welcher ich den Menschen betrachte, der mir Unrecht zufügen will, braucht mich noch nicht zu bestimmen, seine Ungerechtigkeit zu erdulden, wenn ich mich auch ohne Hass dagegen verteidige; ja, ich kann mich über eine empörende Handlung höchlich erzürnen, ohne darum den, der sie ausübt, geradezu zu hassen.
Doch glaube ich, versetzte der junge Graf, dass es Verhältnisse gibt, in denen der Hass eine wahre Tugend wird, und ich meine, es liegen uns viele Gründe ganz nahe, die alle besseren Gemüter bestimmen sollten, sich in dieser Empfindung gegen unsere Unterdrücker zu vereinigen.
Und warum nicht lieber in der entgegengesetzten für unser Vaterland und unsern edlen König? fragte der Graf. Oder meinen Sie, fuhr er fort, als er sah, dass sein Verwandter schwieg, dass der Hass kräftiger wirkt, als die Liebe?
Nein, sagte der junge Graf, aber das ist nicht zu verkennen, dass er sich jetzt lauter ausspricht.
Wenn diess ist, erwiderte sein Oheim, so kann man ihn mit Klugheit für edle Zwecke benutzen, ohne ihn zu teilen.
Zu dieser Höhe der Tugend kann ich mich nicht erheben, rief der junge Graf; ich hasse alle Franzosen von ganzem Herzen und will meine besten Kräfte daran setzen, sie zu vernichten.
Hassen Sie auch St. Julien und Dübois? fragte der Graf, und sein Verwandter blickte verwirrt vor sich nieder und sagte endlich: Diese machen eine Ausnahme; sie sind weit davon entfernt, den Druck zu billigen, den uns ihre Landsleute mit so empörender Anmassung empfinden lassen.
So lassen Sie uns denn, sagte der Graf, den Uebermut, die Anmassung hassen und alle Kräfte anwenden, um von dem unwürdigen Druck, unter dem wir leiden, uns zu befreien. Dass diess nicht ohne gerechten Zorn gegen die Unterdrücker geschehen kann, ist natürlich; aber warum wollen Sie desshalb der unedeln Empfindung des Hasses Raum in Ihrer Brust gestatten? Der Zorn kann den Menschen erheben, der Hass wird ihn immer ungerecht machen und desshalb erniedrigen.
Ich verstehe nicht so fein zu unterscheiden, sagte der junge Graf, ich fühle nur, wie glühend ich Napoleon hasse, und kann mir diese Empfindung nicht abläugnen, setzte er mit einiger Heftigkeit hinzu, obgleich ich fürchten muss, dass sie mich in Ihren Augen erniedrigt.
Der Hass, sagte der Graf, ist eine eben so wunderbare Empfindung in der Brust des Menschen, wie die Liebe; ja Sie können mit dieser Glut des Herzens gar nicht hassen ohne eine Beimischung von Liebe und Bewunderung für den gehassten Gegenstand.
Wie! rief der junge Graf überrascht, ich sollte Napoleon lieben?
Missverstehen wir uns nicht, sagte sein Oheim. Sie erkennen ohne Zweifel viele Vorzüge des Geistes in Napoleon, Sie müssen ihn als Feldherrn oft bewundern und als Staatsmann zuweilen achten, und es erregt eben Ihren Hass, dass er die Vorzüge des Geistes und das Glück seiner Waffen missbraucht, um die Welt mit Krieg zu verheeren, die Völker zu unterdrücken und im Uebermute seines Glückes den heiligsten Empfindungen Hohn zu sprechen. Würden Sie in dem allgemeinen Feinde gar nichts Achtungswertes finden, so würden Sie Ihr Gefühl nicht selbst glühend nennen, sondern ein kalter, auf Verachtung begründeter Hass würde Ihre Brust erfüllen, und dieser würde alles Andere eher, als eine Begeisterung gegen den gemeinsamen Feinb hervorrufen.
Unser Gespräch hat uns weit von dem gegenstand abgeführt, sagte der junge Graf, den ich zu berühren wünschte.
Ich glaube nicht, erwiderte sein Oheim, denn ich bezweifle nicht, mein lieber Vetter, dass Sie seit Kurzem zu einem Bunde gehören, der sich vorzüglich auf Tugend gründen will, und darum haben wir uns wohl nicht zu weit von unserm gegenstand entfernt, wenn wir gemeinschaftlich überlegen, welche Art von Zorn oder Hass mit der Tugend im Bunde sein kann.
Da sein junger Verwandter mit Bestürzung schwieg, setzte der Graf hinzu: Ich will Ihnen kein geheimnis entreissen und bin auch hiezu um so weniger berechtigt, als ich, um jedes Missverständniss zu vermeiden, zugleich erklären muss, dass ich nach meinen grundsätzen zu keiner geheimen Gesellschaft gehören kann.
Sie würden sich also ausschliessen, fragte sein Verwandter mit Bestürzung, wenn alle edlen sich zu vereinigen strebten, um einen Zustand zu endigen, der uns alle erniedrigt?
Keineswegs, sagte der Graf, und ich hoffe noch den Zeitpunkt zu erleben, wo ich es beweisen kann, dass mein ganzes Vermögen und der letzte Tropfen meines Blutes meinem Könige und meinem vaterland gehören; aber ich bin nicht für geheime Gesellschaften, obgleich ich es einsehe, dass Verhältnisse eintreten können, in welchen sie beinah notwendig werden, und ich nicht so blind bin, nicht erkennen zu wollen, wie schwer, ja beinah unmöglich jetzt ein öffentliches Zusammentreten der Guten sein würde; das traurige Ende des unglücklichen Palm hat uns gezeigt, wie weit die Machtaber im stand sind zu gehen. Aber auch im gegenwärtigen Augenblicke kann ich solche Vereinigung nur wie ein notwendiges Uebel betrachten.
Es ist mir diese Ansicht um so mehr befremdend, sagte der junge Graf, als ich die überzeugung habe, dass die bedeutendsten Staatsmänner entweder selbst an dieser Verbindung teil nehmen oder sie doch wenigstens beschützen.
Sie haben vielleicht eine ähnliche Ansicht von der Lage der Dinge, wie ich, erwiderte der Graf.
Auch kann eine Verbindung kaum eine heimliche genannt werden, sagte sein junger Verwandter, die in allen ihren Bestrebungen von den einsichtsvollsten Staatsmännern gekannt und gebilligt wird.
Eben darum, erwiderte sein Oheim,