, sein Leben meiner Pflege zu weihen. Da er aber glaubte, dass er mir nicht alle Bequemlichkeiten würde verschaffen können, so wollte er sich zu dem Banquier begeben, den er als Vertrauten der beiden Grafen Evremont kannte, um von ihm einige Summen für meine Bedürfnisse zu erhalten. Aber auch von hier kehrte er trostlos zurück; er konnte nur erfahren, dass wahrscheinlich der Kassirer, welcher meinem Bruder die verlangte Summe ausgezahlt, meinen Gemahl erkannt und als ein heftiger Jakobiner unsere Verhaftung veranlasst habe; der Banquier selbst sei, sobald er diese erfahren, mit seinen Hauptbüchern und allen baaren Summen aus Paris verschwunden, um einem ähnlichen Schicksale zu entgehen.
So waren denn alle Hoffnungen untergegangen, und Dübois brachte alles zusammen, was er besass, verkaufte jede Sache von Wert und mietete eine kleine wohnung in der Vorstadt, wohin er mich führte, indem er mich hier für seine Nichte ausgab. Die Fenster unserer Zimmer gingen in den an das Haus grenzenden Garten, und so war ich mit meinem Elende und meinem Pfleger ganz allein, und völlig von der Welt geschieden. Dübois hatte die Behutsamkeit, mich nach und nach mit dem ganzen Umfange meines Unglücks bekannt zu machen, und zugleich an die Pflicht zu erinnern, die ich habe, den Rest meines Daseins dazu anzuwenden, um dem alten Grafen Evremont den Trost zu gewähren, den er nur von mir nach dem Verluste aller seiner Hoffnungen erwarten könne. Er gab es zu, dass diess die letzte Pflicht sei, die ich im Leben zu erfüllen habe, und billigte meine Absicht, aus der Welt alsdann mich zurück zu ziehen.
Mein grosses Unglück hatte mich mutlos gemacht, und Gedanken, die früher meine Seele von sich gewiesen haben würde, beherrschten jetzt meinen Geist. Ich glaubte zuweilen, dass sich die Vorhersagung meiner Mutter erfüllt habe, die mir den Zorn Gottes verkündigt hatte, wenn ich ihr Gelübde unerfüllt liesse und mich dem Gott entzöge, dem sie mich geweiht hatte. Meine matten, kraftlosen Gedanken kehrten immer wieder zu dieser Vorstellung zurück, und ich beschloss, so bald mein Schwiegervater die Bahn seines traurigen Lebens geendet haben und meines Beistandes nicht mehr bedürfen würde, das Gelübde meiner Mutter zu erfüllen. Ein einsam gelegenes Kloster, eine enge Zelle und ein dunkles Grab waren die Gegenstände meiner sehnsucht, wenn mein Herz noch sehnsucht empfinden konnte.
Meine Kräfte waren nach und nach so weit hergestellt, dass Dübois daran denken konnte, die Reise mit mir anzutreten. Während meiner langen Krankheit hatten sich die Regierungsformen in Frankreich mehrere Male geändert, aber seinen Verwandten war es immer gelungen, Einfluss zu behalten, und so wurde es ihm möglich, die nötigen Pässe für sich und seine Nichte, die Bürgerin Blainville, herbei zu schaffen. Der letzte Rest des Vermögens des guten Alten musste angewendet werden, um die Kosten der Reise zu bestreiten, doch empfand ich hierüber keine Unruhe, da ich glaubte, der alte Graf Evremont würde jede Auslage bei unserer Ankunft grossmütig ersetzen.
Ich schied also von Frankreich und ach, mit welcher Empfindung! Sein Boden hatte das edle Blut des geliebten Mannes getrunken, und meine Augen wendeten sich mit Abscheu und Entsetzen hinweg; und doch konnte mein Herz von diesem verabscheuten und geliebten Boden sich nicht ganz losreissen, denn lebte mir nicht vielleicht noch hier ein verlornes Kind, dessen Spur ich vielleicht wieder fände, wenn ich bleiben dürfte?
Wir reisten in der Nacht ab, denn Dübois fürchtete meine Erschütterung, wenn ich die Strassen von Paris wieder erblickte, und ich schied mit heissen, schmerzlichen Tränen von der Stadt, die mein ganzes Glück vernichtet hatte. Je näher wir dem Ziele unserer traurigen Reise kamen, um so heftiger wurde Schmerz und Angst in meiner Brust; ich fürchtete den Anblick meines greisen Schwiegervaters, mein Unglück lag wie ein Verbrechen auf meiner Seele; ich sollte ihm sagen: Ich komme allein, Dein Sohn ist ermordet, Dein Enkel und Deine Tochter verloren. Ich fürchtete nicht die Kraft zu besitzen, diese schwere Pflicht zu erfüllen, und ach! ich fürchtete vergebens; die Milde des himmels hatte ihm das herbeste Leiden erspart, der Graf Evremont war gestorben, ehe eine Kunde unseres Unglücks zu ihm hatte dringen können.
Alle wichtigen Papiere hatte der Sohn in Händen gehabt, um das Vermögen aus Frankreich zu ziehen. Der Nachlass des alten Grafen war also gering, und wurde durch die lange Krankheit und die Beerdigung erschöpft, so dass Dübois keine Hoffnung auf Ersatz hatte, aber der alte treue Mann beweinte nur seinen Herrn, ohne an einen andern Verlust zu denken.
Meine Mutter fand ich ganz nah dem furchtbaren Abgrunde der Armut, in den Alter, Schwäche und Krankheit eine verlassene witwe versenken können, und meine Seele schauderte bei ihrer kleinmütigen Verzweiflung. Die Liebe zu meinem Bruder, die sie früher so ungerecht gegen mich gemacht, hatte sich in den glühendsten Hass verwandelt; er hatte ihr nach und nach Alles abgenommen, und nun, da sie keine andern Hülfsmittel mehr hatte, als das ihr von meinem Vater ausgemachte Einkommen, zahlte er auch dieses nicht und gab die Mutter dem bittersten Elende Preis. So lange mein Schwiegervater lebte, teilte er seine Hülfsmittel mit meiner unglücklichen Mutter; durch seinen Tod aber war sie der letzten Stütze beraubt, und mein Bruder schilderte ihr seine eigne schlimme Lage, und sagte ihr bestimmt und kalt, dass er nichts für sie tun könne, und wenn auch der alte Herr Blainville gestorben sei, so lebe ihr ja doch ein