Mann und täuschen ihn nicht durch scheinheilige Lüge, um ihn zu betrügen, indem sie innerlich über seine Anmassung lachen; nicht wahr, mein guter Sohn, fragte er mit scheinbarer Treuherzigkeit, sie sind eben so edel, eben so trefflich, wie alles Uebrige auf Schloss Hohental?
Der Sohn konnte den Zorn über die schnöde Undankbarkeit des Vaters nicht mehr bewältigen und war im Begriffe, etwas Heftiges zu erwiedern, als die Mutter ihre Hand sanft auf seinen Arm legte und sagte: Du siehst, dass Dein Vater sich heute um Vieles besser befindet als gestern, da er selbst heiter werden und scherzen kann. Der Kranke fühlte das Unziemliche seiner Reden und sagte in einer Anwandelung von Reue: Ich fühle es ja selbst, wie vielen Dank ich Deinem Oheim schuldig bin, durch seinen Beistand ist es mir wenigstens so gut geworden, ruhig und mit Anstand sterben zu können, obgleich es mir nie so wohl geworden ist, so zu leben; aber die langen Jahre des Duldens, des Zornes, des Kummers haben mein Herz verhärtet und mit Bitterkeit erfüllt; es wird mir desshalb nicht so leicht, wie Du glaubst, zu den Empfindungen der Jugend zurückzukehren, die Du die besseren nennst. Hätte ich früher nur einen einzigen Menschen angetroffen, der mir grossmütige Liebe bewiesen hätte, so würde ich den Glauben an die Menschen nicht verloren haben. Sein Auge traf, indem er diess sagte, den kummervollen, von Tränen umschleierten blick der Gattin; er bot ihr die Hand und sagte nicht ohne Rührung: Dich habe ich freilich getroffen, Du gute, treue Seele; ein Befehl bestimmte Dich, Dein Geschick mit dem meinen zu verknüpfen, und dennoch ist Deine Liebe und Treue in unwandelbarer Sanftmut mein eigen geblieben auf dem langen, dornenvollen Wege des Lebens, den wir mit einander wandeln mussten; aber Deine Liebe konnte nicht mein Schicksal bezwingen, Du konntest mir keine hülfe bieten.
Die Bewegung des Gemüts und das viele Sprechen erregte den gefährlichen Husten des Kranken, so dass der Arzt herbeieilte und, nachdem der Anfall vorüber war, das häufige Sprechen untersagte und vor allen Dingen Ruhe des Gemüts empfahl.
Als die Familie wieder allein war, sagte der Kranke spöttisch: Die Ruhe des Gemüts hat er mir immer ganz besonders empfohlen, und jetzt wird es mir auch möglich, diess Recept zu benutzen. Aber wenn die täglichen Sorgen des Lebens mich niederbeugten, und ich den Meinigen weder Nahrung noch Kleider, so wie sie es bedurften, verschaffen konnte, wenn an jedem Posttage zwanzig Mahnbriefe und gerichtliche Verfolgungen mich ängstigten, wenn ich mich meiner Dürftigkeit wegen überall verachtet und selbst von den Bedienten vernachlässigt sah, wenn ich in unserer drückenden Not immer neue Verluste entstehen sah, weil ich sie auch nicht durch die kleinste Auslage abwenden konnte: wie sollte ich es denn da möglich machen, die Gemütsruhe mir anzueignen, die der gute Arzt so notwendig findet?
Der Sohn bat den Vater, sich jetzt aller Sorgen zu entschlagen und, da nun hoffentlich Alles besser gehen würde, der Vorschrift des Arztes zu folgen und auch das Sprechen zu vermeiden, um nicht den Husten zu reizen. Der Kranke fügte sich willig dieser Bitte, und der Sohn verliess das Krankenzimmer nicht ungern, weil die denkart seines Vaters ihn im innersten Herzen verwundete. Er hielt es jetzt für seine Pflicht, das angefangene Werk zu vollenden und nach der Anleitung seines Oheims Ordnung in alle Zweige der Wirtschaft zu bringen; er liess also den Verwalter rufen, der willig mit ihm in alle Zweige der Verwaltung einging und ihm mit herzlichem Bedauern alle Nachteile zeigte, die im Laufe des Jahres durch den Mangel aller Vorräte und durch die Unmöglichkeit, Auslagen zu machen, hatten entstehen müssen, und der junge Graf konnte leicht berechnen, dass die Familie seines Vaters allein von dem, was auf diese Weise verloren worden war, anständig hätte leben können. Der Verwalter stimmte seiner Ansicht mit vollkommener überzeugung bei und machte ihn noch auf die Nachteile aufmerksam, die dadurch hatten entstehen müssen, dass keiner von den Beamten hatte bezahlt werden können. Der junge Graf nahm hiebei gelegenheit zu fragen, wie viel er selbst zu fordern habe. Es ergab sich, dass er seit vier Jahren keinen Gehalt bekommen hatte, und er versicherte, er würde dem gnädigen Herrn gewiss nicht beschwerlich gefallen sein, wenn die Not ihn nicht dazu gezwungen, und da man gehört habe, dass die Güter verpachtet werden sollten, so habe er als Vater von acht Kindern die Pflicht gehabt, für diese zu sorgen. Der junge Graf verstand ihn nicht und fragte ihn, ob er etwas von seinem Vater erhalten habe. Mein gnädiger Herr Graf, erwiderte der alte Mann, seit vier Jahren nicht einen heller, desshalb zwang mich die Not und sorge für acht unerzogene Kinder, unbescheiden zu sein. Es fiel dem jungen mann wohl auf, ihn trotz der so oft erwähnten Not so überaus gut gekleidet zu sehen, indess da er in allen Verhältnissen so wohl unterrichtet schien und so guten Willen zeigte, so entliess er ihn mit der Versicherung, er würde ihn bald in seiner wohnung aufsuchen, um das Nähere mit ihm zu verabreden. Er schickte ihn hinweg, um ihm nicht seinen Geldvorrat sehen zu lassen, weil er für's Erste nur die Hälfte seiner Forderung zu befriedigen gedachte, denn die Berichtigung der ganzen Rechnung würde eine zu empfindliche Lücke in seinen kleinen Schatz gemacht haben. Er folgte also dem Verwalter nach einer Viertelstunde und suchte ihn in seiner wohnung