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an seinem Finger glänzten, mit demselben Gefühl betrachtete, wie ein junger Offizier das erste Ehrenzeichen. Der Graf trat nun hinzu und überreichte ihm eine sehr schön gearbeitete goldene Dose, weil der Arzt sich seit Kurzem auch das Tabackschnupfen angewöhnt hatte. Emilie näherte sich und überreichte ihm die schönste feine Wäsche, Terese bot ihm einen von ihr selbst gearbeiteten Geldbeutel dar, und St. Julien überreichte ihm, trotz seines, beinah zu grossen Abscheus gegen alles Tabackrauchen, eine so ausserordentlich verzierte, schöne Tabackspfeife, dass diess Geschenk des Wertes wegen zwar ernstaft, der Auszierung halber aber scherzhaft gemeint schien. Der Arzt blickte in verlegener Freude umher; Stolz über seine anerkannten Verdienste, dankbare Rührung über diese öffentliche Anerkennung und auch Freude über den Wert der Geschenke bestürmten sein Herz dermassen, dass ihm Tränen in die Augen traten und er nicht gleich Worte finden konnte, die ihm schicklich dünkten, seine Gefühle auszudrücken. Er küsste rasch hinter einander die hände aller Damen, und in der Hast ergriff er auch einige Male die Hand eines Herrn und würde sie in der Blindheit seiner freudigen Eile ebenfalls geküsst haben, wenn ihm nicht ein kräftiger Druck jedes Mal seinen Irrtum gezeigt hätte, wodurch denn seine Verlegenheit noch vermehrt wurde.

Dem Prediger war es bei diesem kleinen Feste nicht entgangen, dass die frühere Spannung, die er so oft zwischen dem Grafen und seiner Gemahlin bemerkt hatte, völlig verschwunden und an die Stelle formeller Höflichkeit eine herzliche Innigkeit getreten war. Er sah es leicht ein, dass die Krankheit der Gräfin als Folge des Zusammentreffens mit ihrem Bruder zu betrachten sei, aber eben so wenig, wie er begreifen konnte, wodurch diess Zusammentreffen so erschütternd gewirkt habe, vermochte er einzusehen, wie durch diesen öffentlichen Auftritt, der dem Grafen nur unangenehm sein konnte, eine grössere Herzlichkeit zwischen beiden Gatten wäre herbeigeführt worden. Er konnte sich ruhig in Nachdenken über die ihm unerklärliche Erscheinung versenken, denn seine Unterhaltung wurde nicht in Anspruch genommen, weil Emilie, Terese und St. Julien mehrere Musikstücke dreistimmig eingeübt hatten und mit diesem kleinen Koncerte die Genesung der teuern Kranken feiern wollten.

Die Gräfin er bebte zwar bei dem Tone von St. Juliens stimme sichtbar, fasste sich aber bald und gab sich ruhig dem Genusse hin, den die zärtlichste anhänglichkeit ihr bereitet hatte, und gestand sich innerlich, dass das Leben noch Reiz für sie haben könne, und dass selbst der Schmerz der Erinnerung den giftigsten Stachel verloren habe, da ein treues Herz ihn mit ihr teilte, und sie sich nicht mehr der Verheimlichung und Falschheit schuldig wusste.

Der Abend begann schon zu dämmern und man hatte während der fortgesetzten Musik das Rollen der Räder eines vorfahrenden Wagens nicht bemerkt, so dass Allen unerwartet der junge Graf Hohental in den Saal trat. Ein allgemeiner Ausruf der Freude begrüsste den Neuangekommenen; doch wurde diese sogleich gemässigt, als man die Blässe seines Gesichts und die Kleidung tiefer Trauer wahrnahm, wodurch ein erlebtes Unglück des neuen Gastes angedeutet wurde. Mit sichtbarem Gefühl bezeigte dieser der Gräfin seine Freude über ihre Genesung; ein Strahl wehmütigen Entzückens leuchtete in seinen Augen, als er Teresens Hand küsste, welche die seinige mit unverhehlter herzlicher Neigung drückte, mit gleichem Feuer erwiderte er St. Juliens stürmische Umarmung, und mit kindlichem Gefühl die väterliche Begrüssung des Obristen und seines Oheims. Was macht Ihr Vater, teurer Vetter? fragte dieser halb leise. Ich habe ihn vor wenigen Tagen begraben, sagte der junge Graf mit vor Rührung wankender stimme; ich glaubte, Sie hätten die Anzeige seines Todes schon erhalten. Nein, erwiderte der Graf mit Bestürzung, mir ist Ihr Unglück völlig fremd, und es erschüttert mich um so mehr, da es mich daran erinnert, wie nahe daran ich selbst war, den schmerzlichsten Verlust zu erdulden.

Jedermann fühlte, dass es unschicklich sein würde, in den Ton lauter Freude jetzt wieder einzustimmen. Die Unterhaltung wurde also ernstafter und die Gesellschaft trennte sich früher, als wohl ohne die Ankunft des jungen Grafen geschehen wäre. Als dieser den Saal verlassen und sein Zimmer betreten hatte, kam ihm ein junger Mensch entgegen, in dem er nicht eher seinen Gustav erkannte, bis er sich laut weinend in seine arme warf. Freudig überrascht, drängte ihn der junge Graf von seiner Brust zurück, um ihn zu betrachten. Nein! rief er endlich aus, nimmermehr hätte ich geglaubt, dass wenige Wochen einen Menschen so zu seinem Vorteile verändern können; sage mir doch, wie hast Du es angefangen, dass Du während meiner Abwesenheit ganz das Ansehen eines jungen Kavaliers gewonnen hast.

Wenn das ist, sagte der junge Mensch, so kommt es wohl daher, dass mir Herr Dübois so ausserordentlich gute Kleider hat machen lassen; die Frau Gräfin hat mir die feinste Wäsche geschenkt, und der Herr Graf gab mir vor wenigen Tagen diese goldene Uhr, damit ich, wie er sagte, meine Studien regelmässig einrichten könne; dabei habe ich noch alles Geld, das Sie mir schenkten. Das ist Alles ganz gut, sagte der junge Graf, aber woher hast Du den Anstand, die vortreffliche Haltung.

Das kommt denn wohl, meinte sein junger Freund lächelnd, von dem lustigen Herrn St. Julien, zu dem Herr Dübois viel von mir gesprochen hat, und der mich nun, seit das Leben der Gräfin ausser Gefahr ist, täglich vexirt und mich dabei tanzen, reiten und fechten lehrt. Ich versichere Sie, fuhr er, plötzlich in Rührung übergehend, fort, hier im schloss