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ist Sein Oheim gestorben, lieber Vetter, und er kann alles das Zeug nun haben.

Wie, rief der Arzt erstaunt, die ganze Bibliotek, das ganze Naturalienkabinet?

Alles, erwiderte seine Verwandte, die Bücher, die Steine, die ausgestopften Vögel und andern Tiere. Es hat mir Mühe genug gekostet, alles das Vieh zu erhalten, und Gott weiss, ob nicht doch die Motten die Kreaturen gefressen hätten trotz des vielen Pfeffers und Lavendels, der daran gewandt wurde, wenn sich nicht ein Paar von meinen Herren Kollegen der Sache angenommen hätten. Sie waren immer Freunde des Seligen gewesen und hatten auch seine Liebhabereien, und so wurde Alles erhalten.

In der Tat, sagte der Arzt gerührt, ich erkenne die Grossmut der wertgeschätzten Frau Base, ganz wie ich soll.

Na, was faselt Er nun wieder von Grossmut, lieber Vetter, erwiderte seine Verwandte gutmütig; der Selige wollte ihm das alles gönnen, also kommt es ihm zu, und es wäre schlecht von mir gewesen, wenn ich es ihm hätte verderben lassen. Er verliert so dadurch, dass uns Gott ein Kind bescheert hat, aber wenn er sich nach etlichen Jahren ordentlich aufführt, so kann er mein Schwiegersohn werden mit der Zeit, und dann bekommt er mehr, als ohne mich der alte Mann, sein Oheim, nachgelassen haben würde, nicht einmal das zu rechnen, setzte sie mit einer stolzen Bewegung des Kopfes hinzu, was ich hier noch erbe.

Frau Base, Ihre Güte – – stammelte der Arzt

Na, na, das ist nur so in's Blaue gesprochen, unterbrach ihn diese. Meine Marie hat noch lange Zeit, das braucht Ihn nicht zu binden und mich auch nicht.

Die schlanke Marie, ein Kind von dreizehn Jahren, betrachtete neugierig den Arzt, den ihre Mutter so ohne Umstände als den künftigen Bräutigam bezeichnete, indess dieser, verlegen errötend, an seinem Busenstreif zupfte. Es flogen ihm alle Vorteile dieser Verbindung schnell durch den Kopf, aber auch die ihm höchst anstössige Verwandtschaft mit Bauern, die daraus entspringen müsse. Er richtete die halb zugedrückten Augen scharf auf das junge Mädchen, deren feine Gestalt nichts Bäuerisches hatte, aus deren blassem Gesicht ihn die grosse Aehnlichkeit mit dem verstorbenen Oheim rührend ansprach. Er beschloss also zu überlegen, zu prüfen und dann wie ein Mann sein Schicksal zu bestimmen. Dass er selbst seiner vermutlichen Braut missfallen könne, fiel ihm gar nicht einmal ein.

Die Base hatte durch den Gedanken an eine mögliche nähere Verbindung mit dem Vetter eine noch lebhaftere Teilnahme für diesen gewonnen, und fragte ohne Umstände nach allen seinen Verhältnissen, worauf sie lauter befriedigende Antworten erhielt. Der Prediger mischte sich in diess Gespräch und hoffte durch die nun anwesende ehemalige Dienerin der Gräfin Vieles über deren frühere Verhältnisse zu erfahren. Er sagte also: Da Sie, meine werte Frau Professorin, in Ihrer Jugend die Baronin Schlebach und ihre Tochter auf Reisen begleitet haben, so werden Sie sich ja freuen, die Letztere hier wieder zu begrüssen. Was! rief die Angeredete, indem sie aus grosser Ueberraschung von ihrem Sitze aufsprang, ist die Frau von Blainville hier? Frau von Blainville, wiederholte der Prediger verwundert, ich meine die Gräfin Hohental, die Gemahlin des hiesigen Gutsherrn.

So lebt sie also und hat sich wieder verheiratet? fragte die witwe des Professors. Nun, setzte sie mit Rührung hinzu, ich muss die Gnade Gottes preisen, dass er mir auch diesen Wunsch gewähren will, sie vor meinem Ende wieder zu sehen; ich habe mir vergebliche Mühe genug gegeben, sie wieder aufzufinden.

Also war die Gräfin schon ein Mal verehelicht, sagte der Prediger, der sich von seinem Erstaunen nicht erholen konnte.

Haben Sie das nicht gewusst? fragte die Fremde mit einem scharfen Seitenblicke. Nein, erwiderte der Geistliche, es ist mir überhaupt Manches auffallend gewesen; die Familie scheint Vieles zu verschweigen, und selbst die vertraute Dienerschaft teilt das geheimnissvolle Wesen, denn der Haushofmeister Dübois ist eben so zurückhaltend wie seine herrschaft. So ist der gute alte Dübois auch hier, rief die Fremde in freudiger Ueberraschung. Sie kennen ihn also? fragte der Prediger auf's Neue. Wie sollte ich nicht, rief mit Tränen in den Augen die Frau Professorin, indem sie vor Verwunderung die hände zusammen schlug. Du grosse Güte! morgen am Tage gehe ich auf's Schloss, sie alle zu besuchen; Du mein Heiland! das hätte ich nicht gehofft, auch den guten Alten wieder zu finden nach so vielem Unglück, er war ja schon damals alt.

Sie werden uns ja vieles Interessante mitteilen können, Frau Professorin, sagte der Geistliche sehr freundlich. Sie äusserten sich verwundert darüber, die Gräfin lebend zu wissen, Sie drückten sich so aus, als ob sie Ihnen verloren gegangen wäre; das klingt ja Alles recht sonderbar und könnte wohl die Neugierde erregen. Die Befragte richtete abermals einen scharfen blick auf den Geistlichen und erwiderte mit der Frage: Hat Ihnen denn die Gräfin das nicht alles selbst erzählt? Keine Sylbe, erwiderte der Pfarrer, und auch hier unserm Freunde, der doch der Arzt des Hauses ist, sind alle Verhältnisse desselben fremd. So, erwiderte die Frau Professorin trocken, wenn das ist, so ist es ein. Zeichen, dass die Frau Gräfin darüber nichts sprechen will; denn Sie, mein lieber Herr Prediger, haben eine so dreiste Art zu fragen, dass man es sich schon recht fest vornehmen muss, wenn