einigen Wochen wieder anfragen wollte, ob der Herr Graf seine Dienste noch wünsche. Von jetzt an zehrte Dein Vater sich sichtlich ab in dem leidenschaftlichen und fruchtlosen Bestreben, die Summen zusammen zu bringen, die gefordert wurden, ehe der Alte die Schrift ausliefern wollte. Er erfuhr, dass sein Verwandter den ungetreuen Kastellan entlassen hatte, und diess erregte in ihm eine lebhafte Freude, denn er hoffte nun mit geringeren Kosten seinen Zweck zu erreichen. In der Tat bot ihm der alte Lorenz die Schrift nun für die Hälfte der früher geforderten Summe an, aber auch seine herabgestimmte Forderung zu befriedigen war unmöglich, weil er sich nur gegen baares Geld zur Auslieferung des Verlangten verstehen wollte.
In dieser sorgenvollen Zeit vermehrte der Krieg unser Unglück und der Friede vollendete es, denn Du, mein geliebter Sohn, kehrtest krank und des Dienstes entlassen zu uns zurück. Dein Vater wagte nun einen verzweifelten Versuch; er kannte Dich zu gut, als dass er es nur hätte unternehmen mögen, Dir seine Ansichten mitzuteilen, er wusste, dass Du dann sein Begehren nicht erfüllen würdest, er liess Dich also glauben, Dein Oheim sei gegen uns im höchsten Unrecht, und schickte Dich ab, eine Ausgleichung mit diesem ungerechten Verwandten zu versuchen. Da er überzeugt war, die Schrift, durch die sich Dein Oheim gegen seine Forderung sicher stellen konnte, sei noch in den Händen des alten Lorenz, so glaubte er, dass jener, wenn er sie vermisste, sich auf einen Vergleich einlassen würde, und da er es für unmöglich hielt, dass der alte Lorenz es wagen könnte, die aus dem Archive entwendete Schrift zurückzuliefern, so erregte es in ihm eine Art von Freude, auch diesen zu überlisten und seinen Diebstahl nun doch zu benutzen, ohne ihm etwas dafür zu bezahlen, da er sich so unbeugsam gegen jeden Vorschlag gezeigt hatte.
Ich weinte und betete im Stillen, Gott möge uns aus diesem Drangsal erlösen, als der alte Lorenz von Neuem bei uns erschien, aber diess Mal in ganz veränderter Gestalt auftrat. Er versicherte auf Deines Vaters ängstliche Frage, er habe die bewusste Schrift bei sich zu haus und sie stehe demselben unter den früher ausgesprochenen Bedingungen zu Diensten, aber jetzt, da er durch glückliche Unternehmungen seines Sohnes in Wohlstand versetzt sei, komme er, um uns Dienste anderer Art zu leisten. Er kannte unsere gefährliche Lage ganz; er wusste, welche Forderungen Deinen Vater bedrängten, und machte nun die Dir bekannten Anträge. Dein Vater versprach ihm darauf einzugehen, wenn Deine Reise zu Deinem Oheim, die nun beschlossen wurde, fruchtlos sein sollte. Mit spöttischem Lächeln willigte der Alte und mit hochmütigter Verachtung sein übermütiger Sohn in diesen Vorschlag ein.
Du reistest ab, und unsere unwürdigen Gäste fingen an sich ganz wie die Herren des Schlosses zu betragen, und ihr Uebermut wuchs, je mehr sie bei einem längeren Aufentalt die Not bemerken mussten, die uns bedrängte. Dein Vater ertrug Alles standhaft und erwartete mit letzter Anstrengung seiner moralischen Kraft Deine Rückkunft: da, mein geliebter Sohn, erschien Dein Bote und vernichtete alle unsere Hoffnungen. Was Du von der grossmütigen Gesinnung Deines Oheims schriebst, glaubte Dein Vater nicht, er meinte, Du hättest Dich durch gleissnerische Reden täuschen lassen; dass sein Verwandter sich wieder im Besitz der entwendeten Schrift befand, brachte ihn zur Verzweiflung, denn er sah nun keinen Grund mehr, wesshalb er uns helfen sollte, und er weinte untröstlich eine ganze Nacht hindurch über unsern unvermeidlichen Untergang. Am andern Morgen machte er dem alten Lorenz Vorwürfe darüber, dass er die Schrift seinem ehemaligen Herrn gegen ihre Abmachung ausgeliefert habe. Der alte Heuchler antwortete aber mit schändlicher Dreistigkeit: Gott hat es nicht haben wollen, mein Herr Graf, dass Sie auf diese Weise wieder zu Vermögen kommen sollten, ich bot Ihnen die Schrift erst für vierhundert Dukaten an, dann wollte ich sie Ihnen in Betracht Ihrer Umstände für zwei hundert Dukaten lassen; da Sie aber auch darauf nicht eingehen konnten, so entschloss ich mich, sie meinem vorigen Herrn, dessen Vater ich schon gedient hatte, und für den ich also noch immer anhänglichkeit fühlte, für hundert Dukaten zurück zu geben, und seitdem ich hier bin, sehe ich ja auch deutlich genug, dass Sie mir sogar diese geringe Summe nicht hätten zahlen können. trösten Sie sich also, gnädiger Herr Graf, es hat nicht sein sollen; Sie wissen wohl, Wer da hat, dem wird gegeben werden, und Wer da nicht hat, dem wird auch das noch genommen, was er hat; das lehrt uns selbst das Evangelium.
Dein Vater ertrug die Pein dieser letzten Tage in düsterem Schweigen; es kam keine Klage mehr über seine Lippen, nur als er gestern um Mitternacht sein Lager suchte, drückte er meine Hand und sagte: Wir sind verloren, unser Sohn ist nicht gekommen; bis morgen Mittag wollen die Schurken nur noch warten, Nachmittag alle Einrichtungen des Gutes betrachten und den Abend den Kontrakt abschliessen; dann muss ich ihnen die wohnung hier nach wenigen Tagen überlassen und Gott weiss, wo wir unser Haupt hinlegen werden.
Du kannst es denken, geliebter Sohn, sagte die Mutter, indem sie den jungen Mann von Neuem umarmte, mit welcher Qual ich den heutigen Tag verlebt habe, bis Du mir endlich wie ein Engel des Trostes erschienst.
Könnte auch ich nur Trost in dem Allen finden, sagte der junge Graf, indem er mit tiefem Kummer in die weinenden Augen der Mutter blickte.