des Vaterlandes verwenden zu können. Zuletzt erinnerte noch der Graf seinen Vetter an die notwendigkeit, die stattgefundene Unterredung dem Obristen Talheim in so weit zu verschweigen, in wie weit sie das Wohl des Vaterlandes betraf, weil bei dessen heftiger Liebe für den König und daraus entspringendem heftigem Hass gegen dessen Feinde nicht Vorsicht genug von ihm zu erwarten war, und er also leicht, ohne es zu wollen, in freudiger Hoffnung Dinge verraten könne, die durchaus verschwiegen bleiben mussten.
Von neuen entzückenden Hoffnungen erfüllt erschien der junge Graf mit seinem Oheime zum Frühstück im Saal, wo man Beide schon erwartete. Aber er konnte nicht teil nehmen an heiteren Gesprächen; er sehnte sich nach der Einsamkeit und verliess desshalb die Gesellschaft bald, um auf einem langen einsamen Spaziergange die mannigfachen Gefühle in seinem Busen gegen einander auszugleichen. Zum ersten Mal lachte ihm das Leben in heiterem Glanze entgegen, die sehnsucht seiner Liebe, die er bis jetzt nur zaghaft zu nähren gewagt hatte, sollte nun auf's Schönste befriedigt werden, und zugleich zeigte sich ihm ein Weg, seine begeisterte Liebe für seinen König und sein Vaterland tätig zu beweisen, und er fühlte in dem Masse den persönlichen Hass in seiner Brust sich mildern, als sich ihm die Mittel zeigten, seiner Liebe genug zu tun; so dass er sich leise im Inneren gestehen musste, dass sein Oheim wohl Recht haben möge in seiner Andeutung, dass Liebe und Zorn vereinigt zu Taten begeistern können, der Hass aber eigentlich durch das Gefühl der Ohnmacht erzeugt wird. Er dachte an seinen unglücklichen Vater, an dessen feindliche Stimmung gegen alle Menschen, und wie auch dessen Hass aus dem Gefühle entsprungen sei, dass er sich nicht aus den ihn bedrückenden Verhältnissen loszuwinden vermöge. Ach, armer Vater! seufzte er, wenigstens darin hattest Du Recht, dass sich mein los glücklicher gestaltet, und dass es nicht Tugend in mir ist, wenn mein Herz wärmer für die Menschen schlägt, als das Deine, von Allen misshandelte. Mit Beschämung dachte er daran zurück, in welcher feindlichen Stimmung er das Haus seines Oheims das erste Mal betreten hatte, dem er nun Alles verdanken sollte, die beglückende Befriedigung seiner innigen Liebe und die stolze Hoffnung, die seinen Busen erweiterte und schwellte, so oft sie in seinem geist Raum gewann, dass er einst an der Spitze von Braven dem gemeinsamen Feinde entgegen rücken und zur Befreiung des Vaterlandes beitragen würde.
Er hatte sich, vertieft in solche Gedanken, weit vom schloss entfernt, ohne es zu bemerken, und suchte nun den Rückweg durch anmutige, enge Schluchten, indem er dem Laufe der Bäche folgte. Er erreichte endlich die Ebene wieder, bemerkte aber, dass er sich dem Garten seines Oheims von der entgegengesetzten Seite des Schlosses her näherte. Ein Diener, der den kürzeren Weg zu einer nahe gelegenen Mühle gehen wollte, öffnete eben die Hintertüre, die auf eine mit Bäumen bewachsene Wiese führte, und der junge Graf benutzte die gelegenheit, den Garten von dieser Seite zu betreten. Wie er durch die schattigen Gänge hinging, hörte er mit Befremden ganz in der Nähe Schüsse fallen, und als er sich eilig der Gegend näherte, woher der ihn beunruhigende Schall kam, mässigte er bald seine Schritte, denn er hörte St. Juliens Gelächter und erreichte auch bald eine kleine Ebene, die durch eine leichte Einfassung von dem übrigen Garten getrennt war, und die St. Julien zum platz für Waffenübungen bestimmt zu haben schien, denn er und der junge Gustav waren eben damit beschäftigt, nach dem Ziele zu schiessen, und St. Juliens Gelächter erscholl jedes Mal, so oft der junge Mensch fehlte. Der junge Graf hielt sich nah verborgen und bemerkte, dass St. Julien meisterhaft schoss, mit sicherer Hand und geübtem Auge beinah niemals fehlte, dass aber auch sein junger Freund nicht so viel Spott und Tadel verdiente, wie ihm durch seinen wohlwollenden Lehrer zu teil wurde. Jetzt ist genug Pulver verdorben, hörte er St. Julien endlich sagen, jetzt zu den andern Waffen, und die Rapiere wurden von Beiden ergriffen, und hier erndtete der Schüler selbst von seinem Meister Lob. Der junge Graf hatte der Waffenübung eine Zeitlang mit Teilnahme zugesehen, ehe er seine Gegenwart bemerken liess. Er betrachtete mit einem sonderbaren Gefühle den Eifer, welchen der junge Franzose anwendete, seinem aufmerksamen Schüler den Gebrauch der Waffen zu lehren, und konnte sich nicht entalten, schaudernd an die Möglichkeit zu denken, dass dieser die erlernten Vorteile ein Mal gegen den Lehrer selbst anwende. Ja er dachte daran, dass er selbst, wenn seine sehnsucht erfüllt werden sollte, dann auch dem Freunde feindlich gegenüber stehen müsse, und betete innerlich, dass nie eine notwendigkeit eintreten möge, die ihn zwänge, sein Schwert gegen dessen Brust zu richten.
Um diesen peinlichen Gedanken los zu werden, machte er seine Gegenwart bemerklich, indem er St. Julien rief. Dieser warf die Waffen von sich und schwang sich mit Leichtigkeit über die niedrige Umzäunung; nun! rief er dem Freunde zu, haben Sie die Grillen auf den Bergen gelassen, die heute Morgen Ihre edlen Gedanken beschäftigten, und kann man wieder Antworten erwarten, wenn man Sie anredet?
Zunächst, sagte der junge Graf, danke ich Ihnen, dass Sie sich für die Ausbildung meines jungen Freundes bemühen.
Ach, das tun wir gegenseitig, sagte St. Julien, Der dort ist gegen mich gerechnet ein Gelehrter, er steht mir mit den Gaben seines Geistes bei, und