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nicht überwinden und wurde vom Schlage getroffen, als er die Nachricht seines Unglücks erhielt. Acht Wochen nach meiner Verheiratung wurde er begraben. Jetzt wurde Alles gerichtlich bei meinen Eltern versiegelt, und die Armut übte dort ihre furchtbare Gewalt, wo eben noch Glanz und Ueberfluss geherrscht hatten. Mein Vater hatte von mehreren Verwandten meiner Mutter Gelder in seiner Handlung, und diese waren so vorsichtig gewesen, sie mit unterschreiben zu lassen, und jetzt so schamlos, die Kleider und Wäsche meiner unglücklichen Mutter verkaufen zu lassen, um sich bezahlt zu machen, und die arme Frau wäre ohne Obdach gewesen, wenn nicht Dein Vater, der die Verbindung mit mir nur geschlossen hatte, um Vermögen zu erlangen, ihr sein Haus und seine Unterstützung angeboten hätte.

Ach, mein Sohn! wie schnell verloren sich alle die Freunde, die Dein Vater während seines kurzen Glückkes besessen hatte, als meine Mutter bei uns einzog und unsere Dürftigkeit teilte. Die Besuche hörten auf, und wenn unsere Einsamkeit zuweilen gestört wurde, oder wenn wir gezwungen waren, Besuche zu machen, so suchte man gelegenheit, über Missheiraten zu sprechen, die nie zum Guten ausschlagen könnten; und meine sanfte Seele empörte sich, wenn ich diese rohen Menschen, deren mangelhafte geistige Bildung ich nur bemitleiden konnte, so reden hörte. Dein Vater aber wurde durch ein solches Betragen auf's Aeusserste erbittert und beschloss, jedes Mittel anzuwenden, um seine Umstände wieder zu verbessern. Er studirte die Landwirtschaft eifrig, aber ihm mangelten die Mittel zu den nötigen Auslagen und die besten Pläne konnten desshalb nicht gelingen. Diess zog ihm den Spott seiner Nachbaren zu, die viel zu beschränkt waren, als dass sie seine Einsichten hätten beurteilen können; aber die Verläumdung tat ihre wirkung und unsere Lage wurde immer schlimmer. Mehrere Kinder waren geboren, die unsere sorge vermehrten. Jetzt, da die ganze Welt uns feindlich gegenüber stand, gewann Bitterkeit und Verachtung gegen die Menschen die Oberhand in Deines Vaters Brust. Er hatte nicht die heldenmütige Kraft der Tugend, die uns über jedes Missgeschick erhebt; und da er Ursache gefunden hatte, die Menschen so tief zu verachten, so glaubte er auch der Selbstachtung nicht mehr zu bedürfen. Sie beten nichts an als ihr armseliges Vermögen, pflegte er oft zu sagen; sie werden sich von der kleinsten Summe nicht freiwillig trennen, um ihren nächsten Verwandten vom Verderben zu erretten: so muss man sie durch jedes Mittel der Klugheit zum Beistande zu zwingen suchen. Seine Kenntniss der Rechte wie seine Ueberlegenheit des Geistes führten ihn in der Tat auf manche Mittel, bald von dem Einen, bald von dem Andern eine Summe als Darlehen zu erpressen, die unsern Untergang verschob, aber es konnte nicht fehlen, dass sich nun alle, die seine achtung niemals verdient hatten, herausnahmen, Deinen Vater zu verachten; und ach! die allgemeine stimme übte eine so traurige Gewalt, dass er auch die achtung der Besseren verlor. Er wollte sich überreden, dass ihm diess gleichgültig sei, aber ich sah wohl, wie der Kummer darüber an seinem Leben nagte. Meine Mutter war längst gestorben und Dein Vater hatte uns durch alle von ihm angewendeten Künste nur ein höchst dürftiges Leben gefristet; Deine Schwestern wuchsen, von allen Menschen zurückgesetzt, beinah ohne alle Erziehung heran, und wir waren auf's Aeusserste getrieben, als derselbe Lorenz, der jetzt Deines Vaters Vermögen an sich zu bringen strebt, hier erschien und, nachdem er einige Stunden sich in's Geheim mit Deinem Vater unterredet hatte, sich wieder entfernte. Jetzt, sagte hierauf Dein Vater mit grosser Heiterkeit zu mir, jetzt will ich meinen hochmütigen Vetter wohl zwingen, mir beizustehen; bald werde ich die Mittel dazu in meinen Händen haben, und Du, mein unglückliches Weib, brauchst dann nicht mehr in Not mit unsern armen Kindern zu vergehen. Wie flehentlich bat ich ihn damals, auf der Bahn des Rechten zu bleiben und sich offen, mit Vertrauen an diesen Verwandten zu wenden. Er lachte mit Bitterkeit über meinen Rat und fragte mich, ob wir noch nicht Demütigungen genug erfahren hätten, ob ich nach neuen lüstern sei?

Wie einen Bettler würde er mich abweisen, sagte er, wenn ich ihn freimütig bäte, mir von seinem Ueberflusse Unterstützung zu gewähren, aber mit grösstem Danke wird er einen teil seines Vermögens aufopfern, wenn er fürchten muss, noch weit mehr zu verlieren.

Meine Tränen flossen nun im Verborgenen, denn ich wusste wohl, dass ich Deinen Vater zur Aenderung seiner Ansicht nicht würde bewegen können. Nach einiger Zeit erschien der alte Lorenz von Neuem und brachte ein Pergament, wofür er eine ansehnliche Summe verlangte. Ich hörte es wohl, wie ihm Dein Vater alles geben wollte, was sich noch an Silber oder sonst an Sachen von Wert im haus befand, aber diess Alles betrug nur noch eine unbedeutende Summe. Auf Verschreibungen wollte sich der Alte vollends nicht einlassen, indem er behauptete, ein solcher Handel könne nur gegen baares Geld abgeschlossen werden. Dein unglücklicher Vater war so in Verzweiflung, dass ich glaubte, er würde jede Rücksicht vergessen und es versucht haben, dem alten Lorenz die Schrift, auf die es ihm ankam, mit Gewalt zu entreissen, wenn nicht in diesem Augenblicke der Prediger gekommen wäre, dem wir, wie vielen Andern, schuldig sind, und der also höflich empfangen werden musste.

Der alte Lorenz benutzte diesen günstigen Augenblick, um sich zu entfernen, und sagte mit widrigem Lächeln, dass er nach