1836_Bernardi_007_131.txt

auf Schloss Hohental angekommen war, zum Erstaunen der Bedienten, erst von ihnen abgesondert, dann wie ein junger Edelmann gekleidet, endlich in den Saal ihrer herrschaft eingeführt worden, und er nahm teil an deren Gesellschaft und an ihren Vergnügungen. Die grosse Kenntniss der Musik, die er vor Allen voraus hatte, wurde nicht bloss St. Julien nützlich, sondern auch den Damen, deren Singübungen er besser zu leiten verstand, und den Bitten der schönen Terese gelang es sogar, dass der junge Graf sich entschloss, die fehlende Bassstimme zu übernehmen; aber freilich verursachte er bei seinem gänzlichen Mangel an musikalischer Kenntniss dem jungen Kapellmeister die meiste Beschwerde, der gerade eine Ehre darin suchte, dass sein Beschützer sich besonders auszeichnen sollte.

So schwanden die schönen Herbsttage dahin unter abwechselnden Spaziergängen, Vorlesungen und musikalischen Uebungen, und der Jüngling Gustav fehlte nie in dem freundlichen Kreise, der nur durch den Prediger, den Arzt und den Obristen vermehrt wurde, denn der Graf hatte sich von aller Gesellschaft zurück gezogen und als Grund offen die notwendigkeit des Ersparens angegeben, weil das Vaterland so vieler Opfer bedürfe, und er bemerkte oft, dass es ein peinliches Gefühl sei, sich unnütze Ausgaben zu erlauben, indess, sagte er, unser erhabenes Königshaus ein so edles Beispiel des Entsagens gibt. Es war diess gewiss die innere Empfindung des Grafen, aber er benutzte die gelegenheit auch gern, sich von dem Umgange mit dem benachbarten Adel zurück zu ziehen, denn es war ihm nicht unbekannt geblieben, wie viele gespräche über seine Gemahlin der unangenehme öffentliche Auftritt zwischen derselben und ihrem Bruder bei dem Friedensfeste des Baron Löbau veranlasst hatte.

St. Julien teilte dem Grafen den Brief seiner Mutter mit, und beide Männer sahen seufzend ein, dass die Trennung notwendig und nah sei. Der Graf gestand sich trauernd, dass er die Lücke nicht auszufüllen vermöchte, die durch des jungen Mannes Entfernung in seinem Herzen entstehen würde, aber er verschwieg diesen Kummer, und so waren Alle scheinbar heiter und Jeder suchte dem Andern den Schmerz über die nahe Trennung zu verbergen, um die letzten Stunden des Beisammenseins in ungetrübtem Frohsinn zu geniessen.

IX

Es war ein schöner Sonntagnachmittag im Herbste des Jahres achtzehnhundert und sieben, als der Doktor Lindbrecht nach einem mässigen Spaziergange seinen Freund, den Pfarrer, besuchte und sich an dessen Teetisch in der Ecke eines Sophas behaglich lehnte, um aus der von St. Julien erhaltenen Pfeife den Rauch in gelinden Wolken im Zimmer zu verbreiten. Das auffallend grosse, goldne Mundstück derselben, so wie die überladene Verzierung mit Ketten, Quasten und Schnüren in allen Farben, sagte seinem Geschmacke zu. Lächelnd betrachtete er oft den funkelnden Brillanten an seinem Finger, nahm zuweilen aus der auf dem Tisch stehenden goldnen Dose Tabak und zog die schon zu weit hervorstehende feine Wäsche noch ein wenig mehr heraus, indem er mit gutmütigem Hochmut seinem Freunde erzählte, der Graf habe nach der Genesung der Gräfin seinen Gehalt ansehnlich vermehrt und St. Julien ausser dem Geschenke zum Andenken ihn noch für die Heilung seiner Wunden grossmütig belohnt, so dass ich mich jetzt, schloss er, für einen reichen Mann halten und vielleicht bald an eine vernünftige Heirat denken kann.

Der Pfarrer ging eben im kopf alle seine Bekannten durch, die er vielleicht zu dieser Verbindung empfehlen könnte, als der Schulze des Dorfes mit Geräusch eintrat, den Sonnenschein der Heiterkeit in allen Mienen. Der kräftige Landmann übersah in der Freude das strenge Gesicht seines Seelsorgers, womit dieser den lauten, unehrerbietigen Eintritt tadeln wollte, und rief: Gott segne Sie, Herr Prediger! Meine Mutter hatte Recht, als sie sagte: Peter, geh Du zum Herrn Pfarrer, der schafft Deine Base heraus, mag sie stecken, wo sie will; diess Wort der guten alten Frau ist wahr geworden, Sie haben die Base herbeigeschafft.

In der Tat, fragte der Geistliche, wird sie kommen?

Sie ist schon hier, erwiderte der Schulze freundlich, und als eine vornehme Madame ist sie angekommen, sie wird auch gleich hier bei Ihnen sein, sie wollte selbst mit Ihnen über die Erbschaft sprechen. Sehen Sie, da kommt sie mit meiner Mutter und ihrer Tochter. Der Pfarrer trat zum Fenster und auch seine Gattin kam neugierig herbei, so wie alle Kinder; nur der Arzt blieb in philosophischer Ruhe in seiner bequemen Lage, denn ihn regte die Neugierde wenig an, die Verwandte eines Plebejers, eines Bauern zu sehen.

Die Frau des Predigers lächelte ein wenig über den überladenen und für ihr Alter nicht anständigen Putz der Ankommenden, der aber doch von grosser Wohlhabenheit zeigte. Eine ziemlich wohlbeleibte Frau näherte sich mit etwas zu weit ausgreifenden Schritten dem Pfarrhause; ihr Kleid von hellfarbiger Seide hatte sie etwas hoch aufgehoben, um nicht im Gehen gehindert zu werden; die blaufarbigen Bänder der Haube flatterten im Winde und mischten sich mit roten Rosen, die den Kopfputz verzierten. Die Mutter des Schulzen war in ihrer sonntäglichen Kleidung, und Beiden folgte ein junges, weissgekleidetes Mädchen, deren grosser Strohhut ihr Gesicht nicht bemerken, aber deren sehr schlanke Form auf grosse Jugend schliessen liess. Der Pfarrer wusste nicht recht, ob er den Ankommenden wie seines Gleichen entgegen gehen oder den Eintritt der Verwandten eines Bauern ruhig erwarten sollte. Er entschied sich für das Letztere, doch tat es ihm alsbald leid, als er mehrere Schnüre echter Perlen um den sonnverbrannten Hals der Eintretenden bemerkte.

Die drei Frauen hatten das Wohnzimmer des Geistlichen betreten, und die Fremde sagte mit etwas durchdringender stimme: