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reicher Eidam, der sie leicht zu sich nehmen und unterstützen könne. Die Religion hatte er nicht geändert und bat die gekränkte Mutter, ihn mit dieser törichten Zumutung zu verschonen.

In dieser Lage wendete Dübois das Letzte an, um für unsere nächste Zukunft zu sorgen, und schob die überlegung, wie sich unser Leben gestalten sollte, für die nächsten Wochen zurück, indem er mich bat, mich zuerst von den Anstrengungen der Reise zu erholen und meine Mutter in ihrer verzweiflungsvollen Stimmung einigermassen zu beruhigen. Ich, mit dem entsetzlichsten Weh im Herzen, sollte Ruhe und Trost gewähren, da ich selbst nur Seufzer und Tränen hatte, aber dennoch fand die arme unglückliche Mutter Trost in meiner Liebe, und als ob sie ihre frühere Ungerechtigkeit gut machen wollte, wendete sie mir nun die zärtlichste Neigung zu. Indem wir in diesem traurigen Zustande lebten, hatte mein Bruder den Leichtsinn, Ihnen, mein teurer Graf, Briefe an seine Mutter und an seinen Schwager zu geben, dessen Tod er nicht wusste und den er wieder in der Schweiz vermutete, und so betraten Sie unser Haus. Ich hatte es nicht über mich vermocht, mein Herz zu zerreissen und meiner Mutter den ganzen Zusammenhang meiner traurigen geschichte zu erzählen; sie wusste bloss, mein Gemahl und mein Sohn seien gestorben, und sie glaubte keine Unwahrheit zu sagen, wenn sie mich Ihnen als die witwe Blainville vorstellte. Ich war es gern zufrieden, diesen Namen zu behalten und das entsetzliche Unglück meines Lebens im Verborgenen zu tragen, denn so konnte mich doch kein rohes Wort verletzen. Im Geheim bemühte sich Dübois immer noch, etwas von meinem Sohn zu erfahren, aber jede Spur seines Daseins war verschwunden.

Ich weiss es, mein teurer Freund, ich trat Ihnen bleich, wie ein Marmorbild entgegen, mit tiefem Kummer im Herzen, voll Abscheu gegen eine Welt, die ich mich zu verlassen sehnte, und dennoch machte diess vom Schicksal vernichtete Wesen Eindruck auf Ihre Seele und fesselte Ihr Herz. Ach! und ich erkannte mit Dankbarkeit die zarte Aufmerksamkeit eines edlen Gemüts; ich fühlte den milden Trost der Freundschaft, und ein dämmerndes Licht fiel in meine Seele und zeigte mir als schwachen Schatten einen fernen Reiz des Lebens. Ich weiss nicht, ob meine Mutter durch das erlittene Unglück scharfsichtiger geworden war, aber sie bemerkte zuerst Ihre wachsende Neigung und gründete die Hoffnung ihres Alters darauf. Ich gestehe es jetzt, mein edler Freund, mich erfüllte damals der Gedanke an jede andere Verbindung, als die ich glaubte mit dem Himmel geschlossen zu haben, mit Entsetzen, und ich zog mich unwillkührlich von Ihnen zurück und brachte meine Mutter dadurch zur Verzweiflung, die sich nun um ihre letzte Hoffnung betrogen sah. Wenn Sie ahnen könnten, was ich damals litt, Ihr edles Herz würde mich beklagen. Bitten, Tränen, Vorwürfe und Verwünschungen wendete mit wilder Leidenschaftlichkeit meine Mutter an, um mich Ihren Wünschen geneigt zu machen, und ich musste mir gestehen, dass ihr von Alter, Krankheit und Gram geschwächter Körper diesen zerstörenden Empfindungen nicht lange würde widerstehen können.

Ich glaube, mein teurer Freund, Sie hatten damals eine zu strenge Ansicht von der weiblichen Würde, und bei verschiedenen Gesprächen, die zu meiner Qual über die französische Revolution geführt wurden, äusserten Sie sich hart über die Frauen, die auf irgend eine Weise daran teil genommen hatten, und als ich ein Mal bemerkte, dass wohl ein hartes Schicksal eine Frau darin verflechten könne, erwiederten Sie mit grosser Heftigkeit, dass diess für eine edle Frau ein unermessliches Unglück sein würde, denn ein solches männliches Handeln und Leiden würden jeden Reiz der Weiblichkeit vernichten, wie es ja auch Frauen so roh machen kann, fügten Sie hinzu, dass sie fähig sind, nachdem sie kaum den Mann begraben haben, der auf dem Schaffot verbluten musste, einem andern die Hand zu reichen, und ihm Zärtlichkeit und Liebe zu versprechen, da ihre Seele nur Schauder und Entsetzen sollte fühlen können. Mir würde eine solche Frau, schlossen Sie damals, abscheulich bleiben, so lange ich lebte, und ich begreife nicht, wie irgend ein Mann anders fühlen kann.

Diese Worte, die vielleicht nur ein augenblickliches Gefühl Ihrer Seele, vielleicht nur eine Verstimmung bezeichneten, haben uns beide, mein geliebter Freund, um das reine Glück das Lebens gebracht. Ich, die ich die Pläne und Wünsche meiner Mutter kannte, betrachtete diese mit Wehmut, denn mir schien jetzt Alles beendigt. Ich beschloss nun, ewig über mein Schisal gegen Sie zu schweigen, aber mich auch entschieden von Ihnen zurückzuziehen, um nicht Hoffnungen zu nähren, die nicht erfüllt werden konnten, denn nach Ihrem eigenen geständnis mussten Sie ja aufhören, mich zu lieben, wenn ich im stand wäre, Ihnen die Hand zu bieten, nachdem ein entsetzliches Unglück mir den ersten Gemahl entrissen hatte, und nur, indem ich Sie über mich täuschte, hätte ich mir Ihre Liebe erhalten können.

Ich sah die notwendigkeit ein, meiner Mutter das Unglück meines Lebens in seiner ganzen Ausdehnung mitzuteilen, damit sie sich entschlösse, Hoffnungen, die sie mit Entschiedenheit nährte, aufzugeben. Ich erfüllte diese schwere Pflicht, deren Ausübung mich zu vernichten drohte. Meine Mutter, im Erstaunen über das ihr völlig Neue und Unerwartete, hatte noch die Grausamkeit, mich mit Klagen und Vorwürfen über diess lange lieblose Schweigen zu bestürmen, und bemerkte ihre Härte erst, als sie mich wie sterbend vor ihr nieder sinken sah. Jetzt erwachte ihre Liebe wieder, und