Bruder, dem die trübe Einsamkeit, in der wir lebten, peinlich und langweilig war, und wir hörten nun nichts aus Frankreich, als was uns öffentliche Blätter meldeten, denn ein Briefwechsel wäre unsicher und gefährlich gewesen, und in vielen verzweiflungsvollen Stunden glaubte ich, Evremont sei schon als Opfer gefallen, und ich sah, dass dieselbe sorge an dem Leben meines Schwiegervaters nagte. Viele gewaltsame Auftritte waren schon vorgefallen; die Bastille war erstürmt worden, und immer kehrte mein Gemahl noch nicht zurück. Das Kind, welches er auf den Armen der Wärterin zurück gelassen hatte, fing an seine Kräfte zu entwickeln und lernte den Namen Vater lallen, indess wir fürchteten, der Vater sei ihm schon verloren.
In solcher Qual waren uns mehr als achtzehn Monate verstrichen und die Hoffnungslosigkeit hatte alle Kräfte unseres Geistes gelähmt. Dazu gesellten sich andere Sorgen; die Hülfsmittel meines Schwiegervaters fingen an sich zu erschöpfen, und wir lebten einer kummervollen Ungewissheit der Zukunft in jedem Sinne entgegen.
Noch ein Mal leuchtete ein Strahl des Entzückens in unser dunkles Schicksal. Wir hatten einen kummervollen Tag, wie viele vorhergehende, vollbracht und überlegten in der Stille des Abends, welchen Gefahren Evremont vielleicht habe erliegen müssen, als die Tür sich öffnete, und der, für dessen Schicksal wir noch eben fürchteten, gesund und heiter hereintrat. O! Wer vermöchte die rührende Freude zu beschreiben, mit welcher der greise Vater den in voller Kraft der Jugend und männlicher Schönheit blühenden Sohn in seine arme schloss. Wer vermöchte mein Entzücken nachzufühlen, als der langersehnte Vater an das Lager seines Kindes trat und behutsam die rosige Wange des kleinen Schläfers küsste, um den süssen Schlummer des holden Lieblings nicht zu stören. Ja noch ein Mal umspielte die reinste Freude mein Herz, und die Tränen meines Entzückens vermischten sich mit den Tropfen, die Liebe und Rührung aus den Augen des geliebten Mannes pressten.
Als wir uns so weit gesammelt hatten, dass wir seine Mitteilung vernehmen konnten, berichtete mein Gemahl, dass er Alles in Paris viel besser gefunden habe, als wir hätten hoffen dürfen. Er habe dem Gerüchte, dass sein Vater gestorben sei, nicht widersprochen, um mit mehr Sicherheit und Ruhe für unser aller Wohl sorgen zu können, denn wenn auch die Hofpartei jetzt zu schwach sei, um meinem Schwiegervater zu schaden, so sei dagegen die Volkspartei viel mächtiger geworden, die sich einbilden könnte, sie wolle in seiner person einen Feind ihrer Ansichten bestrafen. Er selbst hatte überall die beste Aufnahme gefunden, und er durfte hoffen, dass, wenn er schleunig zurückkehrte, man seine Entfernung nicht erfahren und ihn also nicht auf die Liste der Emigrirten bringen würde. Das gesammte Vermögen wollte er dann nach und nach in Sicherheit zu bringen suchen, wie er schon Vieles von den liegenden Gründen veräussert habe und die Summen, die er nicht gleich baar hätte erhalten können, durch die Anweisung an einen Freund, dem der Vater vollkommen vertrauen konnte, sicher gestellt hätte. Bedeutende Summen, die er baar mitbrachte, erhöhten noch die allgemeine Zuversicht; auch beruhigte er den alten Vater über die zurückgebliebene Tochter, für deren Sicherheit ebenfalls gesorgt war.
Für mich war ein Schreckensklang in diesem Berichte; es wurde von meinem Gemahl mit Bestimmteit ausgesprochen, dass er bald wieder nach Paris zurückkehren müsse, und auch mein Schwiegervater sah diess als notwendig an. Der Gedanke an eine neue Trennung war mir fürchterlich. Die Erinnerung an alle Leiden, an die qualvolle Angst, an die Schrecknisse, welche meine Phantasie mir vorgespiegelt hatte, erregte in mir ein solches Entsetzen, dass ich nicht den Mut hatte, alle diese Empfindungen noch ein Mal zu erleben, und ich beschloss im Stillen, mich nicht wieder von Evremont zu trennen.
Die gespräche zwischen meinem Gemahl und seinem Vater berührten in dieser Zeit oft den Zustand äusserster Aufregung, in dem sich Frankreich damals befand, und Beide gaben zu, dass inmitten aller Ausschweifungen, zu denen das Volk sich verleiten liess, grosse Kräfte und herrliche Talente sich zu entwickeln begannen, und mein Gemahl machte den alten Vater oft darauf aufmerksam, dass sie von angestammten Vorrechten nicht mehr aufzugeben brauchten, um in Frankreich ungestört zu leben, als sie hier freiwillig aufopferten, um unter fremdem Himmel, vergessen, ein dunkles Dasein zu fristen.
So zärtlich der Vater den einzigen Sohn auch liebte, so konnte dieser doch niemals diese Seite berühren, wie behutsam er es auch tat, ohne den alten Grafen Evremont auf's Schmerzlichste zu verwunden, der sich dann wohl zu heftigen Vorwürfen hinreissen liess und meinen Gemahl beschuldigte, dass auch er sich dem allgemeinen Schwindel hingäbe, und aus Verkehrteit des Herzens sich mit dem Pöbel zu vermischen und sein edles Blut zu beschimpfen strebe.
Wenige gespräche reichten hin, um meinen Gemahl zu überzeugen, dass diess ein Punkt sei, über den er mit dem Vater nie seine Ansicht teilen würde, und dass es daher besser sei, gespräche dieser Art gänzlich zu meiden und Alles zu tun, um der Neigung des Vaters zu entsprechen.
So waren zwei Wochen vergangen, als mein Gemahl daran erinnerte, dass er seine Rückreise nach Frankreich antreten müsse, wenn er es vermeiden wolle, dass seine Abwesenheit nicht bemerkt würde. Mein Schwiegervater gab die notwendigkeit mit einem tiefen Seufzer zu, und Evremont blickte mit dem Ausdrucke des innigsten Schmerzes auf mich. Dieser blick gab mir den Mut, sogleich bestimmt zu erklären, dass ich mich nicht wieder von meinem Gemahl trennen würde.
Mein Schwiegervater hatte bemerkt, wie