulzen zuwandelte, sagte sie gutmütig scheltend: Er hat immer noch seinen unvernünftigen Trotzkopf, Vetter; was fing Er nur für unnütze Händel mit einem Menschen an, der ihn in's Unglück bringen kann? So wie ich hörte, dass der alte Vater dem Prediger ohne Scham und Scheu erzählte, dass sein Sohn ein Franzose wird, so fing ich nur gleich mit Ihm an Allerlei zu reden und liess mir geduldig vorerzählen, wovon ich kein Wort verstehe, damit Er nur nicht wieder mit dem schlechten, jungen Menschen in Zank und dadurch in Unglück geraten sollte; aber sei Er für die Zukunft vorsichtig, versprech Er mir das. Sie meinen es gut mit mir, sagte der Arzt nicht ohne Bewegung. Das habe ich immer getan, erwiderte seine Verwandte, und umarmte und küsste ihn herzlich, da sie das Haus des Schulzen erreicht hatten. Die schlanke Marie reichte dem Vetter die Hand, die dieser höflich küsste, worüber das junge Mädchen lebhaft errötete, und die Verwandten trennten sich in der wohlwollendsten Stimmung.
Der Prediger hatte den Verdruss, dass Lorenz und sein Sohn nicht die mindeste Anstalt machten ebenfalls aufzubrechen, und er war gezwungen ihnen ein Nachtlager anzubieten, damit er sich selbst zur Ruhe begeben könnte, und diess wurde von Beiden wie eine Sache, die sich von selbst verstände, angenommen.
X
Der Arzt hatte am Morgen des nächsten Tages den ihm etwas beschwerlichen Auftrag seiner Base zu besorgen, und der Gräfin ihre Ankunft und ihren Besuch für denselben Vormittag zu melden; denn wie sehr er sich auch mit dieser Verwandten innerlich versöhnt hatte, so kostete es ihm doch Viel, seinen Hochmut zu besiegen,