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weiss, wohin mich mein Schicksal führt. Der junge Graf nahm den Brief, und indess er ihn las, ging St. Julien schweigend in einem Baumgange auf und ab.

Die Mutter des jungen Franzosen berichtete ihm in diesem Briefe, dass sie die persönliche Bekanntschaft des Generals gemacht habe, zu dessen Regiment er gehöre, und dass dieser die gefälligkeit gehabt habe, ihr zu versichern, dass aus seiner langen Abwesenheit vom Regimente kein Nachteil für ihn erwachsen solle, indem sie einzig seinen gefährlichen Wunden und der damit verbundenen Krankheit zugeschrieben werden sollte. Der Kommandant der Festung würde den Befehl erhalten, ihn als einen wegen Wunden und Krankheit zurückgebliebenen Kriegsgefangenen von der preussischen Regierung zurück zu fordern, und ihm dann noch einen Urlaub für zwei Monate gewähren zur völligen Wiederherstellung seiner Gesundheit. Nach Ablauf dieser Zeit müsse er sich aber bei seinem Regimente einfinden, dessen Bestimmung unbekannt sei, das aber vermutlich nach Italien gehen werde.

Vor Ablauf dieser Zeit, schloss die Mutter, würde sie unfehlbar auf Schloss Hohental erscheinen, um seinen edlen Freunden zu danken, und in der Gesellschaft des geliebten Sohnes nach Frankreich zurückreisen.

Die Blicke des jungen Grafen ruhten noch ernst auf dem gelesenen Blatte, als St. Julien wieder zu ihm trat, um den Brief zurück zu nehmen. Nicht wahr, fragte er seinen Freund, es kränkt Sie auch, dass wir sobald uns trennen sollen? Ja wohl, sagte der junge Graf mit einem tiefen Seufzer, und Gott weiss, wie wir uns noch einmal gegenüber stehen müssen.

Sie werden doch nicht fremde Dienste nehmen wollen, um gegen uns zu fechten? fragte St. Julien überrascht. Gewiss nicht, versetzte sein Freund mit bitterem Lächeln.

Nun dann ist keine Gefahr vorhanden, sagte St. Julien leichtsinnig, dass wir uns gegenseitig erschlagen müssten, denn Preussen kann nicht mehr wider uns, sondern muss mit uns sein, und auf diesen Fall wären wir ja Freunde und Waffenbrüder.

Junger Mann, erwiderte sein Freund, indem er beide hände auf die Schultern des jungen Franzosen legte, ich wollte, Sie hätten etwas deutsches Blut in den Adern, dann würden Sie ahnen, was noch alles in dem dunkeln Schoosse der Zukunft ruht; doch wozu, fuhr er, sich selbst unterbrechend, fort, sollen wir noch Schreckbilder aus der Ferne herbeirufen, da unsere Trennung an sich betrübend genug ist.

Ja wohl, seufzte St. Julien; mit welchen Schmerzen werde ich von hier scheiden. Indem er diess sagte, blickte er in die Ferne, und sein Freund bemerkte, indem er ebenfalls die Augen dahin richtete, Emilie und die Gräfin, die durch einen langen Baumgang sich dem platz näherten, auf welchem die jungen Männer versammelt waren, die sogleich den Damen entgegen gingen. Der Jüngling Gustav wollte sich zurückziehen, aber St. Jülien bemerkte selbst in seinem Schmerze dessen Absicht. Er fasste desshalb seinen Arm und zwang ihn so, sich ebenfalls den Damen entgegen zu bewegen. Emilie bemerkte den Kummer in den Augen St. Juliens, und ihr ängstlich fragender, teilnehmender blick wirkte zauberhaft auf den jungen Mann. Die Wolken des Kummers schwanden und das reinste Entzücken leuchtete aus seinen Augen. Die Gräfin war heiter und fragte nach den ersten Begrüssungen lächelnd: Nun, haben Sie Ihren Kapellmeister geneigt gefunden, die ersten Proben zu Ihrem grossen Koncert heute Nachmittag zu leiten?

Er schlägt mir hartnäckig allen Beistand ab, erwiderte St. Julien, wenn ihm Dübois nicht die erlaubnis dazu erteilt.

Ich habe mit Dübois schon darüber gesprochen, sagte die Gräfin gütig; er sieht es ein, dass es eine Torheit wäre, wenn man um kläglicher Rücksichten Willen in seinem haus nicht sein eigner Herr sein wollte.

Nun, sagte St. Julien mit einem gutmütig schadenfrohen blick auf Gustav, der Sieg wäre also mein, und heute Nachmittag ist trotz Dübois Weisheit die erste probe.

Wenn Sie auch über mich spotten, erwiderte der Jüngling empfindlich, so bleibe ich doch dabei, dass ich nichts gegen Herrn Dübois Rat unternehmen werde. Er ist viel zu gütig gegen mich gewesen, als dass ich ohne Undankbarkeit anders handeln könnte. Sie haben Recht, sagte die Gräfin, indem sie ihm gütig die Hand reichte, die der Jüngling mit grosser Ehrerbietigkeit küsste. Ich achte selbst Herrn Dübois so hoch, dass ich nichts tun möchte, was ihn kränken könnte, und ich würde lieber auf ein Vergnügen Verzicht leisten, als ihm einen Kummer verursachen, und Herr St. Julien denkt im grund eben so, wie ich.

Ja wohl, rief dieser mit inniger Empfindung, ich glaube, ich bin ihm noch mehr Dank schuldig, als unser Freund Gustav, und mich freut es, setzte er lächelnd hinzu, dass er ihm erlaubt, die Würde unseres Kapellmeisters anzunehmen, denn sonst, sehe ich, hätten wir doch wohl darauf Verzicht tun müssen.

St. Julien konnte sich nicht entschliessen, die schöne Heiterkeit auf Emiliens Stirn durch die Nachricht zu trüben, dass er bald würde scheiden müssen; auch schienen ihm zwei Monate in diesem Augenblick noch ein langer Zeitraum, in welchem jede Stunde eine neue Art von Freude brächte, so dass er selbst sich den Genuss nicht trüben wollte. Er beschloss aber, dem Grafen den Brief seiner Mutter mitzuteilen, weil nun doch bald auf die Forderung des französischen Kommandanten der Festung *** von der preussischen Regierung demselben die Weisung zukommen müsste, den bezeichneten Kriegsgefangenen zu stellen.

So war also nun der Jüngling Gustav, der als ein armer Knabe