entspringen musste, und auch diese Besuche durften nicht oft wiederholt werden.
Es wäre gefährlich gewesen, die Schwester meines Gemahls als fräulein Evremont in unser Haus zu nehmen, es wurde also die Uebereinkunft getroffen, dass sie als Kammerjungfer bei mir scheinbar in Dienst treten sollte, und als solche lebte die schöne und reizende Adele seit einiger Zeit mit uns, und teilte unsere strenge Zurückgezogenheit; aber es ergab sich daraus eine Unannehmlichkeit, an die wir nicht gedacht hatten. Die Dienerin, welche mich begleitet hatte, hatte es schon sehr aufgebracht, dass der kleine Adolph ihrer Pflege entrissen worden war, und sie fand sich nun auf's Aeusserste dadurch beleidigt, dass die neue Kammerjungfer Vorzüge genoss, die ihr nie zu teil geworden waren, und welche diese nach ihrer Meinung gar nicht verdiente; auch tadelte sie mich laut darüber, dass ich jetzt noch eine Dienerin angenommen habe, da ich mein Kind nicht mehr bei mir hätte, und sie doch sehr gut mit allen Geschäften allein fertig geworden sei und das Kind auch noch gewartet habe. Es wäre diese schöne Einrichtung nur getroffen worden, weil wir nicht wüssten, wie wir Geld genug ausgeben sollten: kurz, sie liess über diesen Gegenstand ihrer übeln Laune freien Lauf, und es bedurfte aller Klugheit und Gutmütigkeit Dübois, um diese häuslichen Zwiste in den Schranken des Anstandes zu halten. Er beruhigte sie zuletzt damit, dass er ihr vorstellte, ich habe die junge person zu mir genommen, um die französische Sprache zu üben, und so liess sich endlich die treue, aber herrschsüchtige Dienerin die Gegenwart der vornehmen Mamsell gefallen, wie sie mit Bitterkeit die arme Adele nannte, und ihr Schelten über die Vermehrung unseres Hausstandes diente noch dazu, jeden möglichen Verdacht desshalb von uns zu entfernen, denn sie hatte nur zu sehr das Bedürfniss, gegen Jedermann tadelnd darüber zu sprechen und die angeblichen Gründe zu einer so unnützen Ausgabe lächerlich zu machen.
Uns Allen waren diese Verhältnisse peinlich und jeder sehnte sich darnach, die Rückreise anzutreten. Wir hatten uns bis jetzt frei von Verdacht erhalten, und selbst die fragen, welche hin und wieder an unsere deutsche Dienerin waren gerichtet worden, konnten uns nicht beunruhigen, denn sie konnte nichts verraten, weil sie uns selbst für das hielt, wofür wir in Paris galten.
So peinvoll waren zwei Jahre verstrichen, in welchen wir das Ungeheuerste erlebt hatten und nur wie durch ein Wunder ungefährdet geblieben waren. Mein Gemahl hoffte nun, nur noch eine kurze Zeit verweilen zu müssen, um auch einen grossen teil des Vermögens mit sich nehmen zu können, den ein treuer Freund seines Vaters ihm überliefern sollte, und schon traf Dübois im Stillen alle Anstalten zur Abreise und hatte auch Hoffnung, einen Pass für die so genannte Kammerjungfer zu erhalten, die ebenfalls für eine Schweizerin angesehen werden sollte, und ach! mit welcher sehnsucht schlugen Aller Herzen dem Augenblicke dieser Abreise entgegen.
Unser einziger Vertrauter, welcher die Geldgeschäfte für meinen Gemahl leitete, war das Haupt eines ansehnlichen Wechselhauses, und weil ihm mein Schwiegervater in früheren zeiten die wichtigsten Dienste geleistet hatte, blieb er uns aufrichtig ergeben; aber so schlimm und gefahrvoll war die damalige Zeit, dass selbst er meinen Gemahl dringend bat, nie am Tage ihn in seinem Komptoir sprechen zu wollen, weil er seinen Kassirern und Schreibern nicht das Leben eines teuern Freundes anvertrauen möge, Falls er von einem als Graf Evremont erkannt werden sollte. Desshalb ging mein Gemahl auch zu ihm nur in der Abenddämmerung und sprach ihn dann nicht im Komptoir, sondern in seinem Zimmer.
So standen die Sachen, als ein unglückliches Geschick es wollte, dass mein Bruder zum zweiten Male in Paris erschien und unserem treuen Dübois auf der Strasse begegnete; es liess sich auf seine Erkundigung nicht abläugnen, dass wir noch in Paris wären, um so weniger, da ihm meine Mutter diese Nachricht schon mitgeteilt hatte, und eben so wenig konnte der alte Mann es vermeiden, diesen Bruder zu uns zu führen, wie er verlangte. Er tat es mit klopfendem Herzen und fand nur darin einige Beruhigung, dass der Leichtsinnige selbst seinen Schwager nur unter dem Namen Blainville kannte.
Nach dem ersten Besuche meines Bruders, der uns alle in Schrecken setzte, wurden die Anstalten zur Abreise noch eifriger betrieben, denn ausser der sorge für uns selbst, erfüllte es uns mit Unruhe, wie er die zunehmende Schwäche des alten Evremont schilderte, und er tat diess ohne Schonung, weil er glaubte, dass uns diese Nachrichten keinen Kummer verursachen würden, denn da wir, nach seiner und meiner Mutter Ansicht, den alten Mann um unseres Vergnügens Willen leichtsinnig verlassen hatten, so setzte er keine grosse Liebe für ihn bei uns voraus, und wir mussten seufzend schweigen, um uns durch unsere Verteidigung nicht zu verraten. Wir waren aber nun in unserer Zurückgezogenheit nicht mehr die Herren unserer Zeit; meine schöne Schwägerin, die reizende Adele, die mein Bruder für meine Kammerjungfer hielt, machte einen unwiderstehlichen Eindruck auf ihn, und er brachte beinah alle Tage in unserm haus zu. Bei seinen häufigen Besuchen musste es ihm auffallen, uns immer zu haus zu treffen, und da er eine gewisse Vertraulichkeit zwischen Adele und meinem Gemahle zu bemerken glaubte, so bildete er sich ein, dass diesen eine unerlaubte Neigung an das Haus fesselte, und dass ich meine Zimmer kaum verliesse, um die Beiden nicht unbewacht zu lassen. Dieses eingebildete verhältnis gab ihm gelegenheit, auf unsere Kosten witzig zu sein, und wir mussten es