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Liebe fähig war?

Sie haben Recht, sagte der Graf, und ich freue mich, so oft ich den jungen Menschen in der Bibliotek antreffe. Seine Bescheidenheit, sein feines Wesen zeugen von der guten Erziehung, die er früher gehabt, und sobald mein Vetter zurückkommt, wollen wir alle drei für sein weiteres Fortkommen sorgen. Der Haushofmeister fühlte sich für alles, was er jemals getan, durch diess Wort des Grafen mehr als belohnt, der ihn dadurch aus der Reihe der Diener empor hob und ihn gleichsam neben sich stellte, und seine Liebe wuchs in dem Masse, wie ihm sein verehrter Herr sein Vertrauen zuwendete, ihm eröffnend, dass er entschlossen sei, dem Schicksal des jungen Evremont auf's Eifrigste nachzuforschen und, wenn er ihn gefunden, ihn wie seinen eignen Sohn zu betrachten. Der alte Dübois gab alles an, was nur irgend auf eine Spur führen konnte, um den Verlorenen zu entdecken, und zerfloss beinah in Tränen, weil er dadurch gezwungen war, alles erlittene Unglück der Familie Evremont sich in's Gedächtniss zurückzurufen. Der Graf suchte ihn, nicht ohne eigne Rührung, zu trösten, und Beide kamen darin überein, dass vor der Gräfin alle Nachforschungen geheim gehalten werden müssten, damit sie nicht Hoffnungen Raum gäbe, durch deren Nichterfüllung ihr Herz um so tiefer verwundet werden müsste.

Nach diesem langen gespräche trennten sich Beide vollkommen befriedigt, und der Graf eilte, sich nach dem Befinden seiner Gemahlin zu erkundigen. Die Kranke hatte eine sanfte Ruhe genossen, und zu des Arztes Erstaunen zeigten sich alle Spuren einer schleunigen Besserung. Die Gräfin hatte in dieser ernstaften Krankheit, wie er meinte, allen Eigensinn verloren, sie brauchte die vorgeschriebenen Mittel regelmässig, und der Graf war so zärtlich besorgt, dass er den Arzt immer wieder angelegentlich bat, ja alle Sorgfalt für ihre Wiederherstellung anzuwenden. Schon den nächsten Abend hatte St. Julien den Trost, eine Stunde am Krankenbette in Gesellschaft des Grafen, Emiliens und ihrer Freundin Terese zubringen zu dürfen, und die Kranke war zwar sehr ermattet, aber so ruhig und heiter, wie er sie nie gesehen, und die innige zärtliche Vertraulichkeit der beiden Gatten machte ihn nun erst darauf aufmerksam, dass früher eine gewisse Spannung zwischen ihnen geherrscht hatte.

Die unermüdete Sorgfalt des Arztes, verbunden mit der grösseren Ruhe des Herzens, welche die Kranke jetzt genoss, hatte bald jede Gefahr entfernt, und die Gräfin konnte nach kurzer Zeit schon täglich einige Stunden ausser dem Bette verweilen; ihre Kräfte nahmen sichtlich zu, und nach dem Verlaufe von sechs Wochen erlaubte ihr der Arzt endlich, das Krankenzimmer zu verlassen und an der gemeinsamen Tafel zu speisen. Diess war ein fest der Liebe für alle Hausgenossen, und der Graf hatte zur Feier dieser erfreulichen Begebenheit den Obristen Talheim, seine Tochter und auch den Prediger eingeladen. Der Arzt hatte sich im Stolz über die Genesung der Gräfin, die er ganz allein als einen Triumph seiner Kunst betrachtete, ein fast despotisches Ansehn über die Kranke angemasst, welches sich diese mit lächelnder Geduld gefallen liess, und so begleitete er sie nach dem Speisesaale, wo sie von allen Anwesenden mit freudiger Rührung, als dem Leben wiedergegeben, begrüsst wurde. Bei Tische drängte sich der Arzt in ihre Nähe, nicht, wie er versicherte, aus törichtem Hochmut, sondern seiner Pflicht gemäss, damit er ihr die speisen widerraten könne, die ihm schädlich dünken würden; er übte aber eine so strenge Kritik, dass er der Gräfin beinah nichts erlaubte zu berühren. Die Kranke hatte sich immer geduldig seinen Verboten unterworfen, als aber die Tafel beendigt war, sagte sie scherzend: Aber, lieber Herr Doktor, Sie sind mit mir heute eben so streng verfahren, wie der Arzt mit dem Sancho Pansa, nachdem er endlich Gouverneur der längst versprochenen Insel geworden war, und bei der Wiederkehr meiner Gesundheit fällt mir diese Strenge beinah eben so beschwerlich, als ihm.

Niemand konnte begreifen, wesshalb dieser Scherz den Arzt so heftig beleidigte, dass er mit glühendem Gesicht und halb zugedrückten Augen, die im Zorn feurig blinkten, rief: Ich weiss, es herrscht jetzt die sonderbare Mode, die von müssigen Köpfen ersonnenen Narrheiten in die ernstaftesten Angelegenheiten zu mischen, aber niemals hätte ich geglaubt, dass ich mit dem wahnsinnigen Don Quixote oder mit dem Bauer Sancho verglichen werden könnte. Vergeblich bemühte sich St. Julien ihm deutlich zu machen, dass ihn Niemand mit dem edlen Ritter oder seinem braven Stallmeister verglichen habe, sondern mit dessen gelehrten Arzt. Er blieb zornig und antwortete nicht mehr, bis der Graf selbst ihm ein Glas Wein einschenkte und ihn ermahnte, an diesem schönen Tage versöhnlich zu sein und auf das Wohl der wieder hergestellten Kranken zu trinken; doch auch jetzt folgte er zwar der Aufforderung mit allen Uebrigen, aber man sah, dass er immer noch Verdruss im Herzen hegte. Der Graf erhob jetzt sein Glas, indem er sagte: Und nun auf Ihr Wohl, liebster Herr Doktor, dessen Kunst und treuer sorge wir den heutigen frohen Tag verdanken. Jetzt schwanden die Wolken des Verdrusses von seiner Stirn, und er blickte wie ein siegender Held umher.

Nachdem die Tafel aufgehoben war, trat die Gräfin zu ihm und sagte: Sie müssen mir heute, da ich mich durch Ihren Beistand so wohl und heiter fühle, einen Scherz verzeihen und als Zeichen aufrichtiger Versöhnung ein Andenken nicht verschmähen. Sie zog einen Ring vom Finger und bot ihn dem arzt an, der die Brillanten, die nun