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dessen Fensten Weinreben sich empor rankten, deren breite Blätter sich in der Seine wiegten, so dass ihr Schatten sich auf dem land bewegte. Neben dem einfachen Lager kniete ein alter Mann, der ein Gebetbuch in den Händen hielt und so eifrig betete, dass ihm die Tränen über die Wangen flossen. Ich blickte genau hin und strengte mein Gedächtniss an, um irgend etwas zu erkennen, wodurch ich an die Vergangenheit erinnert und die Gegenwart mir deutlich würde, denn mir war jede Erinnerung entschwunden. Nachdem ich den betenden Mann eine Weile betrachtet hatte, schien sich ein schwaches Licht in meinem geist aufzudrängen, und ich rief: Dübois! mit matter stimme. O! nie werde ich es vergessen, mit welchem Ausdrucke seliger Freude der gute Mann mich ansah, wie inbrünstig er Gott dankte für diess erste Zeichen wiederkehrender Besinnung. Ich fragte ihn, wesshalb man mich so quäle und mich an mein Lager befestigt habe. Mit Tränen winkte er eine Wärterin herbei, und man löste meine Bande auf.

Es erschien bald ein anderer Mann, in dem ich einen Arzt erkannte; er zeigte sich über meinen verbesserten Zustand sehr erfreut und versicherte, dass kaum ein Rückfall zu befürchten und man nun berechtigt sei, bei meiner Jugend das Beste zu hoffen.

Als wir wieder allein waren, fragte ich den alten Dübois nach meinem Gemahl, und der blick des Schmerzes, mit welchem er sich abwandte und stumm die hände rang, gab mir Besinnung und Gefühl meines Leidens. Ich habe nie bestimmt erfahren, welche Mittel Dübois angewendet hat, um meine Freiheit zu bewirken; nur so viel habe ich nach und nach den Mut gehabt von ihm zu erfragen, dass sich zwei von seinen Verwandten unter den Richtern befanden, und dass er es desshalb wagen durfte, seinen Bitten noch durch andere Mittel als durch Worte Nachdruck zu geben; aber nie hat er mir vertraut, wie gross die Opfer waren, die er für mein armes Leben gebracht hat. Auch für meinen unglücklichen Gemahl hatte er sich verwendet und Versprechungen erhalten, die ihn zu Hoffnungen berechtigten; er hatte es sogar erlangt, ihn im gefängnis sprechen zu dürfen, und dort hatte Evremont, der sich über sein Schicksal nicht täuschte, ihm das feierliche Gelübde abgenommen, mich nie zu verlassen und sein Leben meinem Beistande zu widmen. Ein neuer Aufstand des Volkes hatte die schwache Hoffnung Dübois vernichtet; man gab alle Gefangene, die es mit dem verhassten Namen der Aristokraten bezeichnete, Preis, und Evremont fiel mit vielen Andern.

Die Jugend übte ihr Recht; meine Kräfte begannen zurück zu kehren, und wenn ich auch in den Gedanken an meinen Sohn keinen Trost finden konnte, so fühlte ich doch die Pflicht, für ihn zu leben. Ich bat also Dübois, ihn zu mir zu bringen, weil ja nun kein Grund der Trennung mehr sei; auch verlangte ich Adele zu sehen, und ich fühlte einen wehmütigen Trost in der Hoffnung, mit der Schwester den Gemahl zu beweinen. Dübois suchte mich durch mancherlei Vorstellungen von meinen Wünschen abzuleiten und ihre Erfüllung weiter hinaus zu schieben. Ich litt selbst zu sehr, als dass ich gleich die Leiden des alten Mannes bei diesen Gesprächen hätte bemerken können; endlich aber konnte mir die ganze Tiefe meines unermesslichen Unglücks nicht länger verborgen bleiben.

Dübois war an jenem unglücklichen Tage nach der Abreise meines Bruders erst spät, nachdem er eine seinen Wünschen entsprechende wohnung gefunden hatte, in der Absicht zurückgekehrt, uns noch denselben Abend dortin zu führen. Wie gross war sein Entsetzen, als er unsere Zimmer leer fand und von dem Herrn des Hauses unser unglückliches Schicksal erfuhr. Er dachte in diesem Augenblicke nur an Evremont und an mich. Als er den ersten Schmerz beherrscht und die nötige Besinnung wiedergefunden hatte, suchte er Erkundigungen darüber einzuziehen, nach welchem Gefängnisse man uns gebracht habe, und sich dann den Weg zu unserer Befreiung zu bahnen. In diesen Anstrengungen gingen einige Wochen verloren, ehe er nur daran dachte, sich nach meinem Sohne zu erkundigen. Von meiner Schwägerin und der deutschen Dienerin glaubte er, dass sie mit uns verhaftet wären, und so erfuhr er von ihrem Schicksal nichts. Als der gute alte Mann nach unsäglichen Bemühungen endlich das gewisse Versprechen erhalten hatte, dass man mich des folgenden Tages unschuldig und frei sprechen würde, eilte er nach dem dorf, um meinen Sohn von seiner Pflegerin zurück zu nehmen und durch dessen Anblick mich zu ermuntern, das Leben mit Standhaftigkeit zu ertragen. Aber ach! der bittre Kelch des Leidens war noch nicht geleert; er musste hier erfahren, dass die witwe, welche meinen Sohn verpflegt hatte, vor zwölf Tagen gestorben wäre, und Niemand wusste, was aus dem kind geworden sei, nur so viel wussten die Nachbaren zu sagen, dass sie während der letzten kurzen Krankheit der witwe kein Kind bei ihr bemerkt hatten. Alle ferneren Nachforschungen waren vergeblich, und es schien, als ob mit einem Schlage die ganze Familie Evremont vernichtet werden sollte. Mit diesem neuen entsetzlichen Schmerz in der Seele erschien der gute Dübois im Gerichtssaale, um wenigstens mich in Sicherheit zu bringen, und es gehörte die Kraft der Religion dazu, die in seinem Herzen lebte, dass er nicht beim Anblicke des unglücklichen Endes seines geliebten Herrn den Verstand verlor und in der Nacht des Wahnsinns, die meine Seele umgab, mich noch unterstützen konnte.

Der herbeigerufene Arzt war zweifelhaft gewesen, ob nach den entsetzlichen Erschütterungen meine Vernunft jemals wiederkehren würde, und Dübois hatte den edelmütigen Entschluss gefasst