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Stunde geschlossen, und die Ruhe, die an die Stelle der gewaltsamen Spannung trat, die das Herz der Gräfin bis auf diesen Augenblick geängstigt hatte, wirkte höchst vorteilhaft auf ihre Gesundheit; sie versprach dem Grafen, sich zu schonen und, um sich für ihn, zu dessen Glück sie notwendig sei, zu erhalten, den Vorschriften des Arztes Folge zu leisten.

Getröstet, indem er Trost erteilte, verliess der Graf, mit sich zufrieden, das Gemach seiner Gemahlin, nachdem er noch dem eben eingetretenen arzt mit zärtlicher Rührung die höchste sorge für die Kranke empfohlen hatte. Im Vorzimmer traf er Dübois, der mit ängstlicher Spannung ihm entgegen sah und ein Wort über den Zustand der Kranken vernehmen wollte. Dem Grafen flogen schnell, wie er den alten Mann erblickte, alle Bilder dessen, was er getan und gelitten, vor den Augen des Geistes vorüber, und wie ihn die treuen Augen in nie gesehener Aufregung ängstlich betrachteten, rief er mit vor Wehmut zitternden Lippen: Mein guter alter Dübois! und streckte ihm die Hand entgegen, die der alte Mann fasste, um sie zu küssen; der Graf aber zog ihn heftig in seine arme und hielt ihn einige Sekunden fest an seine Brust gedrückt. Der Haushofmeister wusste nicht, wie ihm geschah, und er stand und sah dem Grafen noch nach, als dieser schon lange das Zimmer verlassen hatte.

Am andern Morgen, als alle heftig aufgeregten Empfindungen durch die Ruhe der Nacht wieder besänftigt waren, liess der Graf den Haushofmeister zu sich rufen und sagte ihm mit höchster Güte: Ich weiss es jetzt erst, mein guter Dübois, wie Viel ich Ihnen schuldig bin; die Gräfin hat es mir vertraut, was Sie für sie getan und gelitten, und dass ich ausser der Erhaltung ihres mir so teuern Lebens Ihnen vielleicht noch grosse Summen schuldig bin, die Sie ausgelegt und nicht zurückerhalten haben; lassen Sie uns also darüber nun aufrichtig sprechen, damit Sie wenigstens Ihr Eigentum nicht verlieren, wenn wir Ihnen auch niemals Ihre Liebe und Treue vergelten können. Der alte Mann sah den Grafen mit Ueberraschung an, und Tränen traten in die gutmütigen Augen und flossen über die gefurchten Wangen. So ist mir denn endlich der Trost geworden, rief er aus, dass die Frau Gräfin ihr Herz dem edelsten Gemahl geöffnet hat, und der lange verschwiegene Gram wird nun nicht mehr heimlich an der Wurzel ihres Lebens nagen. Ja, gnädiger Herr Graf, fuhr er fort, wir haben Viel, entsetzlich Viel gelitten, und ich kann nicht zweifeln, dass Gott in dieser furchtbaren Zeit mein Leben nur desshalb erhalten hat, damit ich der unglücklichen Frau nützlich sein konnte; diess ist mir gelungen, und dafür danke ich dem Himmel täglich. Was ich damals an Geld ausgegeben, ach gnädiger Herr Graf! Welches Herz hätte wohl so verworfen sein und in solchen Stunden des höchsten Jammers daran denken, oder die armseligen Summen zählen können; doch bin ich überzeugt, dass die Frau Gräfin mir Alles längst vielfach ersetzt hat, und ich habe in dieser Rücksicht nichts zu fordern.

Wenn Sie denn also nichts annehmen wollen, sagte der Graf gerührt, so geben Sie wenigstens jeden Dienst im haus auf und leben Sie als ein Freund mit uns, dem wir unsere Dankbarkeit werden zu beweisen streben.

Und warum wollen der Herr Graf mir meine Funktion abnehmen? fragte der Haushofmeister lächelnd.

Weil ich meinen Freund nicht zum Diener erniedrigen will, sagte der Graf, indem er die Hand des alten Mannes drückte.

So hoch mich diess Wort auch ehrt, versetzte Dübois mit grosser Bescheidenheit, so erlaube ich mir doch zu bemerken, dass ich nicht einzusehen vermag, worin meine Erniedrigung bestände, wenn ich bei meiner gewohnten Beschäftigung bleibe. Ich glaube, es hängt von der Art ab, wie ein Geschäft betrieben wird, ob es edel oder unedel zu nennen ist, und wenn die wichtigsten Aemter im staat mit knechtischer Seele, bloss des eigenen Gewinns wegen, verwaltet werden, ohne den freien Antrieb der wahren Vaterlandsliebe und innigen Verehrung für den Monarchen, so ist derjenige, der sie ausübt, mag er äusserlich so hoch stehen, wie er will, doch ohne wahre Erhabenheit in meinen Augen; und wenn ich voll ehrfurchtsvoller Liebe aus freiem Antriebe meines Herzens mein Leben dem Dienste einer edlen herrschaft widme, und wenn mein treues Auge darüber wacht, dass bei Ihrem grossen Haushalte Ihre Einkünfte nicht verschwendet werden und Ihnen so die Mittel bleiben, unendlich viel Gutes zu tun, so habe ich Anteil an allem Guten und Grossen, was auf diesem Wege erreicht werden kann, und ich fühle mich durch meine Beschäftigung nicht erniedrigt.

Sie haben Recht, sagte der Graf, durch die Wahrheit in den einfachen Worten des alten Mannes überrascht. Handeln Sie ganz, wie Sie wollen, nur versprechen Sie mir, keine Anstrengung zu übernehmen, die Ihnen bei Ihrem Alter nachteilig sein könnte. Der alte Mann versprach diess willig und sagte dann: die Wahrheit meiner Ansicht ist mir durch unsern guten Gustav erst recht deutlich geworden. Er wird gewiss einmal ein ausgezeichneter Gelehrter, daran lässt sich bei seinem grossen Fleiss gar nicht zweifeln, und er war schon ein halber Student, als sein edler Beschützer sich seiner annahm. Sind ihm denn dadurch seine Vorzüge genommen, dass er aus freiem Antriebe seinem väterlichen Freunde alle Dienste leistete, die dieser bedurfte, so lange ihm die Mittel fehlten, es anders einzurichten, und müssen wir den Knaben nicht um so höher achten, der solcher