von meinem Erstaunen erholt, als unser Wagen vor dem Eingange des Kirchhofes hielt, der die kleine Kirche umgab. Mein Verlobter wartete hier auf mich und führte mich zur Kirche; mein Gemüt war wunderbar bewegt, das kleine Gefolge, die beinah heimliche Trauung, die Ungewissheit über den Namen meines künftigen Gemahls, Alles versetzte mich in eine so ängstliche Spannung, dass ich das Feierliche der Handlung kaum empfinden konnte und vor Allem darauf lauschte, welchen Namen der alte, ehrwürdige Geistliche aussprechen würde, um den Mann, der ihn führte, mit mir zu verbinden, und überrascht zuckte ich zusammen, als er ihn unter dem Namen Graf Evremont fragte, ob er mich zur Gefährtin seines Lebens wähle.
IV
Bis hieher hatte der Graf mit Spannung zwar, aber doch mit ruhiger Aufmerksamkeit gelesen, der Name Evremont aber traf wie ein Blitzstrahl seinen Geist, die Blätter entfielen seiner Hand, und die Erzählung des General Clairmont gewann in diesem augenblicke ein furchtbares Licht.
Er sah seinen unglücklichen Freund auf dem Schaffot; er erblickte seine Gemahlin im Gedränge des volkes; er sah sie die weissen arme erheben, sah den wahnsinnigen Ausdruck des Gesichts, er hörte innerlich ihren lauten durchdringenden Schrei und verhüllte, vor entsetzlichem Schmerze laut weinend, sein Gesicht, und, so wunderbar ist des Menschen Gemüt, in diesem ungeheuern Schmerze beklemmte doch zugleich die Beschämung seine Seele, sich seine Gemahlin so tief erniedrigt, vermischt mit dem volk, als die witwe eines Hingerichteten zu denken. Er bedurfte eines langen Kampfes mit sich selber, ehe er so viel Fassung gewann, dass er die Blätter wieder ergreifen und diese unglückliche geschichte weiter verfolgen konnte. Die Erinnerung, mit welcher Pein seine Gemahlin ihn erwarten würde, gab ihm endlich den Mut dazu, und er kehrte zu dem Inhalte der verhängnissvollen Blätter zurück und las, wie die Gräfin den Fortgang ihrer geschichte folgendermassen berichtete:
Mein Schwiegervater führte mich als die Gemahlin seines Sohnes in sein Haus und benutzte die erste ruhige Stunde, mir die notwendigkeit zu zeigen, seinen Namen zu verschweigen. Er hatte beschlossen, seinen Sohn keiner Gefahr mehr auszusetzen, sondern, sobald es sich tun liesse, selbst nach Frankreich zurückzukehren, um seine Tochter und sein Vermögen in Sicherheit zu bringen, und er glaubte, er würde diesen Plan um so gefahrloser ausführen können, wenn Niemand seinen Tod bezweifelte. Ob ich gleich sehr jung war, sah ich die Wichtigkeit des Geheimnisses doch ein und begriff die notwendigkeit, alle unsicheren Zeugen bei meiner Trauung zu entfernen. Der alte Geistliche, welcher uns eingesegnet hatte, war der Beichtvater und Freund meines Schwiegervaters, also war auch auf dessen Verschwiegenheit zu zählen.
Ich war dem Herzen meiner Mutter niemals teuer gewesen, aber seit meiner Verheiratung behandelte sie mich völlig wie eine Fremde und richtete jeden zärtlichen, liebevollen Gedanken ohne Hehl auf meinen Bruder, dessen Mündigkeit sie sehnsüchtig herbeiwünschte, denn sie zweifelte nicht, dass er dann sein Versprechen erfüllen und seine Seele, wie sie es nannte, in Sicherheit bringen würde. Mich kränkte diese unverdiente Kälte, und diess war der einzige Kummer, der damals wie ein Schatten zuweilen den hellen Glanz meines Glückes verdunkelte.
Ich empfand es eine kurze Zeit, wie glücklich der Mensch sein kann, um bald mit desto heftigerem Schmerz zu erfahren, welch furchtbares Leid das menschliche Herz zu ertragen vermag. Mein Schwiegervater liebte mich zärtlich und äusserte oft, wenn ein Franzose Frankreich vergessen könne, so würde er sich hier, umgeben von unserer Liebe, vollkommen glücklich fühlen, besonders wenn er die Tochter erst mit uns vereinigt habe; aber ach! geliebte Kinder, seufzte er dann, der Himmel gewährt kein reines Glück, wir sind doch immer aus unserm vaterland verbannt. Der Sohn suchte ihn in solchen Stunden mit der Möglichkeit der Rückkehr zu trösten. Es wird die Zeit einmal kommen, erwiderte er dann wohl, Frankreich wird feine Kinder wieder zu sich rufen, aber ich werde diese Zeit nicht mehr erleben.
Unser stilles Glück wurde durch den Tod meiner trefflichen Grosstante getrübt; sie endigte nach einer Krankheit von wenigen Stunden wie im sanften Schlummer ein wahrhaft frommes Leben. Gleich bei unserer Ankunft hatte sie meine Mutter für ihre einzige Erbin erklärt und, wie sie es versprochen hatte, ihr Testament diesem Zwecke gemäss eingerichtet. Später, als die treffliche Frau die ungerechte Vorliebe meiner Mutter für meinen Bruder bemerkte, wollte sie zu meinem Vorteile eine Aenderung treffen, die jedoch immer verschoben wurde, und so geschah es, dass der Tod sie überraschte und die frühere Anordnung in Kraft blieb. Ich beweinte die geliebte Frau, die mir mehr Mutterliebe erwiesen hatte, als die Mutter, die mich geboren hatte; aber das zärtliche Flehen meines Gemahls schmeichelte meinen Kummer hinweg, er erinnerte mich an die Pflichten gegen ihn, gegen seinen Vater, und ach! an das Pfand unserer Zärtlichkeit, das noch unter meinem Herzen ruhte und dem sich meine Seele mit dunkler, ahnungsvoller Liebe zuneigte.
Meine Mutter meldete meinem Bruder den Tod der Tante und forderte ihn auf, zu kommen und ihr bei den nun eingetretenen Geschäften beizustehen. Wie wir es erwartet hatten, folgte er bereitwillig diesem Rufe, um für meine Mutter die Erbschaft in Empfang zu nehmen, und diese erstaunte, als diess Geschäft nach einigen Wochen beendigt war, den Nachlass ihrer Tante so gering zu finden, dass sie nicht auf das ihr von meinem Vater ausgesetzte Einkommen, wie es ihr Vorsatz war, zu Gunsten meines Bruders Verzicht leisten konnte.
Nachdem mein Bruder die Geschäfte meiner