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man ein geheimnis bei sich behalten und Ihnen verbergen will. Ich will nun gerade nicht damit sagen, dass sich das für einen protestantischen Geistlichen schickt. Wenn Sie katolisch wären, so wäre es was Anders, denn die haben ihren Götzendienst und ihre Ohrenbeichte, aber wir guten Christen brauchen Gottlob unsern Priestern nicht Alles zu sagen.

Verlegen und empfindlich erwiderte der Pfarrer: Nach Ihrer Antwort muss ich glauben, dass Sie mir eine recht böse Absicht zutrauen, wenn ich aus Teilnahme mich nach den Verhältnissen der Gräfin erkundige.

Nehmen Sie es mir nicht übel, erwiderte die Base des Schulzen, ich bin mein Lebelang treu gewesen, und was die Gräfin für gut gefunden hat Ihnen zu verschweigen, werden Sie von mir auch nicht erfahren.

Der Geistliche war auf's Aeusserste verletzt, dass diese Frau mit bäuerischer Gradheit ihm seinen Fehler so treuherzig vorrückte; zugleich musste er sich tadeln, dass er sie für zu einfältig gehalten, da er vermutlich alles, was er wissen wollte, hätte erfahren können, wenn er nicht geglaubt hätte, hier ohne alle Umstände geradezu gehen zu dürfen. Er schwieg also verdriesslich. Der Arzt hatte auf diese Unterredung seines Freundes mit seiner Base wenig geachtet. Sein eigenes Schicksal beschäftigte ausschliessend seine Gedanken. Der Besitz einer bedeutenden Bibliotek, eines ansehnlichen Naturalienkabinets beglückte sein Herz. Er dachte daran, wie er diess alles wolle hieher kommen lassen, und dabei fiel ihm die notwendigkeit ein, ein eigenes Haus zu haben, wenn er seine Schätze recht geniessen wollte. An diesen Gedanken knüpfte sich der andere, dass alsdann eine Frau im haus notwendig sein würde, und er blinzelte so oft nach der schlanken Marie hinüber, dass diese trotz ihrer grossen Jugend errötete. Auf solche Weise war die Unterhaltung den Frauen überlassen, und die Frau des Predigers vertiefte sich mit der Base des Arztes bald in ein Gespräch über häusliche Einrichtungen, welches immer wärmer und lebhafter wurde, je mehr beide Frauen ihre gegenseitigen Einsichten erkannten, und man wechselte laut und lebhaft mit fragen und Ratschlägen ab, worauf die beiden anwesenden Männer nicht zu achten schienen, sondern gedankenvoll und stillschweigend Tabak rauchten, indess die jungen Mädchen in dieser langweiligen Umgebung nicht recht wussten, was sie mit sich anfangen sollten.

Wie ein Sonnenstrahl durch den Nebel dämmert, so wurde die drückende Langeweile, die sich auf die Gesellschaft zu lagern begann, ein wenig durch einen rasch vorfahrenden Wagen zerstreut, dessen zierliche, der neusten Mode entsprechende Form sich im hellen Mondenschein bemerken liess. Der Prediger eilte erstaunt den neuen Gästen entgegen, denen ein gut gekleideter Diener den Schlag des Wagens öffnete, worauf ein junger, sehr zierlich gekleideter Mann heraussprang, dem ein alter etwas mühsam folgte. Der Herr sei gelobt, der uns so weit geführt hat, sagte dieser mit heuchlerischer stimme, und der Prediger erkannte den alten Lorenz. Er war zweifelhaft, wie er ihn aufnehmen sollte, als dieser mit grosser Unbefangenheit auf ihn zutrat und ihm die Hand mit Vertraulichkeit bot, die der Prediger, überrascht, nicht ausschlug. Wir fuhren so nahe bei Ihnen vorbei, lieber Herr Prediger, begann Lorenz, dass ich es nicht unterlassen konnte, Ihnen meinen Besuch zu machen, um so weniger, da auch mein Sohn sehr wünschte, Ihnen nach so langer Zeit ein Mal wieder seine achtung zu beweisen. Die Neugier, diesen Sohn zu sehen, war in dem Augenblick das überwiegende Gefühl des Predigers, und er nötigte die Angekommenen höflich, einzutreten. Der junge Mann näherte sich mit leichten Schritten und sicheren Gebehrden den Frauen, um sie zu begrüssen, und nach einigen höflichen Worten, mit denen er seinen späten Besuch bei der Frau des Predigers entschuldigte, musterte er mit dreistem Blicke die Gruppe der jungen Mädchen, von welchen keine seinen besonderen Beifall zu erhalten schien. Er fuhr sich hierauf mit den weissen Fingern durch die schwarzen Lokken, ordnete vor dem Spiegel ohne Umstände seine Halsbinde und gesellte sich zu den Männern.

Der Prediger konnte sein Erstaunen weder beherrschen noch verbergen, indem er seine neuen Gäste betrachtete. Jede Spur von Armut war verschwunden; die feinsten Kleider trug heute der alte Lorenz statt des abgetragenen Ueberrockes, dessen er sich noch vor Kurzem bediente. Sie waren seinem Alter angemessen, aber doch nach der Mode; den kahlen Scheitel deckte eine künstliche Perücke, und statt des im wald geschnittenen Stockes diente ihm jetzt ein mit einem goldenen Knopfe versehenes Rohr als Stütze.

Der Arzt war durch das Geräusch der Eintretenden ebenfalls aufgeregt worden, und indem er die neu Angekommenen begrüsste, betrachtete er mit scharfen, stechenden Blicken den jungen Mann, der seine grossen schwarzen Augen dafür höchst ruhig auf ihn richtete.

Irre ich nicht, redete ihn der Arzt mit vor Zorn flammenden Wangen an, so habe ich schon ein Mal die Ehre gehabt, Ihnen zu begegnen. Ich wüsste nicht, antwortete der junge Lorenz; ich bin jetzt erst kurze Zeit wieder hier im land. Indem er diese Antwort höchst gleichgültig gab, nahm er aus einer goldenen Dose ruhig Tabak.

Der Arzt ergriff seine eigene, viel schönere goldene Dose, und indem er heftig auf den Deckel schlug, rief er mit funkelnden, halb zugekniffenen Augen: Ich dächte doch, Sie müssten sich erinnern, was in Krumbach vorfiel, als ich Sie dort in der Schenke traf.

Ich halte mich nicht anders in Schenken auf, sagte der Andere verächtlich, als wenn auf Reisen meine Pferde Ruhe bedürfen, und so kann es wohl sein, wenn Sie solche Orte besuchen,