, sendete ihn ab und nahm sich vor, den Geistlichen genauer zu beobachten und auf eine gute Art Erkundigungen über seinen Charakter einzuziehen, um dann diesen Nachrichten und seinen Beobachtungen gemäss sein Vertrauen zu bestimmen.
Der Pfarrer sowohl, als der fremde Arzt blieben der Mittag noch auf dem schloss und verliessen es nach der Tafel, ohne dass weiter etwas Erhebliches vorgefallen wäre. Es war natürlich, dass sich beinah alle gespräche um die begebenheiten drehten, die alle Gemüter mit Sorgen erfüllten. Die unglückliche Schlacht bei Jena und ihre bekannten Folgen liessen befürchten, dass sich die Feinde auch über diesen teil von Schlesien verbreiten würden; Alle glaubten, dass man es nur den engen Schluchten zu danken haben würde, die zu dem jetzigen Wohnorte des Grafen führten, wenn das Schloss von feindlichem Besuche verschont bliebe; desto mehr war für die andern Besitzungen des Grafen zu befürchten. Der Pfarrer erschöpfte sich in Vermutungen, welche Veranlassung den französischen Offizier könnte nach einem so einsamen Orte im wald geführt haben, wie der war, wo man den jungen verwundeten Mann gefunden hatte. Eben so war es unbegreiflich, Wer seine Gegner gewesen sein konnten, da die vielen Wunden, die er empfangen, bewiesen, dass kein Zweikampf vorgefallen war, sondern wahrscheinlich mehrere Gegner den Unglücklichen niedergehauen hatten. Da Spuren von Pferden bemerkt worden waren, so liess sich vermuten, dass Reiter diese Handlung verübt und nach dem Falle des jungen Mannes sein Pferd mit sich geführt hatten; denn da er selbst mit Sporen gefunden worden, so konnte man annehmen, dass auch er zu Pferde gewesen war.
Es lässt sich nicht ausmitteln, sagte der Graf, wie die Begebenheit zusammenhängt, wir müssen uns in Geduld fügen, bis die Brustwunden des Kranken so weit geheilt sind, dass er selbst sprechen und uns die nötigen Aufschlüsse geben kann. Der Pfarrer gab diese notwendigkeit mit einem Seufzer zu und bemerkte nur: wenn der Kranke an seinen Wunden sterben sollte, so werde man niemals den Zusammenhang erfahren. Die Gräfin wendete sich erschreckt an die ärzte und fragte, ob sie die Wunden für so gefährlich hielten. Beide mussten es zugeben, dass hauptsächlich die grosse Erschöpfung den Zustand des jungen Mannes gefährlich mache, und dass man nur durch die sorgfältigste Pflege und die Jugend des Kranken eine ungewisse Hoffnung begründen könne. Die schöne Emilie in der unschuldigen Regung ihres Herzens verbarg ihr Mitleid nicht und sagte mit grosser Rührung: Ach Gott, wie traurig muss es für eine Mutter oder Schwester sein, einen Sohn oder Bruder in der Blüte der Jugend zu verlieren. Und wenn nun dieser vollends hier sterben sollte, wir wissen nicht, wer er ist; wir können seinen Angehörigen keine Nachricht geben, und sie haben nicht einmal den traurigen Trost zu erfahren, dass die Leiden seiner letzten Stunden in so weit gelindert worden sind, als es in menschlichen Kräften steht.
Die Gräfin, obgleich gewohnt, alle ihre Empfindungen zu beherrschen, konnte eine schmerzliche Teilnahme nicht verbergen, und man sah es ihr an, dass sie sich erleichtert fühlte, als die Fremden das Schloss verliessen. Sie äusserte, ehe sie sich auf ihr Zimmer zurückzog, den Wunsch, den alten Dübois zu sprechen, um ihm einige Aufträge zu geben, und der Graf versprach, ihn ihr zu schicken und indessen selbst bei dem Kranken zu bleiben.
Als der Haushofmeister das Zimmer seiner Gebieterin betrat, fand er sie in heftiger Bewegung mit gefalteten Händen, den tränenschweren blick zum Himmel gerichtet, und hörte noch einige Worte eines klagenden Gebets, mit dem sie Trost und Ruhe vom Himmel herab rufen zu wollen schien. Der alte Mann stand in seiner gewöhnlichen Stellung in der Nähe der tür und richtete einen schüchtern-flehenden blick auf die Gräfin, die, als sie ihn bemerkte, schnell ihre Augen trocknete, dann das Gesicht einige Minuten mit der Hand bedeckte, als wolle sie die Spuren des Schmerzes im Verborgenen von ihrem Antlitz vertilgen. Der treue Diener wartete, bis sie ihn anreden würde, und endlich näherte sie sich ihm mit erzwungener Ruhe und sagte: Ich will eine Frage an Sie tun, lieber Dubois, die mich Ueberwindung kostet. Man hörte es ihrer stimme an, mit welcher Anstrengung sie sprach, es schien, dass ein gewaltsam zum Herzen zurückgedrängter Schmerz die Brust beklemmte, und ihr das Atmen und das Sprechen beinahe unmöglich machte. Sie schwieg einen Augenblick und fuhr dann mit noch leiserer, ungewisserer stimme fort: Haben Sie nicht an dem Verwundeten eine auffallende Aehnlichkeit bemerkt mit – sie zitterte und schwieg; ein blick auf den alten Diener zeigte ihr, dass er sie verstand, denn seine alten Augen füllten sich mit Tränen; er faltete unwillkührlich die hände und neigte einigemal bejahend sein graues Haupt. Der gewaltsam in die Brust der Gräfin zurückgedrängte Schmerz behauptete nun sein Recht und strömte in Tränenfluten aus ihren Augen; die stillen Seufzer lösten sich in Klagen auf, die den Himmel der Ungerechtigkeit beschuldigten, und der erschreckte Alte wusste nicht, was er tun sollte, um diese Stürme zu beruhigen. Erschöpft sank die Gräfin endlich in einen Lehnstuhl nieder. Das Feuer ihrer Augen erlosch, die bleichen Wangen wurden noch bleicher, und die zitternden hände, schien es, suchten ein befreundetes Wesen. Es schien, als wolle der Lebensfunken der unglücklichen Frau erlöschen, oder wenigstens eine tiefe Ohnmacht sich ihrer bemeistern.
Sie fühlte ihren Zustand und suchte ihn durch die Kraft ihrer Seele zu beherrschen, der Schmerz in ihren Zügen wurde milder, sie richtete das matte Auge auf den