bezahlt zu machen, und indem ihre Forderung jeden monat anwuchs, konnten sie um so trotziger bei jedem Tadel, den die herrschaft auszusprechen wagte, erwiedern: Zahlen Sie mir meinen Lohn aus, so verlasse ich Ihren Dienst sogleich. Der junge Graf seufzte bei dieser fühlbaren Zerrüttung des ganzen Hauswesens, und dachte an die edle Einfachheit und Ordnung in dem haus seines Oheims.
Da er seinen Zweck gänzlich verfehlte und keinen Diener fand, so kehrte er zu seinem Vater zurück, den er im heftigen Fieberfrost zitternd fand; die Mutter war hinunter gegangen, um Tee zu besorgen, denn auch diess machte Schwierigkeit, da es etwas früher als gewöhnlich geschehen sollte. Der Zustand des alten Grafen erregte das innigste Mitleid des Sohnes, er führte den alten Mann nach dem Schlafzimmer und leistete ihm selbst die nötige hülfe, um ihn zur Ruhe zu bringen. Indess hatte die Mutter jemanden gefunden, der Tee besorgen wollte, und der Kranke fühlte seinen Zustand bald merklich durch Ruhe und Wärme erleichtert. Jetzt erzähle mir, sagte er nun zum Sohne, wie es Dir gelungen ist, Deinen Oheim zum Beistande zu bewegen. So wie ich ihn mit unserem Bedürfnisse bekannt machte, erwiderte der junge Mann, war er zu jeder hülfe bereit.
Wie! sagte der Vater in heftiger Bewegung, er schlug Dir nicht zuerst Alles ab, er liess Dich nicht zwanzig Mal Deine Bitte wiederholen, um sich, an Deiner Erniedrigung sich ergötzend, nach und nach etwas abpressen zu lassen?
Nichts von allem Dem, erwiderte der Sohn; er gab mir die nötigen Summen, um hier einigermassen Ordnung hervorzubringen, und trug mir auf, so bald als möglich mit einer vollständigen Berechnung unserer Bedürfnisse wiederzukehren, damit er uns gründlich helfen könne. Und was sagte er zu meinen Ansprüchen? fragte der Kranke, indem die Röte der Scham auf seinen Wangen brannte.
O mein Vater, antwortete mit dem Ausdrucke höchsten Schmerzes der Sohn, er zeigte mir, dass wir keine haben, wie ich Ihnen diess schon in meinem Briefe meldete, und legte mir zur Bestätigung eine Schrift vor, die Sie nicht in seinen Händen glaubten.
Der Kranke wendete sich seufzend ab und antwortete nicht, worauf der Sohn nach kurzem Schweigen seine Hand ergriff und im Tone milden Vorwurfs sagte: Sie haben, mein Vater, in diesem Verwandten den edelsten, besten Menschen verkannt und sich Mittel gegen ihn anzuwenden erlaubt, deren Gebrauch für Sie selbst schmerzlich und beschämend sein muss, und mich schon um desswillen unglücklich macht, weil ich als Ihr Sohn, der immer mit Ehrfurcht zu Ihnen sollte reden können, diese Worte des Vorwurfs aussprechen muss.
Der Kranke wendete sich um, richtete sich mit heftiger Bewegung auf und sagte dann nicht ohne Bitterkeit: Ich weiss es aus eigner Erinnerung, dass die Jugend nichts so freigebig bietet, als achtung auf der einen und Verachtung auf der andern Seite, und dass sie häufig in beiden Fällen Unrecht hat. Missverstehe mich nicht, fuhr er eifrig fort, da er sah, dass der Sohn antworten wollte: es kann sein, ja ich glaube es selbst, dass ich Deinem Oheim Unrecht getan habe, aber kann diess wohl beweisen, dass ich überhaupt im Irrtume gegen die Menschen und im Unrecht gegen sie bin, wenn er eine Ausnahme von der Regel macht und Du vielleicht unter hunderttausenden nicht noch einen finden wirst, der auf gleiche Weise handelt? Die Menschen haben mein Herz zerfleischt, wohin ich mich wendete. In glücklichen Tagen hat mich Betrug, Bosheit, Neid und Missgunst verletzt, in unglücklichen wurde ich durch Härte, Spott und Verachtung gekränkt. Ich fand nicht e i n e Ausnahme, nicht einen einzigen Freund, was konnte ich denn also in diesen Menschen lieben und achten? Glaube mir, setzte er mit milderer stimme hinzu, wenn die Tugend des Menschen auch nicht selbst eine Zufälligkeit ist, so hängt sie doch fast immer von zufälligen Umständen ab. Wäre ich so glücklich gewesen, in meiner Jugend einen wahren Freund, einen wohlwollenden Verwandten anzutreffen, so hätten sich meine Vermögensumstände herstellen lassen, und indem ich nach meiner Neigung ohne Sorgen hätte leben können, hätte ich auch die gewöhnliche Liebe und achtung für die Menschen behalten, denn ihr wahres verächtliches Inneres hätte ich dann niemals erkannt und durch die fortgesetzte Täuschung wäre ich im Frieden mit mir selbst erhalten worden. Du bist darin glücklicher als ich, setzte er hinzu, indem er dem Sohn liebevoll die Hand reichte, Du hast angetroffen, was ich durch Gebet und Tränen in der Unschuld meiner Jugend oft herbeirufen wollte, und die sogenannte Tugend in Deiner Brust wird nicht durch ein so trübseliges, gramvolles Leben erschüttert werden, wie ich es habe erdulden müssen. Ich weiss es, Du wirst, wenn Du auch Mitleid mit mir hast, meinen Worten dennoch nicht Glauben schenken, und ich zürne Dir desshalb nicht, ja es freut mich selbst um Deinetwillen, denn Du wirst die achtung der Menschen und Deiner selbst dadurch bewahren, und glaube mir, es ist ein Unglück, dessen Tiefe Du nur schaudernd ahnden kannst, das Gefühl dieser achtung zu verlieren.
Hätte der Sohn auch so hart sein mögen, die Ansicht des Vaters zu bekämpfen, die dieser sich gewissermassen zum Troste aufzustellen bemühte, so würde diess schon durch den sich plötzlich verschlimmernden Zustand des Kranken unmöglich geworden sein. Die lange, leidenschaftliche Rede hatte den alten Grafen angegriffen; ein heftiger Husten war die Folge, der sich mit einem Blutsturz endigte. Die Mutter und