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geschehen lassen, um ihn nicht auf die rechte Spur zu leiten.

Endlich schien es, dass wir von dieser Qual erlöst werden sollten. Mein Bruder kündigte uns an, dass er feine Abreise beschlossen habe, weil seine Gegenwart erforderlich sei, um wichtige Geschäfte in Ansehung seines Vermögens zu beendigen. Es hatte sich ein Reisegefährte gefunden, dem er sich anschliessen wollte, und alle Umstände schienen uns günstig; er hatte schon Abschied genommen und wollte den Nachmittag des folgenden Tages reisen.

Wir sassen am Morgen dieses unglücklichen Tages ruhig bei einander, ohne irgend eine Ahnung einer schlimmen Zukunft, als mein Bruder blass und verstört bei uns eintrat. Er musste nach kurzem Zögern meinem Gemahl vertrauen, dass er die Nacht in einem jener berüchtigten Spielhäuser zugebracht und nicht nur alles verloren habe, was er besass, sondern auch noch eine beträchtliche Summe schuldig sei; der, an den er sie verloren, begleitete ihn und erwartete im Vorzimmer die Zahlung, und er beschwor meinen Gemahl, ihn aus diesem Labyrinte des Unglücks zu erretten, denn in der Hitze des Spiels, aufgereizt durch seinen Verlust und durch den in der Verzweiflung getrunkenen Wein, hatte er sich Reden erlaubt, die sein Verderben herbeiführen konnten, wenn er nicht schleunig den noch in seinen Händen befindlichen Pass zu seiner Abreise benutzen könnte.

Evremont übersah nicht nur die Grösse der Gefahr, in der mein Bruder schwebte, sondern er erkannte auch, wie nachteilig für uns die Verbindung mit ihm werden könne. Alle diese Gründe bestimmten ihn, ihm eine Anweisung auf jenen Banquier zu geben, dem er vertrauen durfte, und er hoffte, dieser würde die angewiesene Summe sogleich auszahlen. Unglücklicher Weise war das Bedürfniss meines Bruders so bedeutend, dass aus bester Absicht der wohlwollende Freund die Auszahlung zu verzögern beschloss, um meinen Gemahl vielleicht von einem leichtsinnigen Schritte dadurch abzuhalten, denn die grosse Eile und die verstörte Miene meines Bruders erregten in ihm den Verdacht, die Güte meines Gemahls möchte gemissbraucht werden, und er erwiderte daher auf die dringende Forderung der Zahlung, er müsse sich erst mit dem Bürger Blainville berechnen, dann sei er bereit Zahlung zu leisten.

Wie ein Verzweifelnder kam mein Bruder, von seinem Gläubiger begleitet, zurück und beschwor meinen Gemahl, ihn sogleich zu dem Banquier zu begleiten und die verlangte Berechnung abzuschliessen, damit er noch diesen Tag reisen könne, denn seiner erhitzten Einbildung schwebte gefängnis und Guillotine unaufhörlich vor.

Da er die Unbescheidenheit gehabt hatte, seinen Gläubiger bei uns einzuführen, so sah Evremont, dass die Gefahr eben so gross sei, wenn er entschieden darauf bestände, die Berechnung erst am Abende vornehmen zu wollen, als wenn er es wagte, sich ein Mal am Tage bei seinem Geschäftsfreunde zu zeigen, denn im ersten Falle könnte der ihn begleitende Gläubiger meines Bruders leicht Verdacht daraus schöpfen, dass mein Gemahl sich nicht am Tage zeigen wolle. Er beschloss also den unglücklichen gang. Der wohlwollende Banquier richtete einen blick des unwilligen Erstaunens auf meinen Gemahl, als er begleitet von meinem Bruder und dessen Gläubiger in seinem Komptoir erschien. Hätten Sie mir geschrieben, sagte er verdrüsslich, dass die Sache so dringend sei, so würde ich mich dazu verstanden haben, die Summe noch zu zahlen. Die Berechnung mit Ihnen kann ich jetzt nicht vornehmen, da mich andere Geschäfte drängen. Er gab seinem Kassirer Befehl, die Summe zu zahlen, und dieser tat es stillschweigend, indem er kaum auf meinen Gemahl zu achten schien.

Wir atmeten frei, als wir meinen Bruder entfernt wussten, den Dübois hatte abreisen sehen. Dieser gute vorsichtige Mann ging den Nachmittag desselben Tages, um eine andere entlegene wohnung für uns zu suchen, da er glaubte, dass es besser sei, nach den letzten Ereignissen einen von unserem jetzigen Wohnorte entfernten teil von Paris aufzusuchen, wo wir wieder völlig unbekannt wären. Es war ein schöner, warmer Nachmittag; Adele war mit der deutschen Dienerin zu Fuss ausgegangen, um einige Kleinigkeiten zu kaufen und sich dabei ein wenig in der freien Luft zu bewegen; ich war mit Evremont im seligsten Frieden allein, und wir bildeten Pläne, wie wir nun bald in ungestörter Ruhe in der Schweiz unserm Glück und unserer Liebe leben wollten; da auf einmal wurde ein Geräusch von vielen Tritten auf den Treppen laut, wir hörten mit Entsetzen das Getöse von Waffen; die Tür wurde aufgestossen und Polizeibeamte drängten sich, von Wachen begleitet, in unsere friedliche wohnung.

Ich war betäubt von dem furchtbaren Schreck; ich hörte nur dumpf, dass der Polizei-Beamte meinen Gemahl als Grafen Evremont verhaftete; dunkel wie im Traume sah ich, dass unsere Papiere versiegelt und weggenommen wurden; ich war innerlich erstarrt, ich fühlte in diesem Augenblicke nichts; als aber der Polizei-Beamte auch mich berührte, um mich als seine Gefangene zu bezeichnen, da zuckte ein so heftiger Schmerz durch meine Brust, dass ich leblos niederfiel.

Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich meinen Gemahl nicht mehr. Die Ungeheuer hatten ihn während meiner Ohnmacht von meiner Seite gerissen, und ich hatte nicht einmal den letzten traurigen Trost, von ihm Abschied zu nehmen. Meine furchtbare Verzweiflung rührte selbst diese täglichen Diener der Grausamkeit, sie suchten mich auf ihre Weise zu beruhigen und gaben mir zu verstehen, dass man mich zu Evremont führen, dass ich sein gefängnis mit ihm teilen würde, und dieser Gedanke machte, dass ich ruhig wie ein Lamm folgte und mich führen liess, wohin man wollte; dunkel schwebte mir der Tod als unvermeidlich