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Viel ich während Evremonts Abwesenheit gelitten hatte, und lobte meinen Entschluss, der meinen Gemahl mit dankbarer Freude erfüllte. Nun wurde beschlossen, wir sollten die grösste Behutsamkeit anwenden und uns den Weg offen lassen, Falls sich die Lage der Dinge geändert hätte, dass wir unter dem Namen Evremont nicht aufzutreten brauchten.

Der Arzt meines Schwiegervaters nahm den lebhaftesten Anteil an unserer Sicherheit und verschaffte uns Pässe, worin wir als eine Schweizerfamilie, Namens Blainville, bezeichnet wurden; und als es nun endlich zur Abreise kam, bestand der alte Graf Evremont darauf, dass sein alter erprobter Diener, der mehr sein Freund geworden, als sein Untergebener geblieben war, uns begleiten sollte, da seine Kenntniss von Paris, seine Einsicht und Treue uns von unschätzbarem Nutzen sein könne. Der gute Dübois trennte sich mit Tränen von seinem geliebten, leidenden Herrn, dessen Pflege er nun Fremden überlassen musste, aber er erkannte es als Pflicht, bei dem gefährlichen Unternehmen des jungen Grafen seinen Beistand nicht zu versagen, um wo möglich das Vermögen retten zu helfen und auch die Tochter in die arme des Vaters zu führen.

Meiner Mutter musste die Ursache unserer Reise verschwiegen werden, und hatte sie schon früher den sträflichen Leichtsinn meines Gemahls bitter getadelt, der ihn nach ihrer Meinung bestimmt hätte, Vater, Gattin und Kind zu verlassen, um sich in Paris allen Zerstreuungen hinzugeben, so konnte sie nun nicht Worte finden, die ihr hart genug schienen, um meine Lieblosigkeit zu schelten, die nun auch mich bestimmte, einem leichtsinnigen Gemahl zu folgen und einen leidenden Vater zu verlassen. Sie tadelte mit heftigen Worten dessen Schwäche, die ihn, wie sie glaubte, bestimmt hätte, seine Einwilligung zu einem unsinnigen Unternehmen zu geben, und ihr Unwille stieg auf's Höchste, als sie bemerkte, dass auch Dübois mit uns gehen sollte und so der alte Mann ganz verlassen bliebe. Sie sagte mir mit Härte, sie habe immer geglaubt, da ich meine Pflicht gegen Gott nicht habe erfüllen wollen, dass ich gegen Menschen nicht gewissenhafter sein würde. So schieden wir, von dem Segen meines Schwiegervaters, von seinen eifrigen Gebeten begleitet, und von meiner Mutter mit Kälte und Unwillen entlassen.

Wir erreichten zwar ohne Hindernisse Paris, unsere Pässe wurden überall als gültig anerkannt; aber wie ganz anders hatte sich hier Alles in dem kurzen Zeitraume während meines Gemahls Abwesenheit gestaltet. Die Erbitterung und die Zügellosigkeit des Volkes war auf's Höchste gestiegen. Der Adel wurde verfolgt, und Wer sein Vaterland verlassen hatte, wurde als ein des Todes schuldiger Verräter betrachtet, und auch Evremont war als ein solcher bezeichnet worden. Die noch nicht verkauften Grundstücke waren eingezogen worden, und sein Leben wurde bedroht. Wie segneten wir die Weisheit meines Schwiegervaters und seines Freundes, des wohlwollenden Arztes; wir konnten uns nun als die Familie Blainville durch Dübois Beistand eine einfache wohnung in einer Vorstadt mieten und lebten hier als Bürger mit beschränkten Mitteln gänzlich zurückgezogen, so dass ich von den Herrlichkeiten der Hauptstadt der Welt, wie mein Bruder sie nannte, wenig bemerkte, und auch mein Gemahl verliess das Haus nur in der Dämmerung, von Dübois begleitet, um die nötigen Geschäfte zu besorgen. Diese strenge Eingezogenheit wirkte nachteilig auf die Gesundheit meines Sohnes, und der herbei gerufene Arzt riet uns, den Liebling unseres Herzens, der bisher beinah immer in freier Luft gelebt hatte, auf ein Dorf zur Pflege zu geben, wie so viele Eltern in Paris es täten, die für die Gesundheit ihrer Kinder besorgt wären. Er rühmte uns zu diesem Zweck eine witwe an, deren Gewissenhaftigkeit er aus Erfahrung kannte.

Mein Herz blutete bei diesen Vorschlägen und ich sah mit Tränen auf meinen bleichen Knaben. Der Arzt verliess uns, und Dübois stellte mir vor, dass ich der Gesundheit meines Sohnes diess Opfer schuldig sei und in Gefahr geriete, wenn ich es nicht bringen wollte, diess liebliche Kind zu verlieren; auch sei die Lage meines Gemahls so gefährlich, dass man selbst nicht dem arzt mit Sicherheit einen häufigen Zutritt in unser Haus gestatten könne, ohne Unvorsichtigkeit und Verrat fürchten zu müssen.

Ich fügte mich allen diesen Gründen, die Evremont lebhaft unterstützte, und gab das Kleinod meines Herzens dahin. Dübois versicherte uns, dass er in Paris viel sicherer sei, als mein Gemahl, denn mehrere seiner ehemaligen Bekannten, ja selbst einige seiner Verwandten gehörten zu den heftigsten Jakobinern und waren als solche Magistratspersonen geworden, und sie hatten nicht so sehr alles menschliche Gefühl verloren, dass nicht ihr ehemaliger Freund und Verwandter einigen Schutz hätte finden sollen, aber ihr republikanischer Eifer ging so weit, dass er diesen nicht auf uns auszudehnen wagte.

Ach! wie schmerzlich blutete mein Herz, als ich mein Kind in Dübois arme legte, es war, als ahnete ich das entsetzliche Unglück, von dem ich betroffen werden sollte, und der alte Mann war so ergriffen von meiner heftigen Rührung, dass er kaum vermochte, den als vernünftig erkannten Vorsatz auszuführen; doch siegte die sorge für unsere Sicherheit über sein Mitleid und er trug mein Kind hinweg.

Der Zustand in Paris wurde immer trüber und ängstlicher. Wir wagten es nicht, am Tage meinen Sohn zu besuchen, und es konnte nicht fehlen, dass es der witwe auffallend erscheinen musste, dass wir jedes Mal so spät Abends das Dorf erreichten, dass wir uns begnügen mussten, das schlummernde Kind zu betrachten, um uns von seinem Wohlsein zu überzeugen. Dübois warnte mich ernstlich vor der Gefahr, die hieraus für Evremont