Nehmen Sie es nicht übel, Herr Prediger, dass wir Ihnen beschwerlich fallen. Der Arzt hatte sich um die Ankommenden nicht gekümmert und war, in Gedanken versunken, sitzen geblieben. Der Ton der stimme aber, mit welcher die wenigen Worte gesprochen wurden, zuckte wie ein elektrischer Schlag durch alle seine Nerven, und er sprang auf und stand nahe vor der Angekommenen, ohne dass er es wusste. Diese betrachtete ihn einen Augenblick, schlug die hände zusammen und rief: Ist es möglich, kann es sein, muss ich den Hasenfuss hier antreffen? Der Arzt sprang beleidigt zurück. Na, sei Er nicht böse, rief die Fremde, indem sie ihm die hände entgegenstreckte und sich nicht bemühte, die Tränen zurück zu halten, die reichlich über ihre vollen, braunroten Wangen flossen; Er wird sich ja nun wohl die Hörner abgelaufen und von einer Tante, die es gut mit ihm meint, ein Wort vertragen gelernt haben?
Der Arzt wusste nicht recht, wie ihm geschah. Frau Base, stammelte er und wollte die dargebotene Hand mit Höflichkeit küssen; er wurde aber wohlmeinend an eine volle Brust gezogen, mit kräftigen Armen, denen sich nicht widerstehen liess, umschlungen und drei bis vier Mal schallend geküsst, indem er die noch immer fliessenden Tränen warm an seiner Wange fühlte. Diese unverkennbaren Zeichen des Wohlwollens brachten auch ein Gefühl der Rührung bei ihm hervor. Frau Base, sagte er, Sie haben Ihren Sinn gegen mich christlich geändert.
Er war ja ein Narr, antwortete seine Verwandte, indem sie ihre Tränen trocknete; er bildete sich in seinem überstudirten kopf ja nur dummes Zeug von mir ein. Ich habe es immer gut mit Ihm gemeint, so wie mein alter, guter seliger Mann.
So ist mein Oheim gestorben? fragte der Arzt mit Bestürzung. Ja wohl, erwiderte die witwe, und bis zum letzten Augenblicke seines Lebens hat er nicht aufgehört an Ihn zu denken, für ihn zu sorgen, und ich kann es Ihm sagen, wie Er von Jena weggegangen war und Niemand wusste, wo Er geblieben wäre, haben wir oft bitterlich geweint und es bereut, dass wir Ihn so in die Welt hatten hinein laufen lassen, und mein Alter sagte oft: Es ist zu hart, dass wir ihm nicht geschrieben haben; der arme Mensch hat alles Vertrauen zu uns verloren, wir hätten ihm seinen Fehler vergeben sollen; wer weiss, in welchem Elende er umgekommen ist. Solche traurige Gedanken hatten wir über ihn, und nun, Gottlob! finde ich Ihn hier ausgeputzt wie den Grosstürken.
Der Pfarrer und seine Familie umstanden die beiden sich erkennenden Verwandten, und es gelang dem ersten endlich, einige Ordnung in die gespräche zu bringen.
Die Frau Professorin wurde, so bald sie als solche erkannt war, eingeladen, auf dem Sopha neben ihrem Neffen Platz zu nehmen, wogegen sie sich nicht sträubte. Das junge Mädchen in ihrer Begleitung wurde von ihr als ihre Tochter bezeichnet und gesellte sich zu den Töchtern des Predigers, auf deren Aufforderung sie den grossen Strohhut abnahm und ein feines, blasses Gesicht mit grossen blauen Augen zeigte, die sie schüchtern beinah nach jeder Bewegung auf die Mutter richtete, die ziemlich streng das Betragen der Tochter zu regeln schien; starke Flechten von hellblonden Haaren vollendeten das Bild des jungen Mädchens, das im Ganzen einen angenehmen Eindruck hervorbrachte. Als diese Gäste Platz genommen hatten, sah sich der Pfarrer verlegen nach dem Schulzen und seiner Mutter um, die er nicht zu seiner Gesellschaft zählen und auch als Verwandte der Fremden nicht beleidigen wollte. Sie waren aber schon bereit, sich zurück zu ziehen; denn wenn sie auch ihre vornehmen Verwandten mit Stolz betrachteten, so wussten sie doch, dass sie sich dem Geistlichen nicht als Gesellschaft aufdrängen konnten. Der Arzt konnte sich noch immer in das, was ihm begegnet war, nicht recht finden, und der Prediger suchte das Gespräch auf die Angelegenheiten und auf die begebenheiten der Frau Professorin zu leiten. Sie war, wie alle Leute ohne Erziehung, gleich bereit, auf Beides offenherzig und umständlich einzugehen, und erzählte: Wie ich in Giessen vor funfzehn Jahren eintraf und nach meinem vaterland zurückkehren wollte, beschädigte ich mich beim Absteigen vom Wagen so stark am fuss, dass ich nicht weiter konnte und einige Wochen da bleiben musste, um das Bein zu heilen. Während der Zeit hatte ich einige gute Freunde gefunden, die mir sagten, ein gewisser Professor, der sich vor lauter Gelehrsamkeit um nichts Anders bekümmern könne, suche eine Haushälterin, auf deren Treue er sich verlassen könne, denn er sei ein Mann von Vermögen. Ich sagte zu mir, was willst du zu haus machen? Das Bauernleben bist du doch nicht mehr gewohnt und suchst dann doch wohl wieder einen Dienst, also besser gleich hier geblieben. So geschah es dann und ich nahm die Stelle bei dem guten alten mann an; aber, lieber Herr Prediger, was war bei dem für eine Wirtschaft! Jeder bestahl ihn, Jeder betrog ihn, seine Kollegia wurden ihm nicht bezahlt, sein Geld nahmen ihm Heuchler und Betrüger ab, kurz, es ging Alles drunter und drüber. Ich konnte das nicht mit ansehen. Zu seinem Besten zankte ich mich mit ihm alle Tage, aber es half nichts, er konnte sich nicht ändern. Ich stellte ihm hundert Mal vor, dass er auf diesem Wege ein verlorner Mann sei, und riet ihm, eine Frau zu nehmen, die Gewalt über ihn habe und