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, wiederholte der Arzt, Sie müssen durchaus einige Stunden schlafen, sonst werden Sie krank, und dann fallen Sie in meine hände.

Diese letzte Aeusserung schien in der Tat Eindruck auf den Haushofmeister zu machen, denn er wollte sich stillschweigend mit einer Verbeugung aus dem Zimmer entfernen, der Pfarrer aber trat ihm in den Weg und ersuchte ihn, doch sogleich einen Boten zu schicken und den Kreisarzt aus dem nächsten Städtchen holen zu lassen; das hätten wir gleich gestern tun sollen, bemerkte er, es wurde aber in der Unruhe vergessen; es ist nötig, dass er den Kranken sieht, der Herr Graf könnte sonst Ungelegenheiten haben. Dübois entfernte sich, um diesen Auftrag zu besorgen und sich dann zur Ruhe zu begeben. Der Arzt wartete auf das Erwachen des Kranken, und der Pfarrer fing an, den Bericht an die Regierung über ihn aufzusetzen. Diese Gesellschaft wurde nach einigen Stunden durch den Kreisarzt vermehrt. Der Kranke erwachte, seine Wunden wurden von allen Dreien gemeinschaftlich untersucht und verbunden, und auf einige fragen, die er tun wollte, wurde er von Allen gemeinschaftlich bedeutet, dass er in guten Händen sei, aber sich fürs Erste alles Sprechens entalten müsse, wenn er sein Leben erhalten wolle. Die grösste Ermattung des Verwundeten machte, dass er sich geduldig in Alles fügte, was über ihn beschlossen wurde, und die fremden Menschen, die ihn umgaben, mit ruhigem Erstaunen betrachtete.

Nach acht Uhr vermehrte der Graf die Gesellschaft; man hatte ihm die Gegenwart des fremden Arztes gemeldet; er begrüsste ihn höflich und erkundigte sich mit vieler Teilnahme nach dem Verwundeten.

Nachdem ihm die ärzte und der Pfarrer berichtet hatten, was sich nach der ruhigen Nacht, die der Kranke gehabt hatte, Gutes hoffen liesse, näherte sich der Graf dem Bette desselben. Der junge Mann richtete seine grossen dunkeln Augen auf den Grafen und schien ihn als den Herren des Hauses zu erkennen, denn er versuchte es sich empor zu richten. Der Pfarrer aber und der Doktor Lindbrecht, so war der Name des Hausarztes, riefen ihm zugleich zu: er solle alle Anstrengungen unterlassen. Der Graf, der sich neben seinem Lager nieder liess, bat ihn, indem er seine Hand fasste, ruhig zu bleiben und nicht selbst durch unnötige Anstrengungen seine Herstellung zu verzögern. Ein schwacher, kaum merklicher Druck der Hand, womit der seinige erwiedert wurde, zeigte dem Grafen, dass ihn der Kranke verstand. Er gab ihm nun selbst Nachricht, wo er sich jetzt befände, und bat ihn, sein Haus so zu betrachten, als ob er im haus seines Vaters wäre, und alle hülfe und Dienste, die man ihm gerne leisten wolle, so ruhig anzunehmen, als ob er sie von seinen nächsten Angehörigen empfinge.

Trotz seiner grossen Schwäche richtete der Kranke einen so rührend dankbaren blick auf den Grafen, dass dieser sich wunderbar erweicht fühlte. Es war ihm, als ob aus den dunkeln Augen des Kranken ein teurer, geliebter Freund zu ihm aufblickte, auf dessen Namen er sich nur nicht gleich besinnen könne. Er betrachtete nachdenkend das schöne, edle, obwohl durch Krankheit entstellte Gesicht des jungen Mannes, die dunkeln Haare, die sich in weichen Locken um die hohe, kühne Stirn legten, den wohlgeformten Mund; Alles dünkte ihm so bekannt, und doch konnte seine Seele das Bild nicht finden, dem dieser Jüngling glich.

Nach einigen Augenblicken bemerkte der Graf, dass unwillkührlich alle im Zimmer Anwesenden ihm nachahmten und den Verwundeten eben so ernstaft betrachteten, wie er selbst, welches den jungen Mann zu quälen schien. Er wandte sich also an den Pfarrer mit der Bitte, ob er ihm nun behülflich sein wolle, den nötigen Bericht an die Regierung abzufassen. Ich glaube, sagte der Pfarrer, es wird weiter nichts nötig sein, als, was ich hier aufgesezt habe, zu unterschreiben. Mit diesen Worten reichte er dem Grafen den fertigen Aufsatz hin, der ihn durchlas und sich nicht entalten konnte, innerlich zu bemerken, dass der Pfarrer wohl nicht in der bürgerlichen Welt auf seiner rechten Stelle stehe, und dadurch ein vortrefflicher Jurist verloren gegangen sei. Es herrschte eine Genauigkeit in diesem Aufsatze, die jedem möglichen Verdruss in der Zukunft vorbeugte, und diese Genauigkeit war mit einer bewundernswürdigen Kürze und Deutlichkeit verbunden. Die Uniform des Verwundeten war beschrieben, wodurch die Gerichte, wenn ihnen daran gelegen war, ausmitteln konnten, zu welchem feindlichen Regiment er gehöre.

Die Zeugnisse der ärzte waren diesem Bericht beigelegt, und der Graf hatte in der Tat nichts weiter nötig, als seine Unterschrift hinzuzufügen.

Mit grossem Vergnügen bemerkte der Graf die Brauchbarkeit des Pfarrers, und der Gedanke ging schnell durch seine Seele, ob er sich nicht an ihn in manchen Angelegenheiten wenden sollte, die er ungern gerichtlich betreiben wollte, und wo sich ihm vielleicht in der person des Pfarrers unvermutet ein guter Unterhändler darbot. Nur die vorschnelle Art desselben, sich in alle gespräche zu mischen, die unbescheidene Zudringlichkeit, womit er sich über Dinge zu fragen erlaubte, die man nicht beantworten wollte, machte den Grafen irre, und er fürchtete, ein unbescheidener Frager möchte nicht mit Bescheidenheit schweigen können. Indem der Graf diess dachte, ruhten seine Augen forschend auf dem Pfarrer, der sich diesen blick nicht erklären konnte und sich verdriesslich nach dem Arzt umsah, den er für einen halben Narren hielt, von dem ein vernünftiger Mensch nichts erfahren könne.

Der Graf besann sich, dankte dem Pfarrer sehr höflich, unterschrieb den Bericht