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, sein Vater würde schon nachteilige Verbindungen eingegangen sein, ehe er mit der ängstlich ersehnten hülfe erschiene, denn er konnte sein Vaterhaus nicht an dem Abende erreichen, welchen er als den spätesten seiner Ankunft bezeichnet hatte, sondern erst am Nachmittage des folgenden Tages eintreffen. Er fand seine Mutter allein, die ihm ungewöhnlich bleich, mit verweinten Augen entgegen trat. Gottlob! dass Du kommst, rief sie, indem sie ihn mit Tränen umarmte, es ist der letzte Augenblick, wenn Du hülfe bringst, wo sie uns nützlich werden kann. Der junge Graf beruhigte die leidende Mutter und fragte dann nach dem Vater. Du kommst wie ein Engel des Trostes, erwiderte die Mutter noch immer weinend und berichtete nun, dass der alte Lorenz und sein Sohn erklärt hätten, dass sie noch heute abreisen würden, wenn das beabsichtigte Geschäft nicht noch an diesem Tage zu stand käme, und dass der Vater, voll Misstrauen gegen seinen Verwandten, alle Hoffnung aufgegeben habe, da der Sohn nicht zur versprochenen Zeit eingetroffen sei, und nun krank, mit Verzweiflung im Herzen, eben mit den Beiden herum fahre, um ihnen alle Vorteile des Gutes zu zeigen, das ihnen noch diesen Abend übergeben werden sollte.

O, Mutter! rief der junge Graf schmerzlich bewegt, hätte mein Vater sich mit offenem, redlichem Vertrauen an seinen edlen Verwandten gewendet, niemals wäre unsere Lage so drückend geworden, dass sie ihn so tief erniedrigt hätte, mir Ratschläge zu geben, die mein Gefühl mir verbietet zu wiederholen.

Du hast Recht, sagte die trauernde Mutter, ja hätte Dein unglücklicher Vater nur die Hälfte des Scharfsinns daran gewendet, auf rechtlichen Wegen seine Umstände zu verbessern, den er darauf gerichtet hat, sein Schicksal durch Mittel zu bezwingen, die ich beweinen muss, so glaube ich, wir würden ohne Kummer unsere Lage betrachten; aber dennoch, geliebter Sohn, beurteile den armen Mann nicht zu hart, denn er ist mir ein treuer Freund und Euch ein liebender Vater, und der Kummer nagt ja eben an seinem Leben und bringt ihn vor der Zeit in's Grab, dass er nichts für uns alle tun kann.

Wenn uns der Vater liebt, sagte der junge Graf finster, so sollte er nicht Handlungen begehen oder fordern, die uns zwingen, für ihn zu erröten.

O! still mein Kind, erwiderte die sanfte Mutter, Dein Herz schlägt noch mit Jugendkraft, Du kannst es noch nicht wissen, wohin ein feindliches Geschick den Menschen bringen kann. Dein Vater hat in der Jugend mit aller Glut und Kraft des Herzens geliebt, ihm wurde Erwiederung geheuchelt, indess seine Empfindung verspottet und er mit dem schnödesten Eigennutz betrogen wurde, und zwar durch einen Freund, dem er sich mit ganzer Seele vertraute. Seine einzige Schwester, bedeutend älter als er, war längst verheiratet, als die ältern starben, und der Schwager benutzte als Vormund das Vermögen, indess Dein Vater seine Jugend in Dürftigkeit hinbrachte, sich in Schulden verwickelte, die, als er mündig wurde, sich so drückend zeigten, dass er die Einsicht gewann, er sei genusslos verarmt, denn was ihm nach der Teilung mit seinem Schwager blieb, hatte er in immerwährender durch Dürftigkeit und Not erregter Herzensangst schon im Voraus ausgegeben, und wenn seine Schulden bezahlt werden sollten, behielt er nichts übrig. Wo er sich hinwendete um Unterstützung, wurde er mit Kälte, als ein Verschwender, dem man nicht vertrauen könne, zurückgewiesen und seine Schulden, denen seine Verwandten mit Eifer nachspürten, als Beweise gegen ihn gebraucht. In dieser Bedrängniss wendete er seine Augen auf mich und wählte, nicht aus Liebe, sondern aus Not, mich zur Gefährtin seines Lebens, und hoffte durch die einzige Tochter eines reichen Handelsherren seine gesunkenen Vermögensumstände wieder zu heben. Meinem Vater schmeichelte vielleicht der Gedanke, dass eine Gräfin aus seinem einzigen kind werden solle, und da er nicht gewohnt war, die Ansichten Anderer zu vernehmen, so befahl er mir, Deinen Vater als meinen Bräutigam zu betrachten, und bestimmte den Tag der Vermählung. In der Tat fiel es mir auch nicht ein, dass ich befugt sei, Einwendungen zu machen, und der Tag unserer Verbindung erschien und wurde auf's Glänzendste gefeiert. Es schien, als ob Wohlstand und Glanz mit mir in unser Haus gezogen wären; mein Vater gab die nötigsten Summen bei unserer Vermählung sogleich und verlangte, Dein Vater sollte nach drei Monaten ein Verzeichniss einliefern von allen Schulden und allen Bedürfnissen, dann wolle er Alles berichtigen und unsere Haushaltung, wie er sagte, auf einem solideren fuss einrichten. Jetzt erschienen dieselben Freunde und Verwandten, die Deinen Vater in seiner Bedrängniss mit Kälte abgewiesen hatten, und wünschten ihm Glück, sie wurden unsere täglichen Gäste, und erschöpften sich in Herzlichkeit und zuvorkommender Liebe; man fand mich höchst liebenswürdig, man lobte es, dass ich bei dem grossen Reichtume meines Vaters doch gar keine Ansprüche mache, kurz, Dein Vater wurde noch ein Mal mit allen Menschen versöhnt und überredete sich, er habe sich geirrt und in seiner bittern, durch die Not erzeugten Stimmung die Menschen mit zu feindlichen Blicken betrachtet. Aber ach! wie bald brach diess scheinbare Glück zusammen. Ein grosses Handlungshaus in England fiel, und sein Sturz zog den eines Amerikanischen und mehrerer Hamburger nach sich, mit denen mein Vater in Verbindung stand, und er war schon zu grund gerichtet, ohne es zu ahnen, als er meine Hochzeit so glänzend feierte. Er konnte den Schreck