Angst, mit welcher sie erwartet, welchen Eindruck diess Bekenntniss auf mich machen wird. O! Wohl hattest Du Recht, Du arme, die Du meine Schwäche kennst, zaghaft ein Vertrauen zurück zu halten, das noch jetzt so verkehrte Empfindungen in meinem Busen weckt. Und könnte ich denn, fragte er sich, noch jetzt, ohne zerstörenden Schmerz, die Verbindung mit dieser Frau aufgeben; würde es nicht auch mich vielleicht vernichten, wenn der Tod sie mir entrisse? Habe ich jemals einen Menschen gekannt, der meine Eigentümlichkeit so verstanden, mich mit so zärtlicher Freundschaft geliebt hätte, als sie? Kann ich diess Wesen aus meinem Leben hinweg denken, ohne das Leben von allem Reize für mich zu entblössen? Und was ist es denn nun eigentlich, was mein Herz von ihr abwenden will? Doch hauptsächlich die Hinrichtung meines unglücklichen Freundes, und der ängstigende Widerwille wird doch mir unbewusst nur dadurch erzeugt, dass die Seele beschimpfende Verbrechen und öffentliche Hinrichtung immer verbunden denken will. Aber sind nicht grade die Edelsten als Opfer gefallen, und soll sich ein kleinliches Gefühl unverändert erhalten, wenn ein furchtbares Geschick wie mit Meereswogen sich heran wälzt, alle Dämme, die Sitte, Gesetz und Religion zum Schutze der Menschen errichtet haben, brausend durchbricht und alles ihm entgegen stehende Leben verschlingt? Und hat sie denn nicht das Ungeheuerste erduldet, setzte er mit Wehmut hinzu, und hat sie diesen wilden Schmerz nicht ertragen, ohne den eignen Wert zu verlieren? blieb nicht in ihrer Seele, neben ihrem Kummer, Raum für jede edle Empfindung, und bin ich klein genug, diesen wahrhaften Heldenmut zu verkennen? Und ist es denn nicht möglich, dass noch Alles besser wird? Jetzt gehört sie mir im vollen Vertrauen, an meiner Brust wird ihr lange gepresstes Herz nun freier schlagen, ich kann kräftiger, als sie es vermochte, die Spuren des verlornen Kindes aufsuchen, dessen Herz vielleicht seiner Eltern würdig ist, der alsdann auch mir ein Sohn sein und die Tage meines Alters verschönern kann. Nein, ich bin nicht unglücklich, schloss der Graf sein langes Selbstgespräch, und neuen Mut und neue Hoffnung drückten seine edlen Züge aus, und mild leuchteten die noch von Schmerzenstränen feuchten Augen.
Die Gräfin hatte sich selbst die Pflicht auferlegt, es äusserlich ruhig zu erwarten, ob der Graf liebevoll zu ihr zurückkehren würde, nach dem Bekenntnisse ihres Unrechts gegen ihn. Sie hatte die Vorhänge ihres Bettes zuziehen lassen und faltete nun zum stillen, leidenschaftlichen Gebet die hände, sie krampfhaft fest in einander schliessend, und flehte inbrünstig in Gedanken um das Ende ihrer Leiden und ihres Lebens, wenn sich das Herz des Grafen, durch ihr langes Schweigen beleidigt, von ihr abwenden sollte. Sie hatte eine peinliche Stunde gehabt, und rief endlich Emilie mit sterbender stimme herbei und bat sie, im Vorzimmer des Grafen zu erkunden, ob er noch in seinem Kabinet verschlossen sei, aber ihn auf keinen Fall zu rufen. Emilie berichtete, der Graf sei in seinem Kabinet und kein laut vernehmbar. Nach einer qualvollen Vietelstunde wurde sie mit demselben Auftrage abgesendet und kam mit derselben Antwort zurück. Der Zustand der Gräfin wurde immer beunruhigender; Fieberglut und Leichenblässe wechselten auf ihrem gesicht, und die heftigen Schläge ihres Herzens hoben und senkten die Decke ihres Lagers. Als Emilie zum fünften Male mit demselben Auftrage abgeschickt wurde, nahm sie sich vor, den Grafen auf jeden Fall zu sprechen, um ihn mit dem gefährlichen Zustande seiner Gemahlin bekannt zu machen, und eben näherte sie sich in dieser Absicht der tür, als er sein Kabinet öffnete. Der Graf trat heraus und fragte mit Heftigkeit: Was macht meine Gemahlin? Sie lebt, erwiderte die weinende Emilie, aber ihr Zustand – – Er hörte nichts mehr; das eine Wort hatte ihm genug gesagt, um ihn mit höchster Angst nach dem Schlafzimmer der Kranken eilen zu lassen. Er schlug mit Heftigkeit den Vorhang des Bettes zurück, und die flehenden Augen der Gräfin, ihre zitternden zu ihm emporgehobenen hände erfüllten ihn mit der schmerzlichsten Wehmut. Mein teures, mein geliebtes Weib! rief er aus, indem er sie in seine arme schloss. So hast Du mir vergeben? sagte die Gräfin mit kaum hörbarer stimme. Es war das erste Mal, dass sie ihren Gemahl mit Du anredete, und diese einzige Sylbe, die er sich früher so oft gesehnt hatte aus ihrem mund zu vernehmen, rührte ihn nun als Zeichen völligen Vertrauens auf's Innigste. Er konnte in diesem Augenblicke nicht daran denken, die Gesundheit seiner Gattin zu schonen und erregende gespräche zu vermeiden. Die leidenschaftlichsten Ergüsse des Herzens, die zärtlichste Selbstanklage, die grossmütigste Vergebung wechselten in schnell und heftig geführten Gesprächen mit einander ab, und der Arzt würde befürchtet haben, dass der schwache Faden des Lebens der so lange leidenden Frau durch diese Erschütterungen zerreissen müsste. Sie ruhte auch beinah vergehend in den Armen des Grafen, aber der Balsam des Trostes senkte sich mild in ihre Brust. Sie blickte mit reinem Vertrauen in das treue Auge des leidenschaftlichen Freundes, der die Bilder eines glücklichen, genussreichen Lebens vor ihr entfaltete, aber selbst in dieser Aufregung des Gemüts Besonnenheit genug behielt, keine Hoffnung erregen zu wollen, dass der verlorne Sohn noch gefunden werden könnte; denn ob er sich gleich vornahm, die eifrigsten Nachforschungen nach ihm anzustellen, so schien es ihm doch grausam in der Mutter Hoffnungen zu erwecken, die er vielleicht niemals erfüllen könnte.
Der innigste Bund wurde zwischen beiden Gatten in dieser