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ich suche ihm das Aeusserliche beizubringen, und ich wollte nur, ihm gelänge es mit mir so gut, wie mir mit ihm; denn betrachten Sie nur, wie er ganz das schulmeisterliche Ansehen unter meinen Händen verloren hat; aber auch ich mache ihm wenigstens keine Schande, ja bei dem neulichen Konzert legte ich durch seinen Beistand selbst Ehre ein, denn er hatte mir meine stimme vortrefflich eingeübt.

So verstehst Du Musik? fragte der junge Graf überrascht.

Mein Vater war ein so gelehrter Musiker, erwiderte der junge Mensch mit Bescheidenheit, dass er Kantor an der Hauptkirche der grössten Stadt hätte sein können, und er hat mich früh angehalten, Generalbass und Kontrapunkt zu studiren; ich hatte nur in der letzten Zeit keine gelegenheit Musik zu üben und habe darum die Fertigkeit im Spielen verloren.

Das ist nicht wahr, rief St. Julien, ich habe seit einigen Tagen ein Instrument auf meinem Zimmer und weiss darum, wie gut er spielt.

Ach lieber Herr St. Julien, sagte der junge Mensch, Sie verstehen zu wenig von Musik, als dass Sie es recht beurteilen könnten, ob ich gut spiele.

Der junge Graf konnte sich des Lächelns über diese Treuherzigkeit nicht erwehren; St. Julien aber brach in ein lautes Gelächter aus; nein, mein Lieber, rief er, diese deutsche Aufrichtigkeit müssen Sie sich abgewöhnen, wenn Sie nicht gar zu oft gezwungen sein wollen, die durch meinen Unterricht erworbenen Fechterkünste zur Verteidigung Ihrer Worte anzuwenden.

Ich wollte Sie ja nicht beleidigen, sagte der junge Mensch verwirrt.

Ich bin auch nicht beleidigt, erwiderte St. Julien, denn ich habe zu viel Selbsterkenntniss, als dass ich nicht einsehen sollte, dass Sie Recht haben; aber man ist es doch in der feinen Welt nicht gewohnt, die Mängel des nächsten so offenherzig rügen zu hören; übrigens, fuhr er, gegen den jungen Grafen gewendet, fort, bin ich schon selbst so ehrlich gewesen, meine geringe Kenntniss und sein grosses Verdienst öffentlich einzugestehen, denn ich konnte nicht das allgemeine Lob, wie gut ich neulich meine stimme in unserm Konzert ausgeführt habe, ganz allein auf meine Rechnung hinnehmen, ich entdeckte also den Damen den heimlich mir geleisteten Beistand, und es wurde beschlossen, dass der junge würdige Mann die Stelle eines Kapellmeisters bei unsern musikalischen Uebungen übernehmen soll; aber er weigert sich hartnäckig, wie ich auch auf ihn einrede, und er muss doch nachgeben, denn ich habe den Damen seinen Beistand versprochen.

Wesshalb willst Du denn diese gefälligkeit nicht haben, fragte der junge Graf den Jüngling. Weil der alte gutmütige Aristokrat Dübois tausend Einwendungen hat, rief St. Julien, die Frage an des jungen Mannes Statt beantwortend.

Ich werde Dübois bitten, sagte der junge Graf, meiner Tante seine Ansicht mitzuteilen; wenn sie ebenfalls seiner Meinung ist, so können wir weiter nichts tun; wenn sie aber Deine Teilnahme an der Musik wünschen sollte, so wirst Du Dich gewiss nicht weigern, Deine Freunde zufrieden zu stellen. Gewiss nicht, rief der Jüngling, sobald die Frau Gräfin es befiehlt und Herr Dübois nichts dagegen hat.

In der Tat, sagte St. Julien lächelnd, wenn ich nicht von natur bescheiden bin, so wird diese Aufrichtigkeit mich doch nach und nach dahin bringen, es zu werden. Er zeigt ganz unverhohlen, dass meine Bitten nichts wiegen in der Schale, auf der er seine Handlungen abmisst.

Dieser scherzhafte Streit wurde durch einen Bedienten unterbrochen, der St. Julien aufsuchte, um ihm einen Brief abzugeben, der eben mit der Post gekommen war.

Von meiner Mutter! rief dieser freudig überrascht und verliess die Freunde, um in der Einsamkeit die Worte der Liebe zu lesen, die eine zärtliche Mutter an ihn richtete.

Der junge Graf unterrichtete nun den Jüngling Gustav davon, dass er mit seinem Oheim den Plan zu dessen fernerer Ausbildung verabredet habe. Für's Erste sollte er nach Breslau, um auf der dasigen gelehrten Schule die lange unterbrochenen Studien fortzusetzen, und dann auf eine Universität, die er selbst wählen könne. Sein Beschützer nannte ihm die für ihn bestimmte jährliche Summe, die weit des dankbaren Jünglings Erwartungen übertraf. Ich werde selbst nur noch einige Wochen hier bleiben, schloss der junge Graf, und dann eine Reise antreten; desshalb bitte ich Dich, so lange ich jetzt hier bin, auch zu bleiben, denn es würde mir wehe tun, wenn Du Dich so schleunig von mir trennen wolltest.

Bin ich denn nicht Ihr Eigentum, rief der Jüngling, indem er sich seinem edlen Beschützer in die arme warf; wäre ich nicht ohne Sie verloren, wahrscheinlich im Elend umgekommen? Und nun wollen Sie mich bitten, da Sie doch wissen, dass jedes Wort, jeder Wink von Ihnen mir Befehl und Gesetz ist?

Vergiss nicht, sagte der Graf bewegt, dass ich Deiner Liebe und Pflege ebenfalls mein Leben verdanke; Verbindlichkeiten also, die wir gegen einander haben, sind einander gleich, und Du musst Dich nicht wie einen Untergebenen, sondern wie meinen Freund betrachten, der nur darum von mir abhängt, weil ich älter als er und dadurch berechtigt bin, seine Schritte zu leiten.

Diese freundliche Unterredung wurde durch St. Juliens Rückkunft unterbrochen, der sich mit ernsten Mienen und feuchten Augen den beiden Freunden näherte. Lesen Sie, sagte er zu dem jungen Grafen, indem er ihm den eben erhaltenen Brief hinreichte, Sie werden sehen, das schöne Leben hier ist bald geendigt, und Gott