Mutter geordnet hatte, verliess er uns, um ein Jahr in Paris zuzubringen, und dann nach seiner Rückkehr wollte er sein Vermögen aus den Händen seines Vormundes empfangen und, wie meine Mutter hoffte, den lang genährten Vorsatz ausführen, sich in den Schooss der katolischen Kirche aufnehmen zu lassen. Wir alle sahen ihn mit Vergnügen nach dem land seiner sehnsucht abreisen, denn Paris war ihm der Mittelpunkt der Welt, das Ziel seiner glühenden Wünsche, und er hatte es bis jetzt nicht erreichen können, weil ihm sein Vormund standhaft die Mittel dazu verweigerte.
Wenige Wochen nach der Abreise meines Bruders wurde unser aller Glück erhöht, denn der Himmel schenkte mir einen Sohn, den der Grossvater mit dankbaren Tränen gegen Himmel hob, der Vater mit trunkenem Entzücken betrachtete und den ich, in selige Freude verloren, an meinen Busen drückte. Gewiss begleitet die Liebe einer Mutter den Sohn unwandelbar durch sein Leben, aber sie wird sich mit dem vorrükkenden Alter in eine innige Freundschaft verwandeln, die wehmütige Zärtlichkeit einer jungen Mutter aber, den rührenden Stolz, die ahnungsvolle Liebe, die trunkene Hoffnung auf eine glänzende Ferne, diese Gefühle kann nur dunkel ahnen, Wer sie nicht selbst erlebt hat.
Mein Schwiegervater hatte scheinbar zufällig den Geistlichen bei sich, der unsere Trauung vollzogen hatte; der Arzt, ein Freund, auf dessen Verschwiegenheit er ebenfalls zählen konnte, erklärte, das Kind sei so schwach, dass es sogleich getauft werden müsse, ehe meine Mutter eingeladen werden konnte, der heiligen Handlung beizuwohnen, und so waren mein Schwiegervater und der Arzt die einzigen Taufzeugen, und der neugeborne Evremont wurde in der Taufe Adolph genannt.
Meine Mutter schalt den Arzt unwissend, als sie das gesunde Kind erblickte, für dessen Leben er gezittert hatte, und der gutmütige Mann liess sich lächelnd den Vorwurf gefallen und sagte, er danke Gott für seinen Irrtum.
Glück und Frieden, die seligste Ruhe umspielten mein Leben, und meine zagende Seele sträubte sich, die Erinnerung von diesem hellen Punkte meines Daseins abzuwenden, um sich in die dunkele Tiefe grausenvoller Verzweiflung zu versenken.
Mein Sohn war ungefähr ein Jahr alt geworden, ich hatte ihn selbst genährt, denn meine eifersüchtige Liebe würde es mit Neid betrachtet haben, wenn sein erstes Lächeln sich einem fremden Wesen zugewendet hätte. Eine Aufwärterin, die meiner Mutter aus Deutschland gefolgt war, hatte sich seit meiner Verheiratung in meinen Dienst begeben, und diese wurde nun die treue und sorgfältige Wärterin des Kindes. Um diese Zeit fing mein Schwiegervater an, an manchen Uebeln zu leiden, die zwar für ihn beschwerlich waren, aber doch nicht sein Leben zu verkürzen drohten, und wir hielten es für unsere Pflicht, ihm mehr als je unsere Liebe und unsere Dienste zu weihen, um ihm sein Schmerzenslager erträglicher zu machen, aber eine schlimme Nachricht schreckte uns alle aus der Ruhe des Herzens auf. Ein Freund meines Schwiegervaters hatte Frankreich neuerdings verlassen und brachte die Kunde, dass die Schwester meines Gemahls sich aus ihrem Schutzorte habe entfernen müssen, weil ihre Beschützer selbst, um wieder sie verhängten Verfolgungen zu entgehen, aus Paris entflohen wären, ohne für ihre Schutzbefohlne zu sorgen. Die Schrecken der nahen Revolution fingen um diese Zeit an fühlbar zu werden, das Volk fing an seinen Hass gegen den Adel tätlich zu zeigen, schon schien seine Wut Opfer zu fordern, und jeder, der nicht den Mut hatte, alle in früheren Jahrhunderten erworbene Vorrechte aufzugeben, suchte sein Haupt vor der drohenden Gefahr zu bergen. Wie viele Andere, so waren auch die Beschützer meiner Schwägerin entflohen, und man erfuhr in dieser Angst um ein geliebtes Wesen nur, dass eine alte Dienerin des Hauses sie bei sich in tiefster Verborgenheit aufgenommen habe. Mein Schwiegervater war in Verzweiflung, dass seine Krankheit eine Reise unmöglich machte, und es wurde nach langem Kampfe beschlossen, dass mein Gemahl zum Schutze der Schwester nach Frankreich zurückkehren sollte. Ich erklärte, mich nicht von ihm trennen zu wollen, aber die Vorstellungen meines Schwiegervaters, die sorge für meinen Sohn, die Bitten meines Gemahls und vor Allem die Versicherung seiner baldigen Rückkehr bestimmte mich endlich, mich dem allgemeinen Wunsche zu fügen, und Evremont reiste, von schmerzlichen Tränen und heissen Segenswünschen begleitet, ab.
Ach! wie trübe wurden nun die Tage am Krankenlager meines Schwiegervaters, dessen Zustand die sorge um seine Kinder verschlimmerte; kaum gewährte mir das Lächeln der süssen Unschuld, mit dem mein Sohn seine dunkeln Augen zu mir erhob, einigen Trost! Die grosse Aehnlichkeit mit seinem Vater, den ich fern und in Gefahr wusste, erpresste mir Tränen, so oft ich auf ihn blickte, und unser aller Angst wurde erhöht, als mein Bruder aus Frankreich zurückkehrte und alle Auftritte schilderte, die schon vorgefallen waren; aber dennoch hatte ihn Paris mit allen seinen Freuden so entzückt, dass er den Vorsatz aussprach, dahin zurück zu kehren, sobald er seine Geschäfte mit seiner Vormundschaft geendigt habe. Meine Mutter erinnerte ihn an seine Versprechungen, die ihr am Wichtigsten waren, und er erwiderte mit frechem Scherze, den die gute Mutter nicht verstand, Paris sei am Besten dazu geeignet, die Religion zu verändern, und sie sollte von ihm hören, sobald er wieder dort sein würde. Er beklagte es, dass er seinen Schwager nicht in Paris getroffen, und machte mir Vorwürfe, dass ich zurückgeblieben sei und so die gelegenheit verloren habe, die Hauptstadt der Welt, wie er Paris nannte, kennen zu lernen.
Nach einem kurzen Aufentalte bei uns verliess uns mein